Die Entscheidung ist gefallen. Der Fußball-Zweitligist 1. FC Union macht die Alte Försterei, seit 97 Jahren Spielstätte, fit für die Erste Liga. Heute bietet das Fußballstadion Platz für 22.000 Fans, ab 2020 sollen rund 37.000 Zuschauer die Spiele sehen können. Doch wie kommen so viele Menschen nach Köpenick und zurück?

Schon heute bricht auf den Straßen und in den Bahnen Chaos aus, wenn ein Match ansteht. Während die Pläne für den Stadionausbau immer konkreter werden, gibt es noch kein Verkehrskonzept, das den Namen verdienen würde. So viel ist absehbar: Künftig sollten die Union-Fans noch mehr als jetzt nicht auf die Straßenbahn, sondern auf die S-Bahn setzen.

„Das Thema Verkehr ist noch nicht durchdacht“, stellt der Verkehrsforscher Andreas Knie fest. Derzeit gibt es allenfalls Ideen, Wünsche, Vorschläge. Detaillierte, konkrete Planungen: Fehlanzeige.

Lieber mit der S-Bahn als per Tram

„Dieses Thema wird Teil einer verkehrsgutachterlichen Bewertung des Bauvorhabens sein“, sagt Matthias Tang. Der Sprecher der Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) wohnt nur ein paar Kilometer von der Alten Försterei entfernt. Grundlage der Stadionerweiterung werde ein Bebauungsplanverfahren sein, das im Sommer beginnen soll. „Bestandteil eines solchen Verfahrens sind Untersuchungen der Verkehrserschließung und Anbindung“, sagt Tang.

Vor zwei Jahren fragten der Verein und die Bürgerplattform Süd-Ost 5000 Fans, wie sie ins Stadion gelangt sind: 46 Prozent kamen per Nahverkehr, 36 Prozent im Auto, 18 Prozent zu Fuß oder per Fahrrad.

Klar ist: „Mehr Parkplätze sind nicht erwünscht“, sagt Dirk Zingler, Präsident des 1. FC Union. „So viel Verkehr könnten die Straßen nicht verkraften.“ In erster Linie setze der Verein auf den Nahverkehr, betont Präsidiumsmitglied Dirk Thieme. Hier sei das Land Berlin in der Verantwortung. Die Straßenbahn sollte ausgebaut werden – was die Anlagen und die Zahl der Fahrten anbelangt. Zingler: „Damit stoßen wir auf offene Ohren.“ Eine weitere Idee: Park and Ride – weiter weg parken, mit Tram oder Bus zum Stadion.

Doch wenn Union spielt, wird es voll auf den Linien 27, 60 und 67. Es gibt Kapazitätsprobleme, so der Senat. „Natürlich können wir bei Bedarf vom Betriebshof Köpenick aus weitere Straßenbahnen einsetzen“, sagt Petra Reetz, Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Das geschieht auch. Außerdem wurde an der Haltestelle Alte Försterei ein zweiter Zu- und Abgang geschaffen. Wenn aber Bahnen im Stau stecken bleiben oder Fans im Gedränge aneinander geraten, helfen Sonderfahrten wenig. Reetz: „Fast bei jedem größeren Spiel passiert es, dass die Polizei anordnet, den Strom abzustellen.“ Dann geht nichts mehr.

Eine Ausweitung des Straßenbahnverkehrs wäre ohnehin in absehbarer Zeit nicht möglich. Wegen einer Engstelle könnten zum Bahnhof Schöneweide vorerst keine weiteren Züge eingesetzt werden, so die BVG. Dort wird bis Ende 2021 gebaut. Zum anderen fehlten nahe der Haltestelle Alte Försterei Aufstellgleise, wo Sonderzüge auf Einsätze warten. Um sie zu verlegen, wäre ein Planfeststellungsverfahren nötig, das Jahre dauern würde. Zwischenfazit: Die Kapazität ließe sich in den nächsten Jahren nicht wesentlich steigern. „Die Hauptlast liegt ohnehin bei der S-Bahn“, sagt Reetz.

Kombiticket? Nein danke!

„Wir sind in der Lage, zusätzlichen Verkehr zu übernehmen“, bestätigt S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz. Ab November 2018, wenn zwischen Ostkreuz und Ostbahnhof wieder vier Gleise liegen, könnten Acht-Wagen-Züge im Fünf-Minuten-Takt fahren. Zwei Kehrgleise in Köpenick machen es möglich, dort zu wenden. Gäbe es genug S-Bahn-Wagen? Außerhalb der Stoßzeiten wäre ein Stadionverkehr mindestens ab und bis Ostbahnhof kein Problem, sagt Priegnitz. „Während des Berufsverkehrs oder wenn zur selben Zeit ein Spiel im Olympiastadion stattfindet, müsste man Prioritäten setzen“– denkbar, dass anderswo Fahrten ausfallen. Wenn 2022/23 alle bestellten neuen S-Bahnen da sind, entspannt sich die Lage weiter.

Allerdings: Von den S-Bahnhöfen Köpenick oder Wuhlheide müssen die Fans ein bis zwei Kilometer weit laufen. „Damit sie sicher ins Stadion kommen, schlagen wir vor, die Rudolf-Rühl-Allee vor und nach den Spielen zu sperren“, sagte Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB.

„Union ist ein perfekter Fahrradclub“

Doch klar sei auch: Bevor der Senat neue Angebote für Union plane, müsse er durchsetzen, dass der Verein endlich eine Kombiticketvereinbarung unterschreibt – und zur Finanzierung beiträgt. Dann wäre in jedem Eintrittspreis die An- und Abfahrt enthalten. Pro Ticket würde der Verein der BVG Geld zahlen. Die Rede ist von etwas mehr als einem Euro. Doch anders als Hertha BSC weigert sich der 1. FC Union, Kombitickets zu verkaufen. Preissensible Fans würden den Aufschlag nicht akzeptieren, heißt es. „Ich finde es unglaublich, dass sich der Senat das bieten lässt“, kritisiert Wieseke.

Stefan Gelbhaar von den Grünen setzt auf das Fahrrad. „Eine gute Radverkehrsinfrastruktur inklusive Abstellanlagen am Stadion würde die Tram entlasten. Union ist ein perfekter Fahrradclub“, so der Abgeordnete. Immerhin: Union denkt über mehr Fahrradparkplätze nach.