Überlastete Kreißsäle: „Keine möchte an dem Tag da sein, wenn jemand stirbt“

Vivantes Neukölln reduziert die Zahl der Entbindungen. Ursache für die Misere ist jedoch nicht der Streik. Eine Medizinerin spricht Klartext.

Eine Hebamme neben einem Säuglingsbett in einer Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. 
Eine Hebamme neben einem Säuglingsbett in einer Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. dpa/Arno Burgi

Berlin-Aus dem Telefonat wird rasch eine Brandrede, vorgetragen von einer Ärztin am anderen Ende der Leitung. Sie arbeitet an einem der 51 Krankenhäuser Berlins in der Geburtshilfe. Ihren Namen und den ihres Arbeitgebers möchte sie nicht veröffentlicht wissen. Es gehe ihr nicht um sich selbst oder ihren Kreißsaal, sondern um die Situation bei Klinikgeburten in der Stadt generell, und die sei katastrophal, sagt die Ärztin. Sie benutzt ein Sprachbild: „Wir saufen ab und versuchen, mit einer Schöpfkelle das Wasser aus dem Boot zu bekommen. Es muss aber oben irgendjemand den Wasserhahn zudrehen.“ Der irgendjemand, das wird im Verlauf des Gesprächs klar, ist die Politik, der Senat.

Wieder einmal steht das Gesundheitssystem in einem wichtigen Bereich kurz vor dem Kollaps, weil es auf Effizienz und Kostendämpfung getrimmt ist und dabei kaum Spielraum lässt. Corona hat die Geburtshilfe bereits vor Herausforderungen gestellt. „Jetzt führt der Streik an den Landeskliniken dazu, dass mehr Patientinnen für die Entbindung zu uns kommen. Mehr als wir guten Gewissens aufnehmen können“, sagt die Ärztin. Wichtig ist ihr: „Mir geht es nicht darum, dass die Beschäftigten an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, ohne etwas erreicht zu haben, sondern darum, dass die Entscheidungsträger endlich handeln. Und zwar sofort.“

Vivantes Neukölln reduziert seine Entbindungstätigkeit

Im Vivantes-Klinikum Neukölln arbeitet die Geburtsstation bereits eingeschränkt. Grund sei allerdings nicht der Streik, betont das landeseigene Unternehmen. Vielmehr mache Personalmangel diesen Schritt erforderlich. Im Klinikum würden die üblicherweise monatlich rund 300 Entbindungen bis auf weiteres um zehn Prozent reduziert, betroffene Frauen jedoch in andere Kliniken vermittelt. 

Sofortiges Handeln – das fordern die Pflegekräfte bei Vivantes und der Charité; sie fordern einen Tarifvertrag Entlastung, der bei Unterbesetzung einen Freizeitausgleich festschreibt. Unterbesetzung scheint derzeit der Normalzustand zu sein. Das zeigen die Schilderungen der Medizinerin. „Die Krankenwagen bekommen die schwangeren Frauen nicht unter“, berichtet sie. Immer wieder und derzeit immer häufiger kommt es vor, dass sich ihre Station bei der Leitstelle der Feuerwehr abmelden muss, weil keine Betten frei sind und Personal fehlt, das sich um Patienten kümmern kann. „Trotzdem werden wir von Rettungswagen angefahren, auch mit Frauen, bei denen eine Frühgeburt drohtAuch wenn wir sagen, dass uns in der Neonatologie keine Beatmungsplätze mehr zur Verfügung stehen.“

Neulich erst musste die Ärztin wieder rasch reagieren, als direkt hintereinander kritische Fälle kamen, unmittelbar bevorstehende Frühgeburten. „Ein Gefühl wie im Feldlazarett“, sagt die Medizinerin. „Man hat das Empfinden, dass man irgendwann anfangen muss, zu triagieren.“ Auszuwählen, für welche Mütter das knappe Personal und Material zur Verfügung gestellt wird und für welche nicht.

Die Klinik der Ärztin kämpft wie andere Häuser mit Entbindungsstation mit einem Mangel an Fachkräften: „Wir haben seit Jahren ein akutes Hebammen-Problem“, sagt sie. In einem Gutachten, kurz vor Ausbruch der Pandemie veröffentlicht, hat das IGES-Institut im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums den Mangel dokumentiert. Befragt wurden repräsentativ ausgewählte Geburtskliniken und ihre Hebammen zur Lage im Jahr 2018. Demnach musste mehr als jede dritte Klinik mindestens einmal im Erhebungszeitraum eine Schwangere mit Wehen abweisen. Laut Hochrechnung betraf dies rund 9000 werdende Mütter im Durchschnitt. „Derartige Engpässe treten vor allem in Geburtskliniken in großen Städten auf, während Hebammen im ländlichen Bereich häufig unterdurchschnittlich ausgelastet sind“, heißt es in dem Gutachten.

Etwa 70 Prozent der befragten Hebammen halten eine Eins-zu-eins-Betreuung bei Entbindungen für angemessen. Tatsächlich kümmert sich eine Hebamme während einer normalen Schicht durchschnittlich um drei Frauen gleichzeitig. Während der Geburt beträgt das Verhältnis eins zu zwei. An Tagen mit ungewöhnlich vielen Geburten versorgen 85 Prozent der Hebammen mehr als drei Frauen parallel im Kreißsaal.

„Geburtshilfe ist nicht planbar“, sagt auch die Berliner Ärztin am Telefon. „Man hält bestimmte Kapazitäten vor, die manchmal überschritten werden.“ Doch die Lage sei inzwischen extrem angespannt. „Wenn das Gesamtniveau um zehn, 15 Prozent nach oben geht, dann ist man viel schneller und viel stärker im roten Bereich. Man verliert den Überblick, eine sichere Betreuung lässt sich nicht mehr gewährleisten.“

Im Krankenhaus der Ärztin haben sie versucht, interne Lösungen zu finden, freie Betten auf anderen Stationen zu belegen, Pflegekräfte zeitweise einzusetzen, die in der Geburtshilfe bisher nicht gearbeitet haben. Sie haben mit der Schöpfkelle das Boot vor dem Sinken bewahrt. Auch während der Pandemie, der Infektionswellen. Mit Corona infizierte Schwangere mussten isoliert werden, doch auch hier kam es zu Engpässen, mussten andere Abteilungen aushelfen. So weit möglich. Die Kinderabteilung bat meist um Verständnis, da sie mit dem täglichen Betrieb mehr als ausgelastet gewesen war. Also galt für den Ernstfall die Regelung: positiv getestete Frauen auf die Isolierstation, ihre Babys auf die Neonatologie.

„Wir kriegen es gerade so hin“, sagt die Ärztin, „Mit ein bisschen Glück und dadurch, dass alle Kolleginnen mit 150 Prozent arbeiten, aber das halten wir nicht mehr lange durch.“ Unlängst zum Beispiel hatte eine Hebamme drei Tage frei, wurde während dieser Zeit fünfmal gebeten, auszuhelfen, mussten Mitarbeiter im Dienstplan hin- und hergeschoben werden. Wohin das am Ende führt, deutet die Umfrage des IGES-Instituts an, nämlich zu Zeitdruck im Kreißsaal. 40 Prozent der Hebammen kritisieren, dass zu schnell in den natürlichen Geburtsverlauf medizinisch eingegriffen wird. Jede siebte Geburt, 15 Prozent, endet mit einem Kaiserschnitt; aktuell liegt die Quote sogar bei 29,6. Rund 70 Prozent der Befragten sprechen sich für weniger Geburtseinleitungen aus, gegen dauerhafte Zugänge, Dammschnitte, Öffnung der Fruchtblase.  

Viele Hebammen denken darüber nach, sich von stationären Entbindungen für immer zu verabschieden. 85 Prozent nennen die hohe Arbeitsbelastung als Grund oder fachfremde Aufgaben, Dokumentation, Reinigung,  Bringdienste. 60 Prozent reduzieren ihr Arbeitspensum, weil sie die Leidenschaft in ihrem Beruf hält. „Das ist im Gesundheitswesen ja immer das Problem“, sagt die Ärztin. „Es wird darauf gebaut, dass wir alle unseren Job aus Leidenschaft machen. Dass wir ein hohes Maß an Identifikation mit unserem Beruf haben. Und dass wir, wenn mal gestreikt wird, normalerweise diesen Streik um der Patientinnen Willen nur kurz und nicht so heftig halten.“

Diesmal ist es anders, der Streik läuft seit einem Monat, ohne dass die Politik entscheidend eingreift. Der Senat müsse sofort handeln, fordert die Ärztin, sonst mache er sich mitschuldig. Und dann sagt sie einen Satz, der sie wachrütteln müsste, die Politik: „Die Leute haben Angst, zur Arbeit zu kommen. Niemand möchte an dem Tag da sein, an dem eine Frau bei der Entbindung wegen der angespannten Situation im Kreißsaal stirbt.“ Dies sei nur eine Frage der Zeit: „Keine Frage von Monaten oder Wochen, sondern eher von Tagen.“

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Textes stand, dass Vivantes seine Geburtsstation für Monate schließen würde. Dies bezieht sich auf frühere Meldungen und wurde von Vivantes dementiert. Richtig sei, dass die Klinik den Umfang von rund 300 Geburten im Monat um zehn Prozent reduziere. Risikoschwangerschaften würden weiterhin betreut.