Berlin - Karsten Kennert blickt traurig in den Hof hinter seinem Wohnblock. Ein frisch geschlagener Baumstumpf ragt zwischen Sägespänen empor, umgeben von einem Meer aus kleinen Ästen auf dem Boden. „Das war mein Lieblingsbaum, in dem ich als Kind hochgeklettert bin“, sagt der 49-Jährige. Eine Tischtennisplatte und ein Klettergerüst stehen verwaist hinter Absperrgittern. „Bisher war es schön hier, ich habe ins Grüne geschaut“, sagt Kennert. Doch damit ist es vorbei. Insgesamt 95 geschützte Bäume wurden in seinem und in den Nachbarhöfen vor kurzem abgeholzt. Karsten Kennert lebt im Kietzer Feld in Köpenick, einer gut 60 Jahre alten Wohnsiedlung. Viergeschossige Häuserblöcke stehen hier, umgeben von viel Grün und Spielplätzen. Jetzt will die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Degewo hier zwischen den rund 20 Häuserzeilen aus der DDR-Zeit 15 neue Wohnblöcke mit rund 300 Wohnungen errichten – mit jeweils fünf Geschossen. Neun Blöcke sollen in einem ersten Bauabschnitt inmitten der bisherigen Freiflächen gebaut werden. Sechs weitere sind in einem zweiten Bauabschnitt am Rand des Viertels geplant, wo zurzeit noch 150 Garagen stehen.

Eine Zumutung, meinen viele der Anwohner. Vor wenigen Wochen wurden die Bäume, die den Plänen im Wege stehen, beseitigt – noch vor Erteilung der Baugenehmigung. „Ich habe geheult, als hier mein Baum abgeholzt wurde“, sagt eine Frau, die auf einem Balkon steht. Manche Anwohner sind in Sorge, dass das Abholzen weitergeht. „Dieser Baum steht so lange wie ich hier wohne“, sagt der 91-jährige Dietrich Koch und zeigt auf eine Eiche vor seinem Haus. „Meine Söhne haben ihn gepflanzt. Ich hoffe ganz stark, dass er stehen bleibt“, so Koch. „Wir wissen noch nicht mal, wie die Häuser aussehen werden“, sagt Karsten Kennert. Wie viele der Anwohner kennt er nur grobe Entwürfe, darunter einen Lageplan, den die Degewo veröffentlicht hat. Darauf sind in Blau die bestehenden Blöcke eingezeichnet und in Rot die Blöcke, die dazukommen sollen. Einer der roten Blöcke ist direkt vor seinem Haus eingezeichnet – in etwa 20 Metern Entfernung. „Statt auf einen Baum werde ich künftig auf eine Giebelwand schauen“, sagt Kennert.

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