Es ist meistens nicht der Mann, der einem nachts folgt, auf leerer Straße. Oder der im Park plötzlich aus dem Gebüsch springt. Im Falle der Tochter einer Freundin passiert es am Nachmittag. Sie, ich nenne sie hier Laura, denn so heißen viele Mädchen und vielen, viel zu vielen passiert so etwas, Laura fährt U-Bahn. Die Bahn ist nicht überfüllt, aber auch nicht gerade leer.

Laura setzt sich in einen Vierer ans Fenster, streckt die Beine aus und vertieft sich in ihre WhatsApp-Nachrichten. Plötzlich spürt sie etwas an ihrem Bein. Es ist der Fuß des Mannes, der ihr schräg gegenüber sitzt. Mittelalt, „so wie Mama“, sagt Laura später. „Graue Haare“. Da müssen wir beide lachen. Da kann sie wieder lachen.

„Ich bin 13 Jahre alt!“ 

Verstört zieht Laura die Beine an und drückt sich an die Wand. Der Mann zieht seinen Fuß zurück. Kurze Zeit später beugt er sich vor und legt die Hand an Lauras Bein, oberhalb des Knies, an die Innenseite ihres Oberschenkels. Laura springt hoch, baut sich vor ihm auf und schreit: „Fassen Sie mich nicht an, ich bin 13 Jahre alt!“ Sie habe gar nicht nachgedacht, das kam aus dem Bauch, sagt Laura später.

Hier könnte die Geschichte fast zu Ende sein, denn der Rest ist schnell erzählt. Andere Fahrgäste werden aufmerksam, zwei treten gleich hinzu. Zwei Mitarbeiter der BVG befinden sich zufällig in der Bahn. Sie nehmen den Mann zwischen sich, legen ihn auf den Boden und halten ihn fest bis zur nächsten Station. Dort steigen alle aus, die BVG-Leute mit dem Mann, der eine 13-Jährige angefasst hat, ich nenne ihn hier Widerling, denn das ist er. In Gedanken gebe ich ihm und allen anderen, die 13-Jährige anfassen, schlimmere Namen.

Tränen trotz Trost

Am Bahnsteig wartet man auf die Polizei, die bald eintrifft. Laura und die Zeugen berichten, was geschehen ist, dann bringen zwei Beamte Laura nach Hause. Im Auto muss sie weinen. Obwohl alles gut ausgegangen sei, sagt sie. Der eine Zeuge habe sogar zu ihr gesagt: „Wenn die Sicherheitsbeamten nicht gekommen wären, hätte ich den Typ aus dem Fenster geworfen.“

Das, und dass alle so schnell reagiert hätten, habe sie sehr getröstet. Ihr Sicherheit gegeben, Mut gemacht. Trotzdem musste sie weinen, und da habe sie sich schon geschämt. Sagt Laura. Deswegen ist die Geschichte hier nicht zu Ende.

Laura haben mittlerweile so viele Menschen, auch ich, gesagt, dass es keinen Grund gibt, sich zu schämen, dass sie das weiß. Dass sie, im Gegenteil, sehr stolz auf sich sein kann. Weil sie alles richtig gemacht hat. Und sehr mutig war. Dass ihr Verhalten anderen Mut machen wird. Dass sie ein Vorbild ist. Weil viel zu viele Mädchen und Frauen nicht aufstehen und schreien. Sondern sich schon vorher schämen. Und später schweigen. Aus Angst, verständlicher aber fataler Angst, vor den Widerlingen da draußen. Aus Angst, alleingelassen zu werden, weil man ihnen nicht glaubt.

Viele Widerlinge können deshalb einfach so weitermachen. Und keiner merkt es. Bei diesem war es anders. Dank Laura.