Die Tochter hat das Ticket zurück nach Kiew schon gebucht, sie will weg aus Berlin. In Kiew wird sie von ihrem Freund erwartet. Gemeinsam wollen sie dann weiter in ihre Heimatstadt Saporischschja im Südosten der Ukraine fahren. Dort lebt der Vater. Wie alle Männer im wehrfähigen Alter darf er die Ukraine nicht verlassen.

Irina Waskowskaya erzählt in einer Berliner Küche von den nicht ungefährlichen Plänen der Tochter und von den Sorgen, die sie sich deshalb macht. Es ist die Küche einer deutschen Freundin mit ukrainischen Wurzeln. In der Küche sitzen und über Probleme reden, das sei typisch ukrainisch, sagen die Freundinnen. Mit dabei am Küchentisch ist eine weitere Frau aus der Heimat: Die Künstlerin Mira Manokhiwa floh aus Kiew nach Berlin. Auf dem Tisch stehen zwei Kartons mit Pizza und eine Flasche Weißwein.

Irina Waskowskaya glaubt, dass ihr in Bezug auf die Entscheidungen ihrer Tochter die Hände gebunden sind. „Sie ist 18. Ich kann ihr nichts verbieten. Ich sage ihr, dass sie in Berlin studieren könnte und dass sie so viele Chancen hat. Aber meine Tochter will seit dem ersten Tag nur zurück.“

Der erste Tag in Berlin – das war für Irina Waskowskaya und ihre beiden Kinder der 6. März. Sie gehören zu einer neuen Community in der Hauptstadt. Circa 70.000 Geflüchtete aus der Ukraine haben sich nach Angaben der Behörden in Berlin registrieren lassen oder sich dafür bei den Ämtern angemeldet. Berliner Behörden erteilten laut Senat rund 27.000 Geflüchteten eine Aufenthaltsgenehmigung. 6000 Anträge seien aktuell in Bearbeitung. Circa 50.000 Ukrainer erhalten seit dem 1. Juni in Berlin wie überall in Deutschland Leistungen von den Jobcentern.

Ähnlich sieht es im ganzen Land aus. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge waren Ende April 610.000 Ukrainer in Deutschland gemeldet. Schätzungen zufolge befanden sich zu diesem Zeitpunkt mehr als 700.000 Ukrainer in Deutschland. Die Zahlen der in Berlin und Deutschland Ankommenden aus der Ukraine fluktuieren seitdem von Tag zu Tag im Takt der Angriffswellen der russischen Armee. Sie sind insgesamt deutlich gesunken. Brachten überfüllte Züge im März täglich 10.000 Ukrainer nach Berlin, erreichen im Juni im Durchschnitt nur einige Hundert am Tag die Hauptstadt.

Ein Gegentrend zur Massenflucht zeichnet sich ab. Die Ukraine ist vom Ausland aus auf dem Landweg wieder erreichbar. Busse des Unternehmens Flixbus von Berlin nach Kiew sind Wochen im Voraus ausgebucht. Tausende Ukrainer sind bereits in die Heimat zurückgekehrt.

Der um ein kritisches Wort selten verlegene Botschafter der Ukraine, Andrij Melnyk, hat die Zunahme von Rückreisen als Beleg für Defizite in der deutschen Willkommenskultur interpretiert. Er sprach in einem Interview Anfang Juni davon, dass Ukrainer „keine Lust hätten“, in Deutschland zu bleiben, und stellte einen Zusammenhang her zum Streit zwischen Kiew und Berlin um Waffenlieferungen.

Wo stehen die geflüchteten Ukrainer nach mehr als drei Monaten in der deutschen Hauptstadt? Ist ihnen tatsächlich die „Lust“ auf Sicherheit vor Bomben und Raketen in Berlin vergangen, weil Deutschland die Ukraine angeblich zu wenig unterstütze, wie Melnyk vermutet?

Die Deutschen schreiben viele Briefe, findet die Ukrainerin

Irina Waskowskaya hat nach ihrer Ankunft in Berlin keine Zeit, sich über Politik und Verstimmungen zwischen den Regierungen Gedanken zu machen. Sie habe den Wert eines Briefkastens für deutsche Haushalte erkannt, sagt sie. „Ich habe noch nie so viele Briefe bekommen wie in der Zeit in Berlin. Alle von deutschen Ämtern.“ Das wichtigste Wort auf Deutsch, das sie sich in den ersten Wochen eingeprägt hat, lautet: Termin.

Waskowskaya vergleicht die Erledigung der Formalitäten – von der Ankunft in Frankfurt an der Oder bis zur Anmeldung beim Jobcenter – mit einem Pferderennen. „Mir war klar, dass ich ganz früh anfangen muss, um ans Ziel zu kommen, bei all den Ukrainern, die jetzt in Berlin sind“, sagt sie.

Nun ist Waskowskaya wie alle registrierten Ukrainer seit dem 1. Juni beim Jobcenter gemeldet. Es finanziert einen Deutschkurs für sie und hilft bei der Suche nach Arbeit. Auch mit der Wohnungssuche hat es geklappt. Die Mutter konnte nach einigen Wochen bei ihrer deutschen Freundin mit ihren Kindern in eine eigene Einzimmerwohnung umziehen.

Der Schrecken des Krieges wirkt nach

Eigentlich sei sie dankbar für die von Berliner Behörden unter Beweis gestellte deutsche Gründlichkeit, meint Waskowskaya. Die vielen zu erledigenden Formalitäten hätten sie nach der Flucht auf Trab gehalten. „Ich habe mir erlaubt, in der ersten Woche in Berlin zu weinen. Dann musste Schluss sein damit, weil ich sonst den Anschluss in Deutschland verloren hätte,“ so Waskowskaya.

Da war alles wieder da.

Irina Waskowskaya, Geflüchtete aus Saporischschja

Sie öffnet ein Video auf ihrem Smartphone. Eine Ukrainerin ist zu sehen, die ein Türenknallen in ihrer WG weckt und die in Panik auf die Straße stürmt. Ein Mann hört in einem Späti einen Krankenwagen und sucht Deckung. Ein Feuerwerk versetzt eine Mutter und ihr Kind in einer Tram in Angst. „Mir ging es so, als in Berlin morgens der Müll abgeholt wurde. Der Krach, wenn sie die Behälter leeren, hat alles wieder in mir hochgebracht“, sagt Waskowskaya.

Geburtstag im Bunker: Der Sohn wurde im Krieg vier Jahre alt

Ihr Sohn hatte am 26. Februar seinen vierten Geburtstag, da war der Krieg zwei Tage alt. Die Familie saß im Bunker. Sie erfuhren wenige Tage später, dass die Russen das Atomkraftwerk Saporischschja unter Beschuss genommen hatten. Ihr Mann wollte, dass sie die Kinder nehme und so weit wie möglich wegfahre, erzählt sie.

Ihre Mimik gefriert und ihre Augen weiten sich, als sie von der Flucht über die Grenze nach Polen erzählt. Als fahre ihr das Adrenalin wieder in die Glieder, als hätte sie wieder auf Autopilot geschaltet. So erlebte sie sich auf dem Weg von der Südostukraine nach Berlin.

Die ukrainischen Frauen vermissen ihre Männer

Einige Tage nach der Ankunft starb ihr Schwiegervater in der Ukraine, erzählt Waskowskaya. „Mein Mann hat es erst erfahren, als sein Vater schon beerdigt war. Ich konnte ihn nur am Telefon trösten.“ Ihre Tochter, die zurück in die Ukraine will, und sie haben etwas gemeinsam: Sie vermissen beide die Männer, die sie lieben. Waskowskaya schließt eine Rückkehr während des Krieges dennoch aus. Das muss die Liebe aushalten.

Wenn Waskowskaya durch die Berliner Straßen gehen, gehe ihr oft das Herz auf, sagt sie. Sie zeigt auf dem Smartphone mit ukrainischen Flaggen geschmückte Geschäftsauslagen, Balkone oder Fenster. Sie schickt die Bilder per Smartphone nach Hause und spricht von einer Wärme, mit der Berlin sie empfangen habe und die manches leichter mache.

Mit Kuchen an der Tür: Unbekannte halfen in Berlin ganz spontan

Sie erzählt von Berlinern, die sie auf der Straße angesprochen haben. „Das ist immer wieder passiert, wenn ich mit meinen Kindern Russisch gesprochen haben. Ich wurde gefragt, ob ich aus der Ukraine komme und etwas brauche. Und die Berliner kamen auch tatsächlich vorbei und haben Kleidung gebracht. Wir hatten ja fast nichts, als wir ankamen.“ Einmal stand eine Nachbarin mit ihren Kindern und einem frisch gebackenen Kuchen als Willkommensgruß vor der Tür.

Wir hatten ja fast nichts, als wir ankamen.

Irina Waskowskaya, Geflüchtete aus Saporischschja

Irina Waskowskaya rümpft leicht die Nase, als sie auf die Äußerung des ukrainischen Botschafters Melnyk angesprochen wird, Ukrainer kehrten in ihr Land zurück, weil sie sich in Deutschland unwohl fühlten. „Viele fühlen sich sicher, weil in ihren Regionen nicht gekämpft wird. Sie haben dort einen Job und eine Wohnung“, sagt sie. Ihre Freundin aus Kiew nickt.

Die Zukunft erscheint vage

Mira Manikhowa hat nach einem Monat der Trostlosigkeit begonnen, in Museen zu gehen. Geflüchtete aus der Ukraine können sie kostenlos besuchen. Irina Waskowskaya schwärmt von den Spielplätzen und dem öffentlichen Nahverkehr. Was jetzt noch in Berlin fehle, sei der Job, um auf eigenen Füßen zu stehen, sagt sie. Bleibt sie dabei, bis zum Ende des Krieges in Berlin zu bleiben, wird sie ihren mit einem Ausreiseverbot belegten Mann lange nicht wiedersehen. „Ich lebe von Tag zu Tag“, sagt sie zu dieser Aussicht. Die Zukunft hat Hoffnung pur für Ukrainerinnen in Berlin derzeit nicht im Angebot.

Maxim Khowotostranenko und seine Frau Katja lassen im Hintergrund leise YouTube-Videos mit russischer Popmusik laufen, während sie in ihrer neuen Wohnung in Hellersdorf Kaffee und Kekse servieren. Eine Erinnerung an ihre Heimatstadt Luhansk findet sich nicht in der Wohnung. Die Frage danach scheint die Khowotostranenkos zu erstaunen. „Wir konnten ja nur kleine Taschen mitnehmen, als wir geflohen sind.“

Die Familie floh schon einmal nach Deutschland

Die Khowotostranenkos dürften zu den wenigen Ukrainern gehören, die es aus den bereits nach 2014 von prorussischen Kräften kontrollierten Gebieten im Donbass nach Berlin geschafft haben. Die Kämpfe hatten in der Ostukraine bereits einige Tage vor der Invasion am 24. Februar zugenommen. Die Regierung der selbst ernannten Volksrepublik Luhansk brachte Zivilisten wie die Khowotostranenkos nach Russland. Der Weg nach Westen war durch eine tobende Front versperrt. Die Familie wollte in Russland aber nicht bleiben.

Wir hatten acht Jahre lang nachts Ausgangssperre.

Maxim Khowotostranenko, Geflüchteter aus Luhansk

„Wir waren bereits nach dem Ausbruch des ersten Krieges im Donbass für einige Zeit bei Bekannten in Berlin“, erzählt Maxim, der Familienvater. Als die Kämpfe im Donbass abflauten, entschieden sie sich 2015 für die Rückkehr nach Luhansk. „Damals kamen viele Syrer nach Berlin. Wir haben die langen Schlangen vor den Ämtern gesehen. Das wollten wir uns nicht antun.“ Er bezeichnet die damalige Entscheidung als größten Fehler seines Lebens. „Wir haben acht Jahre verloren. Wir könnten jetzt schon Deutsch sprechen und einen Job haben.“

Die Flucht ging über Estland

Die Khowotostranenkos erreichten Berlin mit dem Bus, die Flucht führte über Estland. Da ihre Freunde weitere Geflüchtete aufnahmen, zogen sie zu einer deutschen Familie. Sie fanden im April mithilfe ihrer Freunde schließlich die Wohnung in Hellersdorf.

Tochter Yulya besucht eine Grundschule im Bezirk. Es gebe dort auch andere Kinder, die Russisch sprechen und helfen, meint der Vater. Seine Frau und er beginnen im Juli mit ihrem Deutschkurs. Katja Khowotostranenko würde gern wieder als Yogalehrerin arbeiten. Ihr Mann möchte in Deutschland Möbel oder Küchen bauen.

Die deutsche Offenheit beeindruckt die Geflüchteten

Die Khowotostranenkos können die Kritik des ukrainischen Botschafters Melnyk nicht nachvollziehen. „Vielleicht haben manche zu viel erwartet. Wir haben nur hilfsbereite Menschen in Deutschland getroffen“, sagt Katja Khowotostranenko. Ihr Mann ergänzt, ihn habe es beeindruckt, dass Deutsche fremde Menschen in ihren Wohnungen aufgenommen haben. Die Menschen in postsowjetisch geprägten Ländern seien eher misstrauisch gegenüber Fremden. „Die deutsche Familie hat alles mit uns geteilt. Ich weiß nicht, ob die Menschen bei uns sich so verhalten hätten.“

Maxim und Katja Khowotostranenko fühlen sich wohl in ihrer Wohnung ohne Andenken an die Ukraine. Eine Rückkehr schließen sie nach zweimaliger Flucht aus. Es könnte schwierig bleiben, von Berlin aus die Familie in Luhansk zu besuchen, selbst wenn der Krieg eines Tages endet. Denn niemand kann vorhersagen, wie lange die Sanktionen gegen Russland in Kraft bleiben und das Reisen zwischen der EU und russisch kontrollierten Gebieten fast unmöglich machen. Von Berlin aus gesehen, leben die Verwandten in Luhansk hinter einem neuen Eisernen Vorhang.

Maxim Khowotostranenko fällt die Türkei als Option ein. Flüge aus Russland und der EU gebe es nach Istanbul ja immer noch. Das wäre für alle natürlich kompliziert und teuer, räumt er ein. Die Trennung von der Familie scheinen Khowotostranenkos eingepreist zu haben in ihre Abwägungen. Sie haben Luhansk für immer verlassen.