Seit Januar 2014 gibt es im Internet eine Muttermilchbörse. Sie ermöglicht es Müttern, die nicht stillen können, ihr Baby aber trotzdem mit Muttermilch ernähren möchten, lokal Muttermilch zu kaufen und zu verkaufen. Experten sehen das Angebot allerdings sehr kritisch und warnen vor den Gefahren. Aber manche Mütter sehen darin die einzige Möglichkeit, ihren Kindern zu helfen.

„Freiburger Bio-Muttermilch“, „Muttermilch vom Lande“ oder „Lecker, nährstoffreiche und Hunger-stillende Muttermilch für euren kleinen Spatz“: So preisen Mütter ihre Milch auf der im Januar gestarteten Muttermilch-Börse im Internet an. Mehr als 120 Angebote sind inzwischen auf der Handelsplattform eingestellt, die Preise reichen von zwei bis zu zehn Euro pro 100 Milliliter, manche Mütter verschenken die natürliche Babynahrung auch.

Muttermilch für null bis zehn Euro

Was bewegt Mütter dazu, dort ihre Muttermilch zu verkaufen? Nicole Ehlers, eine schlanke Frau mit langen schwarzen Haaren, Nasenstecker und Kreuz an der Halskette, war eine der ersten, die ihre Muttermilch dort angeboten hat. Als gesundheitsbewusste Vegetarierin stellt sich die Hamburgerin auf der Muttermilch-Börse vor, die auch nachdem ihr Kind 14 Monate alt ist, immer noch zu viel Milch hat. Sie gibt an, dass sie weder an HIV, Hepatitis noch an Syphilis leidet, weder raucht noch trinkt und auch als Amme zur Verfügung stehen würde. 5,88 Euro verlangt sie für 100 Milliliter.

„Ich habe einfach den Mittelwert aller Angebote genommen”, erzählt die 43-Jährige in ihrer Wohnung, in der Tochter Sophia im Strampelanzug herumwuselt. „Was günstig ist, wird in Deutschland oft als nicht gut empfunden”, meint sie und fügt hinzu, dass sie ihre Muttermilch auch verschenken würde, wenn sich eine Mutter die sonst nicht leisten könnte. „Ich sehe das nicht als Verdienstmöglichkeit.”

Nicht das Geld, andere Motive standen für Nicole Ehlers im Vordergrund. Schon bei ihrem ersten Kind hatte sie so viel Milch, dass ihre Hebamme scherzhaft sagte: „Soll ich Dir ein zweites Baby bringen?” Sie musste wegen Verhärtungen und Schmerzen in der Brust abpumpen und viel wegschütten. „Das fand ich total schade, weil ich überzeugt davon bin, dass Muttermilch etwas sehr Wertvolles ist”, sagt Ehlers. In einer Zeitschrift hatte sie gelesen, dass es Muttermilchbanken gibt, sie googelte und stieß auf die Muttermilch-Börse.

Muttermilch-Börse: Die übrige Milch an die Mutter bringen

Die wurde von Tanja Müller ins Leben gerufen. Müller, 37 Jahre alt und Mutter eines Sohnes und einer Tochter, hatte beim ersten Kind zu wenig und beim zweiten viel zu viel Milch. Ihre Tochter lag auf der Frühchenstation, dort traf sie eine Mutter, die nicht genug eigene Milch für ihren Säugling hatte und Müller nach ihrer Milch fragte. Doch das Krankenhaus gestattete nicht, dass das andere Kind etwas von Müllers im Krankenhauskühlschrank gelagerten Milch abbekommt. Am Ende ihrer Stillzeit musste Tanja Müller 92 Beutel mit gefrorener Muttermilch wegwerfen. „Da liefen mir die Tränen, es war so schade um die gute Milch und die viele Abpumparbeit”, erzählt sie. Zwei Jahre später gründete sie die Muttermilch-Börse. „Ich wollte die überschüssige Milch und die Mütter, die keine haben, zusammenbringen”, so die Hamburgerin.

Ärzte und Stillkommission warnen vor den Gefahren

Experten sind sich einig, dass Muttermilch – egal ob die der Mutter oder einer anderen Frau - die bestmögliche Nahrung für ein Baby ist. Dennoch warnen der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin sowie die Nationale Stillkommission davor, Muttermilch über private Muttermilchbörsen zu beziehen. Auch Leiterinnen von Frauenmilch-Sammelstellen an Kinderkliniken kritisieren das Angebot. Sie alle stellen in den Vordergrund, dass schwere Krankheiten wie HIV über die Muttermilch übertragen werden können, dass sie Rückstände von Medikamenten, Tabak oder Drogen enthalten kann und dass sie bei unsachgemäßem Umgang mit Keimen belastet ist. Keine Mutter könne kontrollieren, ob die fremde Muttermilch für das eigene Kind unbedenklich sei, so der Tenor.

Tanja Müller kennt diese Argumente und versucht sie zu entkräften – durch Aufklärung. Sie rät den Käuferinnen, lokal zu kaufen und die Anbieterinnen unbedingt persönlich kennen zu lernen, am besten mittels Hausbesuch. So könne man sich selbst ein Bild machen. Außerdem empfiehlt sie, nach Bluttests zu fragen und einen Riechtest zu machen – Alkohol und Nikotin könne man herausriechen. Zudem arbeitet die Muttermilchbörse mit dem Institut für Milchuntersuchung zusammen, bei dem Käuferinnen die Milch zum Beispiel auf Antibiotikarückstände oder Anzeichen für das Strecken untersuchen lassen können. Müller ist überzeugt, dass Mütter die strengsten Kontrolleurinnen und mündig genug sind, das Risiko so klein wie möglich zu halten. Und sie betont, dass auch künstliche Säuglingsnahrung mit Risiken behaftet sei – nur werde darüber kaum gesprochen.

Mütter kontrollieren beim Kauf sehr genau

Wie ernst die Mütter die Qualitätskontrolle nehmen, hat Nicole Ehlers erlebt. Bei ihr haben sich acht Frauen gemeldet, vier davon hat sie getroffen und an sie auch Milch verkauft. Eine hat sie nur kurz an der Tür gesehen und die hat auch nur einmalig Muttermilch erworben. Die anderen drei dagegen seien „super genau” gewesen, erzählt Ehlers. Erst habe man gemailt, dann telefoniert, es folgten persönliche Treffen in ihrer Wohnung. Da wollten die Interessentinnen dann den Mutterpass im Original sehen. Eine Frau, die nun wöchentlich mit einer Kühltasche tiefgefrorene Milch abholt, bat außerdem um einen aktuellen Arztbericht. Nicole Ehlers ließ ihr Blut auf Hepatitis und HIV testen, 60 Euro kostete das inklusive Bescheinigung, dass sie keine der Krankheiten hat. Die Kosten hat die Käuferin übernommen. „Zum Geldverdienen ist Muttermilch-Verkauf völlig ungeeignet, das ist ein viel zu hoher Aufwand, da kommt man auf keinen vernünftigen Stundenlohn”, sagt Ehlers.
Die Kleinkinder ihrer Abnehmerinnen haben gesundheitliche Probleme, Neurodermitis oder Darmbeschwerden. Ihre Mütter, die bereits abgestillt haben, hoffen, ihnen mit Muttermilch-Kuren helfen zu können. „Alle sagen, dass es besser geworden ist”, erzählt Ehlers.

Gibt es auch offizielle Milchbanken? Und kann man Muttermilch über Facebook kaufen? Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite.