Berlin - Als Hans Georg Näder an einem der letzten Oktoberabende im niedersächsischen Duderstadt das Mikrofon in die Hand nimmt, wirkt er gelöst. Näder ist ein Unternehmer, der sein Geld vor allem mit Prothesen, Rollstühlen und Bandagen verdient. Aber an diesem Abend geht es nicht ums Geschäft, was auch daran zu erkennen ist, dass er statt Krawatte einen gewaltigen rosa Schal um den Hals trägt. Neben ihm steht, ganz in Schwarz, die Berliner Modemacherin Claudia Skoda, vor ihm auf dem Boden liegt, angestrahlt von einem grünen Kronleuchter, ein Kunstwerk Martin Kippenbergers von 1976. Ein ungewöhnliches Werk.

Kippenberger traf Claudia Skoda in einer Fabriketage in Kreuzberg, in der sie mit ein paar Gleichgesinnten lebte und arbeitete. Kreuzberg war damals Schmelztiegel für Künstler und Anarchisten, Musiker und Models, Zentrum der Punk-Bewegung, Skodas Fabriketage eine Kreativfabrik im Geiste Warhols; Iggy Pop und David Bowie kamen öfter vorbei, Kippenberger zog gleich ein.

Eines Tages kam er auf die Idee, einen Laufsteg aus 1 300 Fotos zu entwerfen. Er nannte das Werk „Eine Woche Skoda“. Ein paar Jahre liefen die Mannequins über die mit Kunstharz versiegelten Bilder, dann kam der Kippenberger-Catwalk unter Holzplatten und geriet in Vergessenheit. Erst als das Kreuzberger Gebäude 2002 abgerissen werden sollte, erinnerte sich ein Berliner Fotogalerist an den Schatz und barg ihn. Da war der Künstler schon seit fünf Jahren tot. Näder kaufte das Werk schließlich vor zwei Jahren für eine sechsstellige Summe.

Und jetzt liegt der Foto-Laufsteg aus der Zeit des Berliner Punk in Näders Kunsthalle in Duderstadt, und gleich wird Claudia Skoda wieder ihre Mannequins darüber laufen lassen. Viele Gäste sind dafür extra aus Berlin in die niedersächsische Provinz gekommen. Das gefällt Näder. Er sagt ein paar Worte, tritt in den Hintergrund, ein DJ dreht die Musik auf, die Show beginnt.

Fuchs und Marder

Ein paar Tage später steht Hans Georg Näder auf dem Gelände der ehemaligen Bötzow-Brauerei in Prenzlauer Berg, diesmal trägt er einen weinroten Schal. Auf dem alten Schornstein leuchtet in pinkfarbenen Neonbuchstaben der Schriftzug „Futuring“, eine Arbeit des Künstlerpaars Eva & Adele. Näder begrüßt den Hausmeister mit Handschlag, die beiden unterhalten sich ein bisschen über die Füchse, die sich auf Bötzow angesiedelt haben und sich mit einem Marder um das Revier streiten.

Näder hat das riesige Areal vor drei Jahren gekauft. „Es war eigentlich ein Zufall“, erzählt er, „ich war im SoHo-Club, gleich nebenan, da fiel mir das Gelände mit den schönen alten Gebäuden auf. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas noch zu haben sei.“ Seit der Wende wechselte es die Besitzer, zuletzt gehörte es der Metro-Gruppe, die dort auf fünf Etagen neun Fußballfelder groß Handelsflächen bauen wollte. Mitten in Prenzlauer Berg. Am Ende verwarf Metro den Plan, Näder guckte sich Bötzow an, hatte eine Idee und kaufte für 17 Millionen Euro. Heute ist das Areal das Doppelte wert.

Duderstadt und Berlin, das seien die zwei wichtigsten Koordinaten in seinem Leben, sagt er, Heimat und Zuhause, und fügt hinzu, dass sein Zuhause eigentlich die ganze Welt sei. Sein Großvater Otto Bock gründete 1919 in Kreuzberg ein Orthopädie-Unternehmen, um die Versehrten des Ersten Weltkriegs mit Gehhilfen zu versorgen. Kurz danach zogen Familie und Unternehmen aus dem unruhigen Berlin nach Thüringen, noch später, nach Weltkrieg Nummer zwei und Enteignung, weiter nach Duderstadt im Eichsfeld, das Zonenrandgebiet war. Berlin war weit weg.

Als Hans Georg Näder 1990 mit 28 Jahren, er war Einzelkind, von seinem Vater die Firma übernahm, war gerade die Mauer gefallen. „Mit dem Vater ging eine ganze Generation an Führungskräften in den Ruhestand, ich hab mir dann meine eigenen Truppen geholt, das macht ja ein Dirigent oder Fußballtrainer nicht anders.“ 1 000 Mitarbeiter hatte das Unternehmen, heute sind es 7 000. Aus hundert Millionen Euro Umsatz wurde eine Milliarde. Die Zeitschrift Wirtschaftswoche hat Ottobock gerade in einer Rangliste der deutschen Hidden Champions, das sind weitgehend unbekannte Mittelstandsunternehmen, die alle Weltmarktführer sind, auf Rang vier gesetzt.

Vor zehn Jahren ist Hans Georg Näder nach Berlin gezogen, an den Potsdamer Platz. Er schwärmt von Berlin, das, anders als London und Paris, noch so unfertig sei. Er mag es, dass es hier keine sozialen Hierarchien gibt wie in Hamburg oder München. „Im Sommer könnte ich morgens meine Wohnung am Potsdamer Platz in kurzen Hosen verlassen und am nächsten Morgen mit einer Bierflasche in der Hand wiederkommen, niemandem fällt das auf.“

Näder kaufte in der Ebertstraße am Potsdamer Platz ein freies Grundstück, weil er in Berlin einen Showroom für seine Produkte einrichten wollte, um die Marke Ottobock bekannter zu machen. Er beriet sich mit Sebastian Peichl, einem Wiener Kommunikationsberater, der ihm empfahl, nicht Prothesen und Rollstühle in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Phänomen Mobilität, Gehen und Greifen, das, was den Menschen beweglich macht. Peichl überzeugte seinen Kunden, Näder überzeugte seinen Finanzvorstand, 20 Millionen für ein vierstöckiges futuristisches Science Center weit weg vom Firmenstandort Duderstadt lockerzumachen. Peichl, der inzwischen mit seiner Kreativagentur Wunderblock auch Bötzow betreut, übernahm die Projektleitung.

Bötzow soll wieder multifunktional werden

Hans Georg Näder steht im Foyer und führt auf einem riesigen Bildschirm den „Walker“ vor, der aus fünfzehn beweglichen Punkten besteht. Mit Reglern kann man seine Bewegungen verändern, ihn männlich oder weiblich, schwer oder leicht, nervös oder entspannt, fröhlich oder traurig laufen lassen. Der „Walker“ ist die Arbeit eines kanadischen Forschers und so etwas wie das Symbol dieses Ortes, an dem man sich auf drei Etagen spielerisch mit dem Thema Mobilität beschäftigen kann.

Die Gestaltung des Masterplans für das Bötzow-Areal hat David Chipperfield mit seinen Leuten übernommen, jener englische Stararchitekt, der zuletzt mit dem Neuen Museum Furore machte. „Ich hatte eigentlich nicht viel Hoffnung, aber Chipperfield hat gleich angebissen“, erzählt Näder, und er klingt immer noch ein bisschen überrascht. Der Masterplan für die alte Brauerei reicht bis 2020. Bötzow, steht darin, soll wieder ein „Ort“ werden, so, wie er es vor dem Krieg war. Ein multifunktionaler Platz mitten in der Stadt, für Arbeit und Erholung, für Kunst und Kulinarik, halb öffentlicher Raum, halb privat.

Früher gab es hier einen Biergarten für 6 000 Leute. Karl Liebknecht gründete dort 1919 seinen Revolutionsausschuss. Der Biergarten soll wieder entstehen. Der Pool, in dem Bötzows Brauereiarbeiter donnerstags baden durften, soll wieder flottgemacht werden und noch ein zweiter mit 50-Meter-Becken, den Näder „Schwimmverein Prenzlauer Berg“ nennen will. Eine Mikrobrauerei aus Brooklyn soll sich ansiedeln, in den Gewölbekellern kleine Manufakturen und Geschäfte, Restaurants und Bars, eine Halle für Näders Kunstwerke mit freiem Eintritt, ein Boutiquehotel mit 42 Zimmern, eine Klinik für Neuro-Rehabilitation. In einer gläsernen Rollstuhlfabrik soll sich der Besucher wie in einer Erlebniswelt mit dem Thema Mobilität vertraut machen können.

Sparsam mit dem letzten Wort

Vor einer langen Wand mit großformatigen Fotos von Bötzow, Zeichnungen und Bauplänen, erläutert Christoph Felger, der Design Director bei Chipperfield ist, den Planungsstand. Es geht um denkmalgeschützte Fenster und den Zustand der ausgedehnten Kellergewölbe, Sichtachsen vom Swimmingpool auf den Alexanderplatz und darum, wie sich Klinik und Hotel am besten verbinden lassen. Näder baut sie für gut betuchte Kundschaft aus dem Mittleren Osten, Osteuropa, Indien, China. Die zieht es oft vor, sich in Deutschland behandeln zu lassen statt im eigenen Land, weil sie den Ärzten dort nicht traut. Medizintourismus ist ein lukratives Geschäft. Näder nippt an seinem Espresso, stellt ab und zu eine Frage, sagt seine Meinung, macht einen Scherz. Meist hört er zu. Er weiß, dass er das letzte Wort hat, aber das braucht er hier nicht.

Er wirkt eher neugierig darauf, was die Leute sich so alles einfallen lassen. Neugierde, sagt er, sei sein stärkster Antrieb. Und kreative Lösungen faszinierten ihn ungemein. Das kann ein Chipperfield-Bau sein oder eine designte Prothese. Oder das Amphibienfahrzeug, das er sich vor ein paar Jahren bauen ließ, um am Steuer in Weltrekordzeit den Ärmelkanal zu überqueren.

Am Abend sitzt Näder in der Bar Le Croco Bleu im ehemaligen Maschinenraum der Bötzow-Brauerei. Der Name spielt mit einem Gerücht; nach dem Zweiten Weltkrieg sollen Krokodile aus dem Berliner Zoo in einem Gärbecken der Bötzow-Keller in Sicherheit gebracht worden sein. In einer Ecke der Bar stehen gewaltige Motorblöcke. „Die DNA der alten Brauerei“, sagt Näder, „die wird bis auf die kleinste Schraube erhalten.“ Er hat noch etwas Zeit, später ist er hier mit Kunden aus Norwegen verabredet. Der Barkeeper hat einen Halloween-Cocktail gemixt, den er in einer Kürbisschale serviert, Näder brennt sich eine Cohiba an.

Vor drei Jahren sei er „aus der Kurve geflogen“, erzählt er. Zu viele Projekte, zu viel Arbeit, Burn-out, ein halbes Jahr Pause. Seitdem geht er jedes Jahr im Januar für zwei Monate nach Uruguay, er hat dort ein Grundstück. Tagsüber ist das Handy aus, auf einem Blatt Papier notiert er seine Gedanken. Und wenn er wiederkommt, hat er einen Packen vollgeschriebener Blätter mit Ideen unterm Arm. Er sei wie der Dirigent eines Orchesters mit herausragenden Musikern, die einen Solisten, die anderen in der nicht weniger wichtigen zweiten Reihe. Ein gut aufeinander abgestimmtes Orchester kann zeitweilig auch ohne Dirigenten spielen. Und so lässt Näder es spielen. Bis wieder Zeit ist für Anregungen, Austausch, Auseinandersetzungen. Für den Dirigenten.

Zeit und Geld

Nie arbeite er um des schnellen wirtschaftlichen Erfolgs willen, sagt Näder. „Nachhaltig“, nennt er das. So wie Bötzow, das ihn 150 Millionen kosten wird. „Aber die Mauern stehen in 50 Jahren immer noch.“ Das ist der Vorteil eines erfolgreichen Unternehmers ohne Börse und Private Equity: Er hat diese Entscheidungsfreiheit. Und Zeit. Und Geld.

Einiges davon hat er in seiner Heimatstadt Duderstadt investiert. Kirchenglocken gesponsert, den Umbau des Heimatmuseums bezahlt, mit Peter Maffay aus zwei Fachwerkhäusern ein Tabaluga-Zentrum für von häuslicher Gewalt traumatisierte Kindern aufgebaut, einen Masterplan für die Stadtentwicklung bis 2020 auf seine Kosten erarbeiten lassen. Er hat das alte Hotel zum Löwen am Markt gekauft und zum Designhotel mit Kunst von Helmut Newton und Neo Rauch, seinem Lieblingskünstler, ausgestattet. Und schließlich neben seinem Wohnhaus am Stadtrand die Kunsthalle errichten lassen, in der er Teile seiner zeitgenössischen Kunstsammlung unentgeltlich zeigt, wie gerade den Kippenberger. Er weiß, dass er seinen Leuten etwas bieten muss. Die globalisierte Welt stehe hoch qualifizierten Fachkräften offen, und Duderstadt, sagt Näder, sei nicht gerade der Nabel der Welt.

Auf Bötzow will er künftig in einem Zukunftslabor, ein Stockwerk über der Bar mit dem Krokodil, mindestens 200 Kreative an künftigen Produkten, zum Beispiel dem Design von Prothesen, arbeiten lassen. „Hier in Berlin kriegt man Kreative aus der ganzen Welt“, sagt er. 40 bis 50 Millionen Euro will er in die Future Labs investieren. „Das ist doch wie beim Fußball, wenn dann dabei nur ein oder zwei Talente wie Mario Götze sind, hat sich die Sache schon gerechnet.“ Und Bötzow spricht sich rum. „Wir kriegen schon Bewerbungen für Berliner Projekte, die es noch gar nicht gibt.“

Doch auch Berlin ist für Näder nicht der Nabel der Welt. 200 Tage im Jahr ist er unterwegs, gerade hat er in Sao Paulo eine regionale Dependance für Ottobock eingeweiht und gleich noch in Rio, New York, Buenos Aires und Montevideo vorbeigeschaut. „Irgendwann kriegen Sie einfach Spaß an den fremden Kulturen, den Sprachen, den Religionen. Ich bin wie ein alter Esel, der immer wieder raus auf die Weide will.“

Ein paar Tage nach der Modenschau ist Näder noch mal rüber in sein Museum gegangen und hat sich lange seinen Kippenberger angeschaut. Er wollte rausfinden, was das für ein Typ war, wie er getickt hat. Das Anarchische, Chaotische des Künstlers hat ihn wieder gefangen genommen. Kippenbergers Kunst, findet Näder, verschiebe Grenzen, indem sie die Welt über alle Konventionen hinweg neu in den Blick nimmt. Er hat sich darin wiedergefunden. Das ist das Ziel, das er sich in seinen Unternehmungen setzt. Es wird also folgerichtig sein, wenn der Kippenberger eines Tages wieder in Berlin landet. Auf Bötzow. So jedenfalls ist der Plan.