Der Belarusse, der vor der Einberufung nach Berlin flüchtete

Juri aus Minsk sollte Soldaten für den Krieg in der Ukraine ausbilden. Er weigerte sich und flüchtete nach Berlin. 

Juri in seiner Wohnung in Berlin. Um sich und seine Familie zu schützen, will er anonym bleiben.
Juri in seiner Wohnung in Berlin. Um sich und seine Familie zu schützen, will er anonym bleiben.Benjamin Pritzkuleit

Als Juri in seine ruhige Wohnung einlädt, liegt das Gefühl eines Neuanfangs in der Luft – und es riecht nach frischer Farbe. An der Wand in seinem Wohnzimmer hängen neue Schränke, in der Küche steht ein Sechserpack mit neuen Trinkgläsern. Alles ist frisch und hell, auf dem Fensterbrett steht noch eine Dose mit hellgelber Farbe. „Ich renoviere hier alles gerade“, sagt Juri. „Das ist aktuell meine Hauptaufgabe.“

Juri kommt ursprünglich aus Belarus und wohnt seit Dezember in Berlin. Der Grund: Er hat früher im belarussischen Militär gedient, bereits Anfang Dezember wurde er wieder zum Dienst einberufen. Er vermutet, dass er russische Soldaten für den Kampf in der Ukraine ausbilden sollte. Juri heißt in Wirklichkeit anders.

Er will mit dem Angriffskrieg nichts zu tun haben und wollte seine Geschichte erzählen – hat aber gleichzeitig Angst um die möglichen Folgen für ihn und seine Verwandten. Seine Familie lebt noch in Belarus. Aus Vorsicht werden viele persönliche Angaben nicht in diesem Text benannt.

Juris Heimat ist jetzt ein Land, sagt er, wo man aus den willkürlichsten Gründen verfolgt wird – von Protesten kann keine Rede sein. „Man wird festgenommen dafür, dass man weiß-rote (die Farben der belarussischen Freiheitsbewegung – Anm. der Redaktion) Turnschuhe auf offener Straße trägt“, sagt Juri. „Das ist ein System, in dem ein Mann die ganze Macht hat. Als Oppositioneller hast du fast keine Chance.“ Er spricht von dem belarussischen Präsidenten und Diktator Alexander Lukaschenko.

Juri: In Berlin kann ich mich sicher fühlen

Mit am Küchentisch sitzt Markus K., Juris langjähriger Freund und sein aktueller Gastgeber in Berlin – diese Wohnung gehört eigentlich ihm. Die Männer kennen sich seit fast 30 Jahren; auf dem Tisch liegen Fotos von Juris Abschlussfeier an der Militärakademie in Minsk, für die Markus anreiste. Es gibt auch Bilder aus Berlin – die zwei jungen Männer an der East Side Gallery, etwa vor dem Bruderkuss von Honecker und Breschnew.

Markus und Juri verbringen gerade ganz viel Zeit miteinander. „Juri ist noch dabei, sich hier zurechtzufinden“, sagt Markus – er begleite ihn gerade auf Dienstreisen, im Urlaub, zu Partys in seinem Freundeskreis. Vor seiner Abreise nach Berlin war Juri in Minsk im Baugewerbe tätig, jetzt nimmt er auch kleinere Aufträge als Handwerker für Bekannte von Markus an. Und ansonsten: „Er schläft gerade viel. Wirklich ganz viel“, sagt Markus. „Aber das ist auch gut.“ Juri lächelt. „Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so ruhig schlafen konnte wie hier“, sagt er. „Hier kann ich mich einfach sicher fühlen.“

Bereits am 25. Februar 2022, dem Tag nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine, hatte Markus Juri zum ersten Mal eingeladen, nach Berlin zu kommen und den Krieg auszusitzen. Es hat aber bis Oktober gedauert, bis Juris Touristenvisum endlich erteilt wurde – er machte sich für seine Abreise bereit.

Aber noch vor Weihnachten erhielt er einen ominösen Brief. Es war eine schriftliche Vorladung vom Minsker Militärkommissar, er sollte sich  zur „Überprüfung seiner Anmeldeinformationen“ melden. Das sei Behördensprache, sagt Juri – jeder, der so einen Brief erhält, weiß, dass es vermutlich um die Ausstellung der offiziellen militärischen Einberufung geht. 

Offiziell ist Belarus keine Kriegspartei in dem russischen Krieg gegen die Ukraine, es gebe da keine Mobilmachung. Aber seit dem 24. Februar 2022 sind Hunderte russischer Raketen von Belarus aus auf ukrainisches Territorium abgefeuert worden, in den ersten Tagen nach der Invasion rückten russische Panzer von Belarus aus auf Kiew vor. Lukaschenko bleibt Wladimir Putins wohl engster politischer Verbündeter – und stehe komplett unter seiner Fuchtel, wie Juri es sieht. „Putin will mit Belarus genau das machen, was er schon seit neun Jahren mit der Krim macht“, sagt er. „Er macht mein Land zu einer Militärbasis und Abschussrampe.“

Nur mit einem Asylantrag darf Juri in Deutschland bleiben

Gerade deswegen glaubt er, militärisch ausgebildete Männer wie er würden auch in Belarus gebraucht – und er meint, es gebe in Belarus nicht wenige Männer wie ihn, die Angst haben, einberufen zu werden. Juri hat vielleicht mehr Grund als andere, sich Sorgen zu machen. Insgesamt diente er neun Jahre im Militär, er erreichte den Rang eines ausbildenden Offiziers.

Juri sagt, er habe beim Erhalt der Einberufung nur „Schock“ gefühlt. Er verstehe den Sinn des Krieges nicht, er erinnert an die Ähnlichkeiten zwischen der ukrainischen und der belarussischen Sprache und Kultur – und erzählt von seinen Besuchen als Kind in ukrainischen Städten wie Kiew, Lwiw oder Luzk. „Das sind alles schöne, wunderbare Städte“, sagt Juri. „Und ich soll jetzt Männer ausbilden, um dorthin zu marschieren und ganz unschuldige Menschen zu töten?“ Er schüttelt den Kopf, als wüsste er nicht, wie er die Stärke seiner Gefühle ausdrücken soll.

Juri erklärt seine neun Jahre Dienst beim Militär damit, dass man in Belarus schon mit 45 Jahren in den Ruhestand gehen und eine volle Pension erhalten kann, wenn man 20 Jahre in der Armee gedient hat. Normalerweise liegt das Rentenalter für Männer in Belarus – die eine durchschnittliche Lebenserwartung von 66,9 Jahren haben – bei 63 Jahren. „Jeder braucht eine Arbeit, du musst für deine Familie sorgen“, sagt Juri. Viele Männer gehen aus ähnlichen Gründen zur Armee, ganz unabhängig von ihrer politischen Einstellung, sagt er.

Aktuell ist Juris Zukunft in Berlin ungewiss: Mitte Februar läuft sein Visum ab. Bei illegaler Überschreitung seiner Aufenthaltsdauer könnten ihm die Ausweisung sowie ein Einreiseverbot in den Schengen-Raum für bis zu fünf Jahre drohen. Auch sein Gastgeber Markus würde sich strafbar machen, soll er Juri über die Gültigkeitsdauer seines Visums hinaus in Deutschland unterbringen.

Ursprünglich wollte Juri bei der Ausländerbehörde eine Verlängerung seines Visums beantragen – möglichst um weitere 90 Tage, vielleicht später für eine noch längere Zeit. Das hänge von der Situation in Belarus ab. Aber er hat keinen Termin bekommen, trotz wiederholter schriftlicher Versuche von Markus. Auch über das Online-Buchungssystem war kein freier Termin zu finden.

Am Donnerstag kam aber endlich ein Anruf von der Ausländerbehörde: Es gebe generell keine Verlängerung von Touristenvisa. Um in Deutschland zu bleiben, müsse er Asyl beantragen. Auf Anfrage bestätigt ein Sprecher des Landesamtes für Einwanderung (wie die Ausländerbehörde offiziell heißt), in Juris Fall bestünden rechtlich „asylrelevante Gründe“ für einen Aufenthalt in Deutschland, da sein Antrag „ausschließlich mit drohenden Repressalien aus politischen Gründen“ begründet werde.

426 belarussische Asylbewerber in Deutschland seit Kriegsbeginn

Bis das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eine Entscheidung über einen Asylantrag trifft, dauert es aktuell nur wenige Wochen, so der Sprecher des LEA – und bis zur Entscheidung ist der Aufenthalt nach Asylantrag auch rechtmäßig. Der Weg des Asyls ist einer, den viele aus Belarus seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine eingeschlagen haben. Auf Anfrage bestätigt eine Sprecherin des BAMF, dass 426 belarussische Staatsbürger sich seit Beginn des russischen Angriffskrieges um Asyl in Deutschland beworben haben. Im Januar 2022 war es nur 15.

Die Nachricht hat Juri verunsichert, ursprünglich wollte er nicht Asyl beantragen. Er glaubt, das würde sein Leben nur noch schwieriger machen, sollte er noch unter der Herrschaft Lukaschenkos nach Belarus zurückkehren; schließlich hat er sich nicht wie befohlen zum Dienst gemeldet. Ihm könne alles drohen, von Verhaftung bis zu einer Hinrichtung, sagt er. Er will nicht dauerhaft von seiner Familie – seinen Eltern und Kindern – getrennt sein. Aber er will auch auf keinen Fall in den Krieg ziehen müssen. Er steht an einem schwierigen Scheideweg.

Juri schaut aus dem Fenster seines Wohnzimmers in den grauen Himmel über Berlin. Er wollte sich hier nützlich machen, sagt er, sich sicher fühlen und einen festen Job finden. Jetzt ist vieles ungewiss. „Ich kann nur hoffen, dass Belarus schnellstmöglich neue Machthaber bekommt“, sagt er. „Alle warten einfach auf diesen Tag.“ Bis dahin will er Berlin genießen, solange er noch kann – vor allem den größten Unterschied zu Minsk, der ihm bisher hier aufgefallen ist: „Hier lächeln die Menschen noch.“