Verein für nicht-weiße Geflüchtete aus der Ukraine sucht neues Zuhause in Berlin

Die Initiative Tubman Network muss bald aus ihren Räumen in Kreuzberg ausziehen. Mitglieder warnen vor einer „bedrohlichen Situation“ für deren Existenz.

Franziska Giffey (M., SPD) spricht mit Vertreterinnen des Tubman Networks bei einer Veranstaltung im Roten Rathaus. Jetzt appelliert die Initiative an die Politik, ihr bei ihrer Suche nach einem neuen permanenten Standort zu helfen.
Franziska Giffey (M., SPD) spricht mit Vertreterinnen des Tubman Networks bei einer Veranstaltung im Roten Rathaus. Jetzt appelliert die Initiative an die Politik, ihr bei ihrer Suche nach einem neuen permanenten Standort zu helfen.dpa/Carsten Koall

Ameera ist aus der Ukraine geflohen, weil Russland im Februar einen Krieg begonnen hat. Die 24-Jährige musste diesen Satz immer wieder sagen, weil er ihr nicht sofort geglaubt wird: Sie hat ihn gesagt im Zug voller Geflüchteter auf dem Weg nach Deutschland, am Hauptbahnhof in Berlin, später in der Ausländerbehörde und manchmal noch heute, wenn sie jemanden neu kennenlernt. Ameera stammt aus Nigeria und ist schwarz. Aber zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns hat sie in der ostukrainischen Stadt Dnipro Medizin studiert.

Aktuell wohnt Ameera in Berlin bei einer Gastgeberfamilie. Vermittelt wurde die über ein Netzwerk, dem sie viel zu verdanken hat: das Tubman Network. „Hier fühle ich mich wirklich zu Hause“, sagt Ameera. „Und ich weiß nicht, wie mein Leben in Berlin ohne diese Leute aussehen würde.“

Doch leicht ist es für sie in Berlin nicht: Sie kann ihr Medizinstudium nicht fortzusetzen und weil sie kein Deutsch spricht, findet sie keinen Job. Jetzt kommt sie bis zu dreimal die Woche in die Räume dieses Netzwerks – um Essen oder Hygieneprodukte zu holen oder sie stöbert in der Kleiderspende.

Kahbit Ebob Enow in der Kreuzberger Zentrale des Tubman Networks.
Kahbit Ebob Enow in der Kreuzberger Zentrale des Tubman Networks.Elizabeth Rushton

Das Tubman Network sitzt aktuell in der Adlerhalle, einem Teil des Dragoner-Areals gleich neben dem Mehringdamm in Kreuzberg. Die Halle ist auf den ersten Blick ein ziemlich brutaler Raum: groß, ungeheizt und ziemlich grau; Stimmen hallen von den gekachelten Böden und den kahlen Wänden wider. Seit 9. Juli hat die Gruppe hier ihren Standort; es gibt eine Küche, Zimmerpflanzen und Hochbeete, von der Decke hängt ein Wandteppich aus verschiedenen afrikanischen Stoffen mit bunten Mustern.

Das Initiative setzt sich seit Februar 2022 für die Rechte nicht-weißer Geflüchteten aus der Ukraine ein. Von den ungefähr 40 Menschen, die an diesem Mittwoch zu einem Treffen erschienen sind, sind knapp über die Hälfte Geflüchtete aus der Ukraine mit afrikanischer oder asiatischer Herkunft. Viele von ihnen haben dort studiert, andere arbeiteten etwa als Grafikdesigner oder Softwareentwickler. Einige gründeten in der Ukraine ihre Familien, sind mit ihren Babys und Kleinkindern geflohen.

Seit den ersten Tagen nach der russischen Invasion der Ukraine setzt sich das Tubman Network für POC-Geflüchtete aus der Ukraine ein.
Seit den ersten Tagen nach der russischen Invasion der Ukraine setzt sich das Tubman Network für POC-Geflüchtete aus der Ukraine ein.imago/Stefan Zeitz

Der Vorstand des Netzwerks sagt, dass die Existenz auf der Kippe steht. Das Tubman Network darf nur noch einige Wochen hier bleiben, danach ist sein Zukunft ungewiss: Sein Vorstand hat immer noch keinen neuen geeigneten Raum gefunden, in dem das Network seine Arbeit langfristig fortsetzen kann.

Offiziell lief der Vertrag mit den Eigentümern der Halle, das Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), schon Ende August aus. Es wird der vierte Umzug für den Network seit seiner Gründung, sagt Mitgründerin Kahbit Ebob Enow. „Mit noch einem Umzug werden wir so viel Zeit, Energie, Ressourcen verschwenden“, sagt sie. 

Gegründet wurde die Initiative wenige Tage nach der russischen Invasion der Ukraine am 24. Februar. Beim Grenzübertritt machten schwarze oder asiatische Geflüchtete oft rassistische Erfahrungen, auch nach Ankunft in Berlin wurde es nicht besser – denn der Zugang zu Unterkünften oder Hilfen war nicht so offen wie für andere Menschen aus der Ukraine. Das Tubman Network schuf ein eigenes Netzwerk von Flüchtlingsunterkünften, begleitete Geflüchtete zu Terminen aufs Amt und versorgte  sie mit Essen und anderen Hilfsgütern. Mehr als 2500 Menschen hat das Netzwerk nach eigenen Angaben geholfen.

Ein Vermächtnis hinterlassen: Nach dem Treffen am Mittwoch haben Mantu dos Santos Pinto und Kahbit Ebob Enow die Adlerhalle symbolisch in Tubman-Halle „umbenannt“.
Ein Vermächtnis hinterlassen: Nach dem Treffen am Mittwoch haben Mantu dos Santos Pinto und Kahbit Ebob Enow die Adlerhalle symbolisch in Tubman-Halle „umbenannt“.Lothar Eberhardt

Namensgeberin der Initiative ist Harriet Tubman – eine schwarze Amerikanerin, die im 19. Jahrhundert 300 versklavte Menschen in den USA in die Freiheit führte. Der Film „Harriet“ über ihr Leben war für den Oscar nominiert. Er erzählt ein Leben voller Kampf für Bürgerrechte. Doch auch für viele nicht-weiße Menschen in Berlin fühlt sich das Leben manchmal wie ein Kampf an, sagt Kahbit Ebob Enow. „Es ist sehr wichtig“, sagt sie, „dass die Geflüchteten die Machtlosigkeit ihrer Situation nicht einfach so hinnehmen.“ Viele von ihnen haben schlechte Erfahrungen auf den Ämtern gemacht. „Den nötigen Stempel im Reisepass bekommen sie nicht einfach so, sondern nur, wenn sie dafür kämpfen.“

Vor allem die Themen Bleiberecht und Arbeitssuche sind zentrale Probleme. Seit dem 31. August ist auch die bundesweite Regelung abgelaufen, nach der Geflüchtete ohne ukrainische Staatsbürgerschaft einen visumsfreien Aufenthalt in Deutschland erhalten. Das Netzwerk merkt es daran, dass immer mehr Menschen bei ihnen Hilfe suchen. 

Mehrere ukrainische Städte waren beliebte Ziele für Studenten aus Ländern in Asien und Afrika, die nun fliehen mussten.
Mehrere ukrainische Städte waren beliebte Ziele für Studenten aus Ländern in Asien und Afrika, die nun fliehen mussten.imago/Stefan Zeitz

Gleichzeitig ist dieser Raum für die Bedürfnisse der Gruppe nicht unbedingt perfekt. Es gibt keine überdachten Toiletten, man ist immer noch auf Dixi-Klos angewiesen, ohne Heizung ist es hier auch unangenehm kühl. Am Mittwochabend ist eine Außentemperatur von 10 Grad: Kahbit sagt, wenn ihre Hände zittern, denn ist das nicht vor Aufregung, sondern vor Kälte.

Der Architekt Mandu dos Santos Pinto würde gerne die Halle umgestalten und hat auch schon Ideen für die langfristige Nutzung. Aber seine Pläne seien von dem BIM ohne Begründung abgelehnt worden, sagt er. Auf Anfrage der Berliner Zeitung teilt eine Sprecherin der BIM mit, die Nutzung der Adlerhalle sei nicht dauerhaft möglich, weil sie ab November im Rahmen eines anderen Kiezprojekts benutzt werden soll. Der BIM befinde sich auch „im regelmäßigen Austausch“ mit der Gruppe, man habe den Kontakt zwar als „sehr gut“ empfunden. Bleiben sollte der Verein allerdings nur noch bis Ende Oktober. Wer dem Tubman Network einen anderen geeigneten Arbeitsraum anbieten kann, wird gebeten, sich umgehend mit ihm in Verbindung zu setzen.

Mitglieder des Tubman Networks in der Vereinszentrale am Mittwochabend.
Mitglieder des Tubman Networks in der Vereinszentrale am Mittwochabend.Lothar Eberhardt

Kahbit Ebob Enow hat aus den Gesprächen am Mittwochabend Kraft geschöpft, sie glaube fest daran, noch etwas zu bewegen. Aber sie muss trotzdem immer noch von ihrer Angst sprechen, es könnten noch schlechtere Tage kommen. „Meine größte Sorge ist es, dass dieser Konflikt sich wieder zuspitzt, und es kommt ein zweiter Zustrom von Menschen“, sagt sie. „Wie sollen wir ohne Räume den Menschen helfen, die uns brauchen?“