Es ist bereits der 57. Jahrestag des Mauerbaus. Und doch ist dieser Tag von einer Überraschung geprägt. Ein lang vergessenes Stück Mauer ist aufgetaucht, ein Zufallsfund, gemacht von Ephraim Gothe (SPD). Der Stadtentwicklungs-Stadtrat von Mitte hat das Relikt bei einem seiner Kiezspaziergänge an der Ida-von-Arnim-Straße entdeckt. Er ging dort entlang, wo die Panke unter der Erde durch Rohre fließt. „Hinter dem neuen BND-Gebäude haben wir uns durch die Büsche geschlagen, und da stand die Mauer“, sagt Gothe.

Am Montag nun wurde der Fund offiziell bestätigt und bekannt gegeben. An dem Tag, an dem der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) in der zentralen Mauer-Gedenkstätte einen Kranz niederlegte und Regierungssprecher Steffen Seibert erklärte, das Gedenken müsse weiter wachgehalten werden. Da passt der Zufallsfund perfekt.

Zur zentralen Gedenkfeier in die Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße kamen neben Müller auch die Vizepräsidentin des Bundestages, Petra Pau, sowie der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn. Zuvor gab es dort in der Kapelle der Versöhnung auf dem früheren Todesstreifen eine Andacht.

„Die Mauer schnitt in das Herz der Stadt“

Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen starben an der Berliner Mauer mindestens 140 Menschen durch das DDR-Grenzregime. An der einstigen, knapp 1400 Kilometer langen deutsch-deutschen Grenze kamen nach einer wissenschaftlichen Untersuchung 327 Menschen aus Ost und West um Leben.

„Die Mauer schnitt in das Herz der Stadt“, sagte Pfarrer Thomas Jeutner. Christoph Schmidt-Krayer las seinen Tagebucheintrag vom 13. August 1961 vor, in dem er schildert, wie dieser Tag seine Welt entzweigerissen hat. Auch viele der Besucher erzählten ihre ganz persönliche Mauer-Geschichte. Regina Blank aus Reinickendorf, zum Beispiel.

Die 74-Jährige besucht die Gedenkveranstaltung jedes Jahr. Ihre damalige Wohnung grenzte an die Bernauer Straße. Sie erzählte von ihrer Freundin, die gegenüber wohnte. Die Mauer trennte sie. „Hannelore spring!“, habe sie am Tag des Mauerbaus ihrer Freundin zugerufen. Hannelore sprang nicht. Kurz danach, wurden die Fenster auf der Ostseite verriegelt, der Kontakt brach ab. 26 Jahre später trafen sich die Freundinnen nach der Wende zufällig in einem Möbelhaus wieder.

Vor wenigen Wochen wurde ein anderes Mauerstück wiederentdeckt

Solche Szenen haben sich an dem frisch gefundenen Mauerstück hinterm BND nicht abgespielt. Es handelte sich um ein Stück sogenannter Vorfeldsicherungsmauer des damaligen Grenzübergangs Chausseestraße, tief in Ost-Berliner Gebiet – errichtet wohl im Jahr 1985. Das ist das Ergebnis der Prüfung von Denkmalschützern aus Bezirk und Land, die Stadtrat Gothe nach seinem Fund veranlasst hatte. So hatten es angesichts des Materials, der Maße, der Lampenhalterungen und des betonierten Postenwegs bereits Historiker der Stiftung Berliner Mauer vermutet. Ähnliche Stücke stehen an der Gartenstraße und an der Bernauer Straße. Gothe zeigte sich einigermaßen überrascht, dass dieser Teil der einstigen Grenzanlagen übersehen wurde. Andererseits: „Es ist ziemlich eingewachsen.“

Erst vor wenigen Wochen war ein anderes Mauerstück wiederentdeckt worden. Der Heimatforscher Christian Bormann fand ein 80 Meter langes Stück „Ur-Mauer“, eine Ziegelmauer am S-Bahnhof Schönholz, die ursprünglich ein Grundstück begrenzt hatte, war 1961 von der DDR zum Sperrwerk ausgebaut worden.