Ein zentrales Ziel des Schulbesuches ist es zweifelsohne, dass Kinder korrekt schreiben lernen. In Berlin gelingt das leider nur höchst unzureichend. Die Hälfte aller Drittklässler erreicht bei Vergleichstests noch nicht einmal die Mindeststandards. Universitäten und Ausbildungsbetriebe klagen schon lange über die Rechtschreibmängel von Studierenden und Azubis.

Die FDP-Fraktion hat nun tatsächlich einen Antrag ins Abgeordnetenhaus eingebracht, die seit Jahren übliche Lernmethode „Schreiben nach Gehör“ abzuschaffen. Angesehene Bildungsforscher widersprechen, und tatsächlich sind die Gründe für die Rechtschreibmisere vielfältiger. Eins aber scheint klar: Viele Schüler lernen per Anlauttabelle (A wie Affe, M wie Maus) und nach Gehör schreiben – allerdings wird dabei oft nicht entschieden genug korrigiert.

Korrektur ohne Rotstift

„Kinder finden den Einstieg in das Schreiben am besten, indem sie sich Wörter vorsprechen und Laut für Laut verschriften“, glaubt Bildungsforscher Hans Brügelmann, sicherlich ein wichtiger Verfechter der Schreiben-nach-Gehör-Methode. Am Schulanfang schreiben die Schüler dann zum Beispiel zunächst „Oile“ statt „Eule“. Laut Brügelmann zeigt das, dass Kinder das grundlegende Lautprinzip der Schrift verstanden haben.

Doch selbst Brügelmann mahnt: „Wichtig ist, dass die Lehrerin ihnen dann in Buchschrift das korrekte Wort „Eule“ darunter oder daneben schreibt.“ Dabei müsse gar nicht der Rotstift zum Einsatz kommen. „Die Lehrer sollten aber in dem korrekt geschriebenen Wort die Buchstaben markieren, die die Schüler schon richtig geschrieben haben.“ Brügelmanns Empfehlung: „Die korrekte Rechtschreibung wird von Anfang an als Modell präsentiert, aber noch nicht von den Kindern eingefordert.“ Andere Forscher warnen, dass insbesondere zweisprachige Schüler größere Schwierigkeiten mit jener Methode haben als mit klassischen Fibel-Unterricht.

Mehrere Methoden

An der beliebten Papageno-Grundschule in Mitte fordert der Deutschunterricht die Kinder da schon etwas mehr. „Anlauttabelle und Schreiben nach Gehör reichen meiner Meinung nach nicht aus“, sagt die erfahrene Deutschlehrerin Christine Ackermann, eine gelernte DDR-Lehrerin für die unteren Klassen, die später noch pädagogische Zusatzstudien absolviert hat. Sie bietet in der Schulanfangsphase deshalb eine Mischung mehrerer Methoden an.

Die Erstklässler erkunden Buchstaben ganz genau, malen sie auch mal im Sandkasten. Sie werden früh auf phonetische Besonderheiten hingewiesen, etwa dass ein Vokal vor zwei Doppelkonsonanten kurz gesprochen wird: Schiff zum Beispiel. Freies Schreiben allein reiche nicht. „Wichtig ist uns, das eine prozessorientierte Lernstanderhebung stattfindet“, sagt Ackermann. Dass also die Lehrer die Stärken und Schwächen der Schüler kennen. „Wir sagen dann auch schon Erstklässlern, dass das Wort falsch geschrieben ist.“ Erkennbar greift man hier auch auf Elemente der methodisch-didaktisch recht stringenten Alphabetisierung aus DDR-Zeiten zurück.

„Wie sollen die Kinder bei ihren ersten autonomen Schreibversuchen schreiben lernen, wenn nicht nach Gehör“, fragt indes Grundschulforscher Jörg Ramseger von der Freien Universität. Kleinkinder würde ja auch sprechen lernen nach Gehör. „Wichtig ist die Fähigkeit der Lehrkraft, den Grundschülern dann alsbald auch die orthografischen Kenntnisse beizubringen, nach und nach schon im ersten Schuljahr“, sagt Ramseger. Da komme es auf fachdidaktischen Kenntnisse an, das könne nicht jeder. Der Grundschulverband hat sich klar dagegen ausgesprochen, Quereinsteiger in der Schulanfangsphase einzusetzen.

Eine Reihe von Gründen für die Rechtschreibmisere

Natürlich gibt es eine Reihe weiterer Gründe für die Rechtschreibmisere. Da ist die besondere Sozialstruktur in Stadtstaaten mit vielen armen und migrantischen Familien. Zahlreiche Eltern lesen ihren Kinder in jungen Jahren nichts vor, haben selbst kaum Bücher zu Hause. „Solche Bildungsarmut kann auch die Grundschule nur begrenzt auffangen“, sagt Ramseger. Hinzu kommt, dass die Kinder heute schon früh mit flüchtig geschriebenen Nachrichtentexten etwa auf Handys in Kontakt kommen, wo Fehler selbst von Erwachsenen toleriert werden.

Auch in Berlin haben zudem jahrelang nicht für das Fach Deutsch ausgebildete Grundschullehrer die jüngsten Schüler ans Schreiben herangeführt. Spät erst steuerte der Senat um: Inzwischen muss jeder neu eingestellte, reguläre Grundschullehrer zwingend Deutsch und Mathe studiert haben. Das an vielen Schulen gescheiterte Zwangsexperiment mit dem jahrgangsübergreifenden Lernen hat zudem viele Lehrer und Schüler verunsichert. Angesichts dieser Befunde wirkt es allerdings besonders verstörend, dass jüngst sogar Personalratsvertreter vor mangelnden Deutschkenntnissen einzelner Lehramts-Bewerber gewarnt haben.