Sofie Weißflog formuliert es drastisch: „Die Notfall-Versorgung im Krankenhaus ist kaum mehr aufrechtzuerhalten“, sagt die 23-jährige Gesundheits- und Krankenpflegerin, die auf einer Berliner Intensivstation arbeitet. Sie habe an einigen Tagen so viel Arbeit, dass sie die Aufgaben priorisieren müsse.

„Wir sind an der Grenze“, sagt die junge Frau, „verschlechtert sich die Situation weiter, dann ist es nicht auszuschließen, dass ein Patient stirbt.“ Sofie Weißflog übt ihren Beruf aus Überzeugung aus. Doch für sie ist klar: Ändert sich nichts, dann wird sie irgendwann den Beruf wechseln. Müssen.

Sofie Weißflog hat sich eine persönliche Frist gesetzt: Innerhalb von fünf Jahren müssen sich die Arbeitsbedingungen geändert haben, sonst ist sie weg.

Der Pflegenotstand in Berlin ist hausgemacht

So wie ihr geht es vielen Menschen, die in der Gesundheitsbranche arbeiten, als Kranken- oder Altenpfleger, in Krankenhäusern und Notaufnahmen: Sie können, sie wollen nicht mehr – obwohl sie ihren Beruf lieben. Die Alten- und Krankenpflege steckt bundesweit in einer Krise. Es fehlen Fachkräfte. Im Dezember 2018 waren bundesweit knapp 40.000 Pflegestellen unbesetzt. Der Landespflegeplan prognostiziert Berlin bis zum Jahr 2030 rund 170.000 pflegebedürftige Menschen. Bis 2030 könnten rund 8000 Altenpflegekräfte fehlen.

Dabei ist der Pflegenotstand sogar hausgemacht. Im Krankenhausbereich hat man das Thema Pflege völlig vernachlässigt und unterschätzt. Dort ist in den letzten 15 Jahren rund 30 Prozent des Pflegepersonals abgebaut worden.

Die Konsequenz: Völlig überarbeitete Pflegekräfte, die für schlechtes Gehalt im Schichtdienst körperlich hart arbeiten und irgendwann das Handtuch schmeißen. In kaum einer Branche ist die Fluktuation so hoch – nur acht bis 13 Jahre arbeiten die meisten in der Branche. Der Krankenstand ist hoch. „Ich habe in meiner Ausbildung mit 30 Personen angefangen. Am Ende waren wir 13“, bestätigt auch Weißflog. Sie schildert Situationen, in denen junge Kollegen mit traumatischen Situationen alleingelassen wurden.

Dilek Kolat unterzeichnet „Berliner Pakt für die Pflege“

Die Gesundheits- und Pflegesenatorin Dilek Kolat (SPD) mahnt ebenso: „Es ist fünf nach zwölf. Wir müssen jetzt endlich anfangen, die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen spürbar zu verbessern.“ Gemeinsam mit mehreren Akteuren aus dem Berliner Pflegebereich – Kassen, Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern sowie Pflegeverbänden – hat Kolat dazu am Montag den „Berliner Pakt für die Pflege“ unterzeichnet, der konkrete Handlungsempfehlungen beinhaltet.

Es geht dabei um drei Punkte: Zum einen soll die Ausbildung bedarfsgerecht ausgebaut werden. So soll unter anderem die Zahl der Ausbildungsplätze zunächst verdoppelt werden. „Pflegekräfte gibt es nicht auf der Straße. Wir müssen sie ausbilden“, sagt die Senatorin.

Zudem setzen sich die Unterzeichner für eine einheitliche Vergütung ein. Außerdem sollen die Arbeitsbedingungen attraktiver werden – familienfreundlicher und flexibler. „Pflegekraft wird man aus Überzeugung. Aber die Menschen gehen unzufrieden nach Hause, wenn sie nicht ihrem Anspruch genügen können“, so Kolat. Man könne die Versäumnisse der Vergangenheit nicht wegzaubern. „Aber wir können jetzt die Weichen stellen“, so Kolat.

Forsa-Umfrage zeigt: Berliner machen sich keine Gedanken um eigene Pflegebedürftigkeit

Die Missstände in der Gesundheitsbranche spüren auch die Berliner. Laut einer exklusiven Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung schätzt jeder Zweite (52 Prozent) die Situation für Pflegebedürftige in der Stadt als eher schlecht ein – jeder fünfte (19 Prozent) sogar als sehr schlecht.

Zwei Drittel der Befragten haben sich mit der eigenen Pflegebedürftigkeit noch nicht intensiver auseinandergesetzt. Dieser Wert sinkt zwar mit höherem Alter. Aber auch in der Altersklasse der über 60-Jährigen gibt es immer noch 43 Prozent, die sich mit diesem Thema noch nicht genauer beschäftigt haben. Eine private Pflegezusatzversicherung haben nur 14 Prozent der Befragten.

Der Berliner Osten ist unzufriedener mit der medizinischen Versorgung

Knapp die Hälfte (47 Prozent) gibt an, dass sie im Falle einer Pflegebedürftigkeit gern zu Hause gepflegt werden möchten. 41 Prozent würden im Falle der eigenen Pflegebedürftigkeit im Rahmen einer anderen Pflegeform – zum Beispiel eine Alters-WG oder ein Generationenhaushalt – gepflegt werden wollen. 39 Prozent sind auch mit der Wartezeit für einen Facharzttermin eher oder sehr unzufrieden. Von den Befragten im Ostteil Berlins war knapp jeder Zweite mit der Wartezeit unzufrieden.

Im Ostteil der Stadt sind die Menschen auch unzufriedener mit der medizinischen Versorgung: 33 Prozent sind hier eher bis sehr unzufrieden. Im Westteil sieht es besser aus: Von den Befragten sind hier nur 18 Prozent mit der medizinischen Versorgung in Berlin nicht zufrieden

Sorgen vor Altersarmut haben vor allem Menschen mit geringem Einkommen unter 1500 Euro Nettoeinkommen. Insgesamt befürchten vier von zehn Berlinern, im Alter nicht ausreichend Geld zur Verfügung zu haben und auf Grundsicherung oder Sozialhilfe angewiesen zu sein.