Umfrage zur Verkehrssicherheit: Die Angst vor den Gehweg-Radlern

Berlin - Manchmal möchte Dietmar Sch. aus Charlottenburg rabiat werden. „Wenn wieder mal ein Fahrradfahrer auf dem Gehweg an mir vorbeirast, würde ich am liebsten eine Spritzpistole nehmen und ihn mit einer Ladung Farbe markieren. Damit er sich merkt, dass man so etwas nicht macht“, sagt der 71-Jährige, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Ich habe in solchen Situationen Angst, dass mir etwas passiert.“ Mit seiner Angst ist der Rentner nicht allein. Eine Umfrage im Auftrag des Senats hat ergeben, dass viele Fußgänger in Berlin Radfahrer auf dem Gehweg als das größtes Sicherheitsrisiko empfinden. 56 Prozent der Befragten störten sich daran – vor allem Senioren.

Radfahrer auf dem Gehweg stellen eine ernst zu nehmende Gefährdung dar, heißt es in dem Kurzbericht, den die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat. „Insbesondere Ältere fühlen sich durch die Nähe zu den Zweirädern sowie die teilweise rücksichtslose Fahrweise der Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer gestört“, so die Analyse. Dies zeige auch ein anderes Ergebnis der Senatsumfrage: Immerhin 32 Prozent empfinden Fahrradfahrer auf Radwegen, die an Gehwege angrenzen, als Gefahr.

Die Einstufung von Bürgersteig-Radlern als Sicherheitsrisiko sei berechtigt, so der Senat. Denn 14 Prozent der Befragten hätten in der Vergangenheit bereits einen Unfall als Fußgängerin oder Fußgänger erlitten – am häufigsten durch den Zusammenstoß mit einem Fahrrad. In acht Prozent dieser Fälle sei ein schwerer körperlicher Schaden die Folge gewesen, heißt es im Bericht.

Vor allem in Bezirken wie Pankow oder Friedrichshain-Kreuzberg, in denen viel Rad gefahren wird, bestehe „Unzufriedenheit und erhöhtes Unsicherheitsempfinden“ wegen der Radler auf den Gehwegen.

„Unverbesserliche Neandertaler“

Konflikte mit Autos folgen in der Rangliste der größten Risiken erst vom fünften Platz an. So fühlten sich 30 Prozent der Befragten bei der Überquerung von Kreuzungen mit abbiegenden Autos unsicher.

Eine Erhebung dieser Art hatte es bisher nicht gegeben. Von Dezember 2011 bis Januar 2012 hatte die Verwaltung von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) 2 001 Berlinerinnen und Berliner befragen lassen. Mit dem Ergebnis haben es der Senat und die Polizei nun schwarz auf weiß, wo die Fußgänger in Berlin die größten Probleme und Gefahren sehen – wo also gehandelt werden muss. Die erste offizielle Fußgängerbefragung in Berlin zeigt, dass zumindest einige Verantwortliche erkannt haben, dass das Zu-Fuß-Gehen ein wichtiger Teil des Verkehrs ist. Denn immerhin wird mehr als ein Viertel der Wege in dieser Stadt per pedes zurückgelegt.

Dabei ist es noch nicht so lange her, dass Fußgänger als „unverbesserliche Neandertaler“ galten – Zitat aus einer Senatsbroschüre zum Stadtautobahnbau in den 1950-er Jahren. „Wer ein Ziel hat, bleibt im Auto sitzen, und wer keines hat, ist ein Spaziergänger und gehört schleunigst in den nächsten Park.“

Kampagne für mehr Rücksicht

Die Frage ist nun, was aus der Umfrage folgt. Friedemann Kunst, der oberste Verkehrsplaner, sagt, er habe den Eindruck, dass das Problem der Gehweg-Radler „manchmal übertrieben“ wird – nicht nur in Medien, sondern auch in der Politik. In der Tat sind die offiziellen Unfallzahlen gering: Im vergangenen Jahr hat die Berliner Polizei 227 Radfahrerunfälle registriert, bei denen „falsches Verhalten gegen Fußgänger“ Hauptursache war. Allerdings werden viele Unfälle nicht gemeldet.

„Trotzdem: Natürlich ist dies ein reales Problem, gerade für die Älteren“, so Kunst. Wenn wie seit Jahren die Zahl der Radfahrer steige, „gibt es Reibungen“. Die Kampagne des Senats und des Bundes für mehr Rücksicht im Verkehr, für deren zweites Jahr Senator Müller nun den Startschuss gegeben hat, soll für mehr Verständnis werben. Außerdem sorge die Verwaltung dafür, dass Radfahrer und Fußgänger voneinander getrennt werden, damit sie sich nicht ins Gehege kommen.

Kunst: „Deshalb markieren wir so viele Radfahrstreifen auf den Fahrbahnen“ – 174 Kilometer gibt es schon, in diesem Jahr sollen weitere 15,8 Kilometer entstehen. Der Planer weiß, dass sich viele Fußgänger mehr Kontrollen wünschen: „Die Polizei unterstützt uns. Doch mehr Personal bekommt sie dafür nicht.“