Berlin - Es ist eine Hausbesetzung, und die ist in den 70er- und 80er- Jahren in West-Berlin eigentlich nichts Ungewöhnliches. Hunderte leerstehende Häuser in der ummauerten Halbstadt wurden damals von jungen Leuten übernommen – ohne Verträge und Mietzahlungen. Und eine Gruppe von knapp 50 Leuten hatte es am 9. Juni 1979 auf ein besonders großes Areal abgesehen: die ehemalige Ufa-Fabrik an der Viktoriastraße in Tempelhof. Auf dem 18 000-Quadratmeter-Gelände unweit des Tempelhofer Damms hatte der Konzern Filme entwickeln, bearbeiten und lagern lassen. Bis Anfang der 70er-Jahre wird dort noch gearbeitet, das Areal verfällt.

Dann tauchen die Besetzer auf. Sie sind damals zwischen 18 und 50 Jahre alt – es sind Studenten, Aussteiger, Handwerker, Intellektuelle, die eine neue Lebensform planen. „Wir haben schon nach knapp drei Wochen einen Duldungsvertrag mit dem Berliner Senat unterzeichnen können“, sagt Sigrid Niemer. Niemer war damals 24 und eine der Erstbesetzerinnen. Warum der Senat moderat reagierte und nicht, wie später CDU-Innensenator Heinrich Lummer bei seiner Räumungsorgie, die Polizei in die Ufa-Fabrik schickte?

Ein Markenzeichen

Vielleicht war es ja das Anliegen der Besetzer, denn die hatten ein Plakat mit der Aufschrift „Herzlich willkommen“ aufgehängt. Und das war nicht nur eine Losung. Die Ufa-Fabrik wird – so wie es sich die Gruppe vorgestellt hat – ein Kulturzentrum. Dort wird getanzt, gefeiert, dort gibt es Kabarett, Kino, Musik, und rund 45 Besetzer finden dort auch noch Wohnraum. Die Ufa-Fabrik wird ein Berliner Unikat. Da gehört natürlich „Juppy“ (eigentlich heißt er ja Hans-Josef Becher) dazu, der mit dem Ufa-Zirkus für Furore sorgt. Tausende kommen allein deshalb nach Tempelhof. Und Juppy mit dem schwarzen Hut und den immer blonden Haaren wird so etwas wie das Markenzeichen der Ufa-Fabrik.

„Wir haben uns in allen möglichen Bereichen ausprobiert“, sagt Niemer. Eigentlich hatte sie in West-Berlin Kunst und Erziehungswissenschaften studiert, aber die aus Schleswig-Holstein stammende Frau will wissen, „wie das wirkliche Leben ist“. Sie tritt mit im Zirkus auf, verkauft Karten, macht auf dem Ufa-Gelände eigentlich alles, was anfällt: Heizungen installieren, Räume zu Wohnungen umgestalten, Gemüsegärten anlegen, Plakate entwerfen. 1986 bekommt das Ufa-Kollektiv einen Erbbaupachtvertrag, der für Jahrzehnte die Zukunft der Fabrik sichert. Aber die Besetzer müssen sich dafür von Träumen und sozialistischen Ideen trennen. „Wir haben bis dahin als Gemeinschaft gelebt, jeder hat das Geld, das er verdient hat, in einen gemeinsamen Topf gegeben. Und nach Bedürftigkeit wurde es dann wieder verteilt“, erinnert sich Niemer.

Ärger mit dem Finanzamt

Für ein deutsches Finanzamt ist das ein unglaublicher Vorgang. Menschen ohne festes Jahreseinkommen und geregelte Bezüge, die sich nicht versteuern lassen – das darf nicht sein. Das Ufa-Kollektiv gründet deshalb einen steuerrelevanten Verein und führt eine Gehaltsstruktur ein. Es gibt darüber Diskussionen, einige verlassen die Gemeinschaft, sehen ihre Ideale verraten. „Aber es gab letztendlich keine Alternative“, sagt Niemer. Entscheidend war und ist für sie, dass in der Ufa-Fabrik die Grundanliegen der Gruppe verwirklicht werden. Es gibt hier Kunst und Kultur, der Verein engagiert sich sozial, betreibt Kindertagesstätten und Spielplätze, und die Mitglieder leben nach ökologischen Prämissen. An der Viktoriastraße wird beispielsweise das Regenwasser aufgefangen und genutzt, so lassen sich im Jahr zwei Millionen Liter Trinkwasser sparen.

Und − die Ufa-Fabrik mit ihren Theatern, Tanzsälen, Kinos, Nachbarschaftsräumen, Kitas, der eigenen Bäckerei, Cafés und Restaurants und der Freilichtbühne wird eine West-Berliner Attraktion. Hier gibt es Volksmusik, beispielsweise treten Trommler aus Brasilien auf, das ist damals ein Novum und zieht jede Menge Zuschauer an.

Mit der Wende wird es schwieriger. Viele der Kulturangebote der Ufa-Fabrik gibt es jetzt auch an anderen Orten – im Tipi am Kanzleramt, in der Bar jeder Vernunft, im Heimathafen, im Admiralspalast. „Berlin war über Nacht keine Insel mehr“, sagt Niemer. Das durchaus vorhandene Provinzielle war plötzlich weg. „Wir müssen uns anstrengen, dass unsere Angebote weiter wahrgenommen werden“, sagt Niemer. Bislang gelingt das. Rund 150.000 Besucher kommen pro Jahr auf das Ufa-Gelände.