Umfrage : Berliner sind ziemlich tolerant

Berlin bestätigt in diesen Wochen einmal mehr den Ruf eine tolerante Stadt zu sein. Vielerorts haben sich Willkommensinitiativen gegründet, in denen Bürger Flüchtlingen in Not helfen, die in der Nachbarschaft untergekommen sind.

Doch was sagt diese Hilfsbereitschaft über die Einstellung der Berliner wirklich aus? Wie tolerant ist die Stadt, im Alltag, im Zusammenleben der Menschen aus unterschiedlichen Kulturen? Der Frage ist das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Info GmbH nachgegangen und hat herausgefunden, dass drei Viertel aller Berliner eine „positive Einstellung gegenüber Ausländern“ haben.

„Das bedeutet: Berlin ist eine mehrheitlich tolerante Stadt. Und das ist gut“, sagte Info-Geschäftsführer Holger Liljeberg, als er am Montag im Maritim Hotel an der Friedrichstraße die Ergebnisse der Umfrage präsentierte. Die Berliner stünden den Einwanderern vieler Kulturen aufgeschlossen gegenüber und verstünden sie als kulturelle Bereicherung. Nur eine Minderheit habe religiöse und kulturelle Vorbehalte gegenüber Einwanderern.

Für die repräsentative Studie hat die Info GmbH an 14 Tagen im August knapp 1 400 ausschließlich deutsche Staatsbürger befragt – „wenn wir auch Ausländer befragt hätten, hätte das die Ergebnisse verfälscht“, erklärte Liljeberg.

Ein grundlegendes Problem von Daten zu diesem Thema in einer so vielschichtigen Stadt wie Berlin konnte aber auch Liljeberg nicht aufklären: Wer gilt als Ausländer? Phänomene wie doppelte Staatsangehörigkeiten oder unterschiedliche Pässe von Eltern und Kindern wurden nicht thematisiert. So musste am Ende jeder Befragte für sich entscheiden, wer für ihn ein Ausländer ist – und wie er zu der Bevölkerungsgruppe steht.

Tatsächlich ähneln die Ergebnisse denen vor vier Jahren, als die Info GmbH die Berliner erstmals zum Thema Integration befragte. Etwas erhöht hat sich der Anzahl persönlicher Kontakte zu Ausländern. Prinzipiell gelte, dass diejenigen mit Kontakten zu Ausländern häufiger jung, gebildet und wohnhaft in den Westbezirken Berlins seien, so Liljeberg. Demgegenüber stehen diejenigen, die sich „skeptisch bis gewaltbereit“ gegenüber Flüchtlingen äußerten: Es sind mehr Männer als der Durchschnitt, sie sind weniger gebildet, verdienen weniger und wohnen überproportional in den Bezirken Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick.

Man kann die Statistik auch negativ lesen. Demnach befürworten ein Viertel Aussagen wie: „Am liebsten wäre es mir, wenn alle Ausländer in ihre Herkunftsländer zurückkehren müssten.“ Oder: „Die Deutschen müssen alles dafür tun, ihre eigene Kultur zu verteidigen, notfalls auch mit Gewalt.“ Klein, aber nicht zu vernachlässigen, ist der Anteil derer, die „aktiv“ etwas dagegen unternehmen wollen, wenn in der Nähe ein Flüchtlingsheim eröffnen werden sollte: 7 Prozent.

Zur Veröffentlichung der Umfrageergebnisse war Heinz Buschkowsky (SPD) eingeladen, langjähriger Bürgermeister von Neukölln und Kritiker einer, wie er sagt, verfehlten Integrationspolitik („Multikulti ist gescheitert“). Er tendierte zu einer freundlichen Wertung. „Es ist sehr positiv, dass 75 Prozent aller Leute ihren Frieden mit dem Melting Pot (dem Schmelztiegel) Berlin gemacht haben.“ Jetzt müsse der Staat mehr Verantwortung übernehmen. „Langsame Integrationspolitik wird zum Fiasko führen“, sagte Buschkowsky. Die Befragten sahen es mehrheitlich genauso.