Die Flagge Nordkoreas auf dem Gelände der Botschaft des Landes – in den 80ern ein wahrer Gemischtwarenladen und Umschlagplatz für Waren, Waffen, Devisen und Informationen. 
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Berlin-MitteDie Nachricht sorgte für Aufregung in der Operativen Lagegruppe der Stasi-Spionageabwehr: Grenzoffiziere hatten am Vormittag des 27. Dezember 1985 beobachtet, wie ein unbekanntes Kamerateam auf Westberliner Seite den Übergang Invalidenstraße filmte. Offensichtlich hatten die Kameraleute versucht, insbesondere Diplomatenfahrzeuge ins Visier zu bekommen, die nach Ostberlin fuhren. Was steckte hinter der Aktion?

ARD-Magazin filmte Schmuggel von Embargogütern

Elf Tage später gab es eine Antwort. Am Abend des 7. Januar 1986 strahlte das ARD-Magazin „Kontraste“ einen Filmbericht aus über den von nordkoreanischen Diplomaten gesteuerten Schmuggel militärischer Bauteile für Hubschrauber der US-Firma Hughes und anderer Embargogüter in den Osten. In dem vom SFB produzierten Beitrag waren unter anderem Diplomatenfahrzeuge mit dem für Nordkorea geltenden CD-Kennzeichen 11 zu sehen, die große Pakete über den Grenzübergang an der Invalidenstraße transportierten. Manche dieser Gepäckstücke waren so riesig, dass nicht mal die Klappe des Kofferraums geschlossen werden konnte. Aufgrund des diplomatischen Schutzes würden die Fahrzeuge nie kontrolliert, hieß es in dem Film.

Gezeigt wurde auch der damalige III. Sekretär der nordkoreanischen Botschaft in Ostberlin, als er in einem alten Industriegebiet an der Heidestraße in Moabit die Räume einer Westberliner Speditionsfirma betrat. Auch diese Firma sollte laut „Kontraste“ in den Schmuggel der nordkoreanischen Diplomaten involviert gewesen sein.

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In den Jahren 1983/84 waren insgesamt 87 Hughes-Helikopter ganz offiziell aus den USA über Rotterdam und Hongkong in die Koreanische Volksdemokratische Republik (KDVR) transportiert worden, da sie eigentlich für die Nutzung in der Landwirtschaft konzipiert waren. Dann aber untersagte Washington den weiteren Export, weil die Hubschrauber durch leichte Modifikationen zu Militärgerät mit Panzerabwehrraketen umgerüstet werden konnten. Diese zusätzlichen Bauteile hatten in den Folgejahren die nordkoreanischen Diplomaten mit Hilfe der Westberliner Speditionen via Ostberlin in ihre Heimat geschmuggelt, berichtete das ARD-Magazin.

KVDR-Botschaft galt als europäischer Umschlagplatz

Dass aus der KVDR-Botschaft in der Glinkastraße Schmuggelgeschäfte gesteuert werden, war zu diesem Zeitpunkt weder für die Stasi noch für die westlichen Sicherheitsbehörden eine Überraschung. Schon seit Jahren beobachteten die Geheimdienste beider Seiten argwöhnisch die Aktivitäten der nordkoreanischen Diplomaten. Illegaler Waffenhandel, Schmuggel von Embargogütern, aber auch von Rauschgift, Spirituosen und Zigaretten sowie Währungsmanipulationen – die Bandbreite der kriminellen Geschäfte, mit denen sich das – auch im Ostblock – weitgehend isolierte Regime in Nordkorea Devisen und Rüstungsgüter beschaffte, war groß.

Für die europäischen Nato-Mitglieder und die skandinavischen Staaten galt die Botschaft in Ostberlin als „das Hauptquartier der Schmugglerorganisation sowie geheimdienstlicher, nachrichtendienstlicher Tätigkeit der KDVR in Europa“, wie es in einem Stasi-Bericht aus jener Zeit heißt. Tatsächlich waren in der Botschaft des kleinen Landes nicht weniger als 33 Diplomaten akkreditiert, darunter allein 18 sogenannte Handelssekretäre, die nahezu täglich nach Westberlin fuhren und dort Geschäfte abwickelten.

Ein Stützpunkt dieser Handelssekretäre befand sich nicht weit hinter der Mauer, auf einem etwas heruntergekommenen Industriegebiet an der Moabiter Heidestraße. Dort, wo unweit des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals und des Hauptbahnhofs heute die sogenannte Europa-City entsteht, hatten sich neben einem Containerbahnhof mehrere Speditionen angesiedelt. In den Räumen eines dieser Unternehmen waren auch die Büros einer Tarnfirma untergebracht, die von den nordkoreanischen Diplomaten für die Organisation ihrer Schmuggelgeschäfte genutzt wurden.

Zwickmühle für den Staatssicherheitsdienst

Das DDR-Außenministerium und den Staatssicherheitsdienst brachte das gesetzwidrige Agieren der nordkoreanischen Diplomaten beiderseits der Mauer in eine Zwickmühle. Galt das kommunistische Regime in Pjöngjang doch trotz aller politischen Meinungsverschiedenheiten als Verbündeter, den man mit Protesten über das Gebaren seiner Diplomaten nicht verärgern wollte. Andrerseits bestand immer die Gefahr, dass die DDR in die Machenschaften der Nordkoreaner unfreiwillig hineingezogen werden würde, was ihre politischen Beziehungen zum Westen belasten könnte.

So beobachtete das MfS mit Sorge, dass die Vertretung Pjöngjangs wiederholt Terroristen, etwa von der Gruppe Japanische Rote Armee (JRA), kurzzeitigen Unterschlupf in ihrem Hotel auf dem Botschaftsgelände in der Glinkastraße gewährte. Als Ende November 1987 über der Andamanensee vor Thailand ein südkoreanisches Passagierflugzeug durch eine Bombe zum Absturz gebracht wurde, fanden sich im Gepäck der nordkoreanischen Täter DDR-Geldscheine und Fotos aus Ostberlin – offenbar war das Agentenpaar, bevor es in Bagdad die Bombe ins Flugzeug schmuggelte und beim Zwischenstopp in Abu Dhabi die Maschine wieder verließ, auch in der DDR gewesen. Sogar die Stasi vermutete daher, dass die beiden Agenten bei ihrem Aufenthalt in Ostberlin von der Botschaft in der Glinkastraße „betreut“ worden waren.

Der „Kontraste“-Film von Anfang Januar 1986 hatte nun erstmals die Schmuggelgeschäfte der nordkoreanischen Diplomaten in die Öffentlichkeit geholt. Anderthalb Monate später schlugen die Behörden zu: Am 26. Februar gegen 10 Uhr fuhren ein Mannschaftswagen der Polizei und zwei Zivilfahrzeuge mit amerikanischen Sicherheitskräften auf dem Hof des Industriegeländes in der Moabiter Heidestraße vor. Doch bevor noch die Beamten ihre Fahrzeuge verlassen hatten, hasteten bereits vier Nordkoreaner zu ihren Limousinen und rasten davon, in Richtung des nahe gelegenen Grenzübergangs Invalidenstraße.

Westallierten verhängten Ausweisungsbeschluss

Die Amerikaner nahmen es gelassen – sie kannten die Namen der vier Diplomaten, die ihnen da durch die Lappen gegangen waren. Schon zweieinhalb Stunden später wurde von den drei Westalliierten ein offenkundig bereits vorbereiteter Ausweisungsbeschluss gegen die vier Geflüchteten wegen „unerlaubten kommerziellen Operationen“ verhängt. Zehn Monate später folgte ein gleicher Bann gegen drei weitere Mitarbeiter der Ostberliner KVDR-Botschaft.

Bei ihrem Ausweisungsbeschluss beriefen sich die westlichen Alliierten auf ein Gesetz von 1950, wonach Personen aus Groß-Berlin ausgewiesen werden, wenn sie die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung oder die Sicherheit und das Ansehen der Alliierten Streitkräfte gefährden. Wären die sieben Nordkoreaner danach in Westberlin aufgegriffen worden, hätte die Polizei sie über den Übergang Heerstraße auf DDR-Gebiet – also raus aus Groß-Berlin – abschieben müssen.

Für Ostberlin galt der Beschluss zwar nicht, da sich die Sowjetunion ihm nicht angeschlossen hatte. Dennoch dürfte sich für die nordkoreanischen Diplomaten ihr Einsatz in der DDR erledigt haben. Handelssekretäre, die nicht mehr in den Westen reisen und dort Schmuggeloperationen organisieren konnten, waren für Pjöngjang nutzlos.