Berlin - Auf der indonesischen Insel Bali wird einmal im Jahr der Hari Nyepi gefeiert. Das ist der höchste Feiertag im Jahr der Hindus, die bösen Geister eines ganzen Jahres werden vertrieben. An diesem Tag herrscht auf der ganzen Insel Stille. Die Menschen dürfen 24 Stunden lang ihre Häuser nicht verlassen, kein Fernsehen schauen oder Radio hören, nicht singen, arbeiten, essen, Feuer machen oder Sex haben. Polizisten laufen auf der Straße herum und achten auf die Einhaltung der Regeln. Sogar der Flughafen stoppt für diesen Tag den Betrieb. Achso: Und tanzen darf auch niemand.

Was auf Bali völlig normal ist und als Teil der lokalen Kultur sowohl von Millionen Touristen als auch von Einheimischen akzeptiert wird, soll in Berlin ein Problem sein? Warum fürchten in Deutschland alle sofort eine Scharia, wenn sie gebeten werden, aus religiösen Gründen einer Minderheit einfach mal ein bisschen Ruhe einkehren zu lassen? Was also ist das Problem daran, das Feiern mal einen Abend sein zu lassen und sich zu besinnen auf all die anderen Dinge, die man tun kann, außer volltrunken im Dunklen zu stehen und zu Madonnas „Vogue“ zu tanzen. Ja, das läuft immer gerade irgendwo.

Der Grund ist natürlich Berlins Religionsskepsis und die Idee, dass jeder hier in der Stadt tun und lassen könne, was er wolle. Jeder nach seiner Fasson und so. Schon klar. Dabei sehnen sich doch gerade die Berliner unter uns nach Regeln für mehr Ruhe. Haben Sie schon mal versucht, im Bergmannkiez nach 22 Uhr noch im Freien ein Glas Wein zu trinken? Da können die größten Atheisten zu Ruhestörungs-Nazis werden. Es soll schon Wasser auf die Straße gekippt worden sein!

Aber es gibt diesen einen Tag im Jahr, an dem daran gedacht wird, dass Jesus Christus der Überlieferung nach für die Menschheit und unsere Sünden gestorben ist. Ohne Rituale und Regeln, die uns Halt geben, ist der Mensch ein Gartenzwerg. Etwas weniger als die Hälfte der Deutschen glaubt derzeit an den Tod und die Auferstehung dieses Jesus. Doch es ist dieser Glaube, der unser jähr strukturiert, der uns Pfingstferien, Weihnachten und Allerheiligen beschert. Ostern ist im Grunde das Besinnlichste aller Feste. Und Karfreitag ein Tag des Todes.

Ja, ich bin aus der Kirche ausgetreten, ja, gerade die Katholische Kirche hat genug andere Probleme derzeit, ja, die Berliner haben lange genug auf durchfeierte Nächte verzichten müssen. Aber, for real: Alle dürften es verschmerzen, einmal im Jahr an einem Sonnabend ohne Glitzer und Konfetti im Haar in einer fremden Wohnung aufzuwachen. Der Trick liegt im Grunde in der Sprache, nennt es nicht Tanzverbot, nennt es „Lärm-Fasten“ oder „Detoxing“.