Kirschen, Nektarinen, Pflaumen und Tomaten sehen noch ganz frisch aus, ein Kilo kostet aber nicht mal zwei Euro. Auch Aufstriche, Nudeln, Bier und geräucherten Lachs gibt es zum Schnäppchenpreis. Kein Vergleich zum Supermarkt.

Wer die verbilligten Lebensmittel kauft, spart nicht nur eine Menge Geld, sondern hilft auch ein bisschen, die gewaltige Menge an Lebensmitteln zu reduzieren, die jedes Jahr weggeschmissen werden. 1,3 Milliarden Tonnen sind es jedes Jahr weltweit, 18 Millionen Tonnen allein in Deutschland. „Die größte Verschwendung findet im privaten Haushalt statt“, sagt Raphael Fellmer.

Der Umweltaktivist und Lebensmittelretter hat im vergangenen Jahr mit Freunden das Berliner Startup SirPlus gegründet, mit dem Ziel, das Retten übrig gebliebener Lebensmittel aus der von manchen milde belächelten Öko-Szene in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. „Lebensmittel retten ist hip, sexy und cool“, sagt SirPlus-Geschäftsführer Fellmer. „Es soll mainstream werden.“

300 Produkte auf 450 Quadratmetern

Das ist den mittlerweile etwa 50 Mitarbeitern des jungen Unternehmens gelungen. Am Dienstag haben sie ihren zweiten Rettermarkt in Berlin eröffnet. In der Steglitzer Schlossstraße 94, wo vor wenigen Wochen noch ein großer Drogeriemarkt war, können die Kunden nun wie in einem Supermarkt übrig gebliebene Esswaren kaufen: Obst und Gemüse, Säfte, Bier, Smoothies, Kaffee, Aufstriche, Süßigkeiten, Chips und Snacks.

Etwa 300 Produkte befinden sich gut sortiert in den Regalen des 450 Quadratmeter großen Geschäfts, das hell und geräumig wirkt. Bei den meisten Waren ist das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) abgelaufen, erklärt Raphael Fellmer, was aber nicht heiße, dass man diese Lebensmittel nicht mehr essen darf und wegschmeissen muss. „Es ist nicht verboten, so etwas zu verkaufen“, sagt Fellmer. „Man sollte diese Waren aber bald verbrauchen.“

Lebensmittelproduzenten, Politiker und Ernährungswissenschaftler fordern längst eine doppelte Kennzeichnung. Auf Jogurt, Milch und anderen Produkten sollten künftig zwei Verfallsdaten stehen. Eines gibt an, wie lange das Produkt im Laden stehen soll, das zweite zeigt den Verbrauchern, wie lange das Produkt genießbar ist. Raphael Fellmer spricht von einem Genießbarkeitsdatum.

Doch solange lediglich ein Mindesthaltbarkeitsdatum auf den Verpackungen steht, prüft eine Lebensmittelbeauftragte bei SirPlus die gelieferten Waren.

Im Geschäft hängen Hinweisschilder, die den Kunden das Procedere mit dem MHD erklären, und sie motivieren, sich auf ihre sensorischen Fähigkeiten, wie riechen und schmecken, zu verlassen.

Zu den 200 Lieferanten, die SirPlus beliefern, gehören Großmärkte wie die Metro und Hamberger, Öko-Betriebe wie Bio-Company und kleinere Produzenten und Betriebe. Manche Waren stammen aus falschen Bestellungen oder es gab Logistikfehler. Tausende Packungen mit knusprigen Crackern etwa waren für die deutsche Fluggesellschaft Air Berlin produziert worden. Als das Unternehmen Pleite ging, wollte niemand mehr diese Bestellung haben. Üblicherweise werden diese Esswaren dann entsorgt.

Nun liegt ein Teil von ihnen in den Regalen des Rettermarktes an der Schlossstraße. Der Andrang am Eröffnungstag ist groß. Junge und alte Leute kommen. 

„Oscar der Lebensmittelretter“ für SirPlus

Den Gründern von SirPlus ist es gelungen, das Thema innerhalb weniger Jahre in Deutschland populär zu machen. Im vergangenen Jahr sammelten die Firmengründer per Crowdfunding im Internet ein Startkapital von 50.000 Euro. Am Ende der Aktion hatten 1700 Unterstützer fast das doppelte gespendet. Ein Hauseigentümer bot ein etwa 100 Quadratmeter großes Geschäft in der Wilmersdorfer Straße mietfrei an, im September 2017 eröffnete dort Berlins erster Reste-Supermarkt für Lebensmittel.

Anfangs gab es dort etwa 30 Produkte von fünf Lieferbetrieben. Doch das Geschäft lief immer besser. Über 100.000 Kunden kamen seit der Eröffnung. SirPlus hat errechnet, die Kundschaft habe über 500 Tonnen Lebensmittel gerettet. Mittlerweile bezieht das Unternehmen seine Waren aus dem gesamten Bundesgebiet, verkauft werden ausschließlich Waren, die Hilfsprojekte wie die Berliner Tafel nicht angenommen haben. Man will den Bedürftigen nichts wegnehmen. 20 Prozent der Einnahmen gehen an soziale und gemeinnützige Projekte wie die Berliner Tafel. Mittlerweile verkauft das Unternehmen seine geretteten Lebensmittel auch online. Angebote wie die Bio-Retterbox, die Büro- und vegetarische Box kosten etwa 30 Euro.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat das Engagement des Berliner Unternehmens kürzlich gewürdigt. Im April 2018 bekam SirPlus den Bundespreis „Zu gut für die Tonne“, eine Art „Oscar der Lebensmittelretter“.

Jede Stunde wird eine eine LKW-Ladung weggeworfen

Die Preisträger wollen weiter expandieren. Sie sagen, es gebe noch viel zu tun. Noch in diesem Jahr sollen zwei weitere Märkte in Berlin eröffnen, bis zu 35 Märkte soll es künftig in Deutschland geben.

In der Kreuzberger Markthalle 9 wird SirPlus seine Waren bald an einem Stand verkaufen, der Online-Handel wird weiter ausgebaut, es soll ein deutschlandweites Vertriebssystem werden.

Aus den Lebensmittelrettern, die einst in Mülltonnen von Supermärkten nach weggeworfenem Jogurt, Käse und Brot gewühlt haben, sind heute Unternehmer mit großen Visionen geworden. „Wir brauchen ein professionelles Konzept für eine große Herausforderung“, sagt Raphael Fellmer. „Jede Stunde wird in Deutschland eine LKW-Ladung an Lebensmitteln weggeworfen, die man noch essen könnte.“ So steht es auch am Eingang zum Rettermarkt in der Schlossstraße.