Peter-Paul Weiler, Fotograf, 56: „Ich würde mich genauso wehren“

Wir fragen Berliner: Sind Sie im Krieg? Peter-Paul Weiler hofft, dass die Ukraine gewinnt. Und sorgt sich um seine russischen Freunde. 

Peter-Paul Weiler, Fotograf in Berlin und Brandenburg
Peter-Paul Weiler, Fotograf in Berlin und BrandenburgEmmanuele Contini

Ich habe Volker Wissing, den Verkehrsminister, bei einer Diskussion erlebt, wo er sagte, es wäre jetzt Krieg. Ich war total geschockt. Mir scheint, dass das jetzt so eine Redensart ist im Kabinett – „Wir sind im Krieg“. Das ist völlig falsch. Wir sind nicht im Krieg. Wir müssen den Schritt da wieder raus machen und versuchen, diesen Konflikt einzudämmen.

Mich wühlt dieser Krieg total auf. Ich verfolge die Nachrichten dazu täglich. Ich lese darüber bei Twitter oder auf Telegram, auch auf Russisch.

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Foto: Emmanuele Contini
Peter-Paul Weiler
Peter-Paul Weiler arbeitet als Fotograf in Berlin und Brandenburg. Er ist 56 Jahre alt und geboren in Hannover, hat Volkswirtschaft und Russistik in Hamburg studiert. Weiler lebt mit seiner Familie am westlichen Stadtrand Berlins in Dallgow-Döberitz.

Wenn wir sagen würden, wir sind im Krieg, würden wir genau das tun, was Russland uns vorwirft. Russland behauptet doch, dass die Nato und der Westen beteiligt sind. Das ist ein Denken, das die russische Propaganda befeuert. Davor müssen wir uns hüten. 

Wir können die Ukrainer unterstützen, aber müssen betonen, dass wir nicht im Krieg sind. Wir sind gesprächsbereit und drängen darauf, dass dieser Konflikt beigelegt wird. Wir sehen ja, wie es eskaliert. Es friert nichts ein. Das besorgt mich.

Die Vorstellung, dass wir in den Kriegsmodus wechseln, macht mir Angst. Es geht dabei nicht um einen Atomschlag. Krieg ist so brutal. Es wäre ein Leben, bei dem die Menschen, mit denen man lebt, am nächsten Tag tot sind. Man bekommt das doch in der Ukraine hautnah mit. Gruselig. Auf einmal ändert sich alles, hinter jedem Baum ein Panzer oder ein Scharfschütze.

Freunde in Sankt Petersburg und in Moskau

Ich habe Freunde in Sankt Petersburg und in Moskau. Ich habe ihnen angeboten, zu uns zu kommen, bei uns zu wohnen. Vor allem den Männern. Damit sie die Situation erstmal abwarten können und nicht einberufen werden. Später können sie immer noch entscheiden, zurückzukehren. Aber später kann man nicht mehr entscheiden auszureisen. Sie müssen sich schnell entscheiden. „Wir warten mal ab und beten“, bringt nichts. Für uns wäre das kein Problem, sie unterzubringen. Sie bekommen ein Bett und zu Essen. Sie müssen sich nur entscheiden.

Der Ukrainekrieg hat mich von Anfang an angefasst. Ich weiß noch, wie ich im März mit dem Fahrrad durch einen Wald fuhr und dachte: „Hinter diesem Hügel könnte jetzt ein Hinterhalt sein“. Es gab so viele Videos. Man hat die Bilder im Kopf, und die Landschaft in der Ukraine sieht genauso aus wie hier.

Sind Sie im Krieg?
Am 24. Februar dieses Jahres hat Russland die Ukraine überfallen. Deutschland möchte auf keinen Fall Kriegspartei sein, aber die wirtschaftlichen Folgen bekommen wir längst zu spüren, und kürzlich sagte unsere Außenministerin Annalena Baerbock: „Wir sind hier in einem Krieg“.
In den kommenden Wochen werden Berlinerinnen und Berliner bei uns berichten, ob sie das auch so empfinden. Was geht sie, ganz persönlich, dieser Krieg an? Wie hat sich der Alltag verändert? Was sind ihre Ängste und Sorgen? Welche Erinnerungen werden wach? Hören sie nicht mehr zu, wenn wieder über Waffenlieferungen diskutiert wird?
Wir möchten Sie, unsere Leser, zu Wort kommen lassen. Wenn Sie dabei sein wollen, melden Sie sich bitte bei uns! leser-blz@berlinerverlag.com

Ich hoffe natürlich, dass die Ukraine gewinnt. Ich denke manchmal an die Zeit des Putschversuches in Russland. Damals war ich in Moskau, und plötzlich waren in der Metro Zettel zu sehen, die ein anderes, freieres Denken zeigten. Die Menschen griffen danach, wollten nicht mehr loslassen, etwas riskieren. Das ist in der Ukraine ähnlich. Man spürt, dass dort Werte und eine Lebensweise verteidigt werden, mit denen ich mich völlig identifizieren kann. Jetzt ist nur die Frage, ob die Ukrainer tatsächlich so sind oder ob ich sie so sehen will. Denn in Russland habe ich auch gelernt, wie schnell alles kippen kann.

Ich kann sehr gut nachempfinden, wie die Ukrainer sich fühlen, weil sie überfallen werden und zukünftig unter russischer Herrschaft leben sollen. Ich würde mich genauso wehren, auch wenn ich Krieg und Befehl und Uniform ablehne.

Meine Mutter hat in den letzten Kriegstagen ihren Cousin verloren. Das hat sie bis heute nicht verwunden. Sie bricht bis jetzt in Tränen aus, wenn sie daran denkt. Das Schreckliche am Krieg ist ja, dass man als Einzelner gar nichts mehr zu sagen und zu entscheiden hat, Befehle ausführen muss, andere töten soll. Beides kann ich mir einfach nicht vorstellen. Wie kann man so etwas überleben? Danach ist die eigene Welt doch völlig kaputt.

Ich hoffe einfach, dass die Ukrainer diesen Freiheitskampf gewinnen.  Hätte der Wunsch nach Freiheit keinen Erfolg, wäre das ein Unglück, eine Dystopie. Das Böse würde gewinnen.

Was mich auch so berührt: Es geht um Russen, gegen die nun gekämpft wird. Ich kenne viele von ihnen, und das sind so gedankenvolle, tief freundschaftliche Menschen. Warum jetzt dieser Schwachsinn? Das kann ich nicht auflösen, es ist ein echtes Drama. Überhaupt, dass hier zwischen Russen und Ukrainern, quasi zwischen Verwandten, ein staatlich verordneter Konflikt entstanden ist – das schmerzt, das greift mich stark an.