Beelitz - Bei einer Begegnung mit Ulfert Hanschur kommt man nicht umhin, den Blick zumindest für einen Moment nach unten zu richten. Zu sehen bekommt man nackte Füße, den linken ziert ein Tattoo in Form einer Eidechse. Ulfert Hanschur ist überzeugter Barfußläufer. Früher trug er zumindest im Winter Flipflops, mittlerweile ist er bei allen Wetterlagen mit bloßen Füßen unterwegs. „Am Anfang hatte ich Angst, dass mir alle auf die Füße starren, aber daran gewöhnt man sich. Und die Leute gucken einem dann doch meist in die Augen“, sagt der 57-Jährige aus Beelitz (Potsdam-Mittelmark).

Ab Freitag ohne Kleidung

In seinen eigenen vier Wänden verzichtet er nicht nur auf die Fußbekleidung. Im Haus und seinem Garten ist er am liebsten nackt. „Wenn es das Wetter zulässt, dann komme ich freitags von der Arbeit nach Hause, gehe unter meine Gartendusche und ziehe mich am Montag wieder an“, sagt Hanschur.

Dann wird sowohl das Heckeschneiden und Rasenmähen nackig erledigt – und auch beim Fernsehabend mag er es am liebsten textilfrei. „Ein Naturist hat aber immer ein Handtuch dabei. Wegen der Hygiene“, erklärt er. Man setzt sich schließlich nicht mit dem nackten Hintern da hin, wo später auch Angezogene sitzen.

Warum er gerne nackt ist? Aus demselben Grund, aus dem er barfuß läuft. „Man kriegt alles viel besser mit“, sagt er. Kleidung verwehre viele Eindrücke und Empfindungen. Die Angst vor Nacktheit sei anerzogen. „Ein Kind hat keine Scheu davor. Und für mich ist kein Unterschied, ob ich etwas an habe oder nicht“, sagt Hanschur.

Besonders in der Natur genießt es der 57-Jährige, keinen Millimeter Stoff am Leib zu haben. „Man bekommt jeden Schauer, jeden Luftzug, jeden Sonnenschein mit“, sagt er. Vor 15 Jahren ließ er erstmals die Hüllen fallen, um einen Fußmarsch durch die Wälder von Beelitz zu unternehmen.

Was für manche anstößig klingen mag, ist längst zum Trend in der ganzen Bundesrepublik geworden. FKK-Wanderungen werden mehrfach pro Jahr angeboten. „Im Westen ist die Nacktwanderbewegung viel weiter verbreitet als bei uns. Und das, obwohl die Freikörperkultur aus der DDR stammt“, hat Ulfert Hanschur beobachtet. In der Lüneburger Heide und im Harz gibt es zwei offizielle Nacktwanderwege, auf denen ganzjährig nackig spaziert werden darf. Seit knapp drei Jahren kämpft Ulfert Hanschur dafür, dass ein dritter solcher Weg in Brandenburg eingerichtet wird.

Ausgeguckt hat sich der Beelitzer für sein Projekt die Stadt Trebbin (Teltow-Fläming), die inmitten des Naturparks Nuthe-Nieplitz liegt. Nach anfänglicher Skepsis sah man ebenfalls Potenzial im Nackttourismus, denn Ulfert Hanschur organisierte eine Wanderung durch ein Wildgehege. Die Resonanz war enorm.

Zweitgrößte Nacktwanderung in Deutschland

85 Teilnehmer aus Berlin, Brandenburg, Nord- und Süddeutschland, dem Rheinland und Sachsen reisten in die Kleinstadt, um nackt durch die Natur zu laufen. Es war die bis dato zweitgrößte Nacktwanderung Deutschlands. „Das war für mich so ein Erfolg“, erinnert sich Ulfert Hanschur gerne.

Obwohl die Planungen für eine offizielle Route immer mehr Gestalt annahmen und Trebbins Bürgermeister selbst für das Projekt warb, liegt es derzeit auf Eis. Bei den Einwohnern des Ortes hat sich Widerstand geregt. Ulfert Hanschur macht einen Fernsehbeitrag dafür verantwortlich. Unter dem Titel „Der nackte Wahnsinn – FKK zwischen Kultur und Kommerz“ strahlte der MDR im Spätsommer 2014 eine Reportage aus, die Hanschurs Idee neben anderen FKK-Projekten in Deutschland vorstellte. Vieles sei dabei in ein schlechtes Licht gerückt worden, bedauert Hanschur.

„Da ist viel Stimmung und Motivation kaputt gemacht worden“, sagt auch Thomas Berger, der Bürgermeister von Trebbin. Einstige Befürworter des Nacktwanderwegs haben sich seither von der Idee distanziert. Thomas Berger nicht. „Der Gedanke ist noch da, und ich bleibe dran. Ich warte, bis der Zeitgeist sich ändert.“

Nacktwanderung Ende Mai

Bis das so weit ist, hat Ulfert Hanschur andere Pläne. „Ich will jetzt freie Wanderungen organisieren, so wie es auch in anderen Gegenden von Deutschland üblich ist“, sagt er. In Absprache mit den örtlichen Polizeibehörden in Beelitz und Potsdam lädt er zu bestimmten Terminen zu den Nacktwanderungen ein – das nächste Mal am 29. Mai.

Probleme habe er mit den Genehmigungen nicht. Im Gegenteil, die Beamten begegnen seinem Anliegen mit Zustimmung und Humor. „Bei der Polizei sagten sie mir nur: Nehmen Sie aber Mückenspray mit“, erzählt er. „Man sieht das da also nicht so eng.“