Das Geschäft mit der käuflichen Liebe ist seit jeher ein undurchsichtiges. In Bordellen, in Wohnungen und auf der Straße geschieht vieles im Verborgenen. Verlässliche Angaben darüber, wie viele Frauen und Männer in Berlin anschaffen gehen und ob sie dies freiwillig tun, gibt es kaum. Das neue Prostituiertenschutzgesetz will hier Transparenz schaffen und Zwang aufdecken – es stößt jedoch bundesweit auf scharfe Kritik. Dennoch liefert eine erste Auswertung einige Erkenntnisse zum Milieu in Berlin.

Wie die Senatsgesundheitsverwaltung auf Anfrage der Berliner Zeitung mitteilt, haben sich bisher 1248 Prostituierte bei den Behörden gemeldet, wie es das neue Gesetz verlangt. Von Bordellbetreibern gingen 162 Anzeigen eines Gewerbes ein. Nach den Regeln soll sich jeder, der mit Sex Geld verdient, beim Amt registrieren. Hinzu kommt eine Gesundheitsberatung. Bordellbetreiber müssen ein Betriebskonzept schreiben und dürfen nur noch angemeldete Personen beschäftigen.

Viele Anträge aus Charlottenburg

„Die Zahl der Meldungen ist überraschend, weil bis zum Herbst nicht mal hundert Prostituierte vorstellig waren“, sagt Christoph Lang, Sprecher der Gesundheitsverwaltung. „Scheinbar haben viele bis zum Jahresende gewartet.“ Auch hätten offenbar Bordellbetreiber ihre Angestellten überzeugt, sich anzumelden.

Die meisten Anmeldegesuche, nämlich 398, gingen in Charlottenburg-Wilmersdorf ein. Hier residiert zum Beispiel das Großbordell Artemis. Auch aus Tempelhof-Schöneberg (220) und Friedrichshain-Kreuzberg (176) kamen relativ viele Anträge. In den anderen Bezirken liegt die Zahl der Registrierungen im einstelligen Bereich. Nur 27 Prostituierte, und damit die wenigsten, meldeten sich bei den Behörden in Treptow-Köpenick.

Johanna Weber aus dem Vorstand des Berufsverbands für erotische und sexuelle Dienstleistungen nennt die Zahlen gering. „Ich halte die Schätzung, die von etwa 8000 Prostituierten und rund 600 Bordellen in Berlin ausgeht, für realistisch“, sagt sie. Nur etwa ein Achtel der Sexarbeiter wäre dementsprechend bisher beim Ordnungsamt vorstellig geworden. Für Weber keine Überraschung: „Die meisten Prostituierten, die ich kenne, wollen sich nicht anmelden.“ Sie fürchten ein Zwangsouting oder die Weitergabe ihrer Daten.

Denn nach erfolgreicher Anmeldung sollen die Sexarbeiter einen Prostituiertenausweis erhalten, der dauerhaft mitzuführen ist. „Einige sind alleinerziehend und bangen um das Sorgerecht, wenn rauskommt, dass sie anschaffen gehen. Andere sind halbtags in der Pflege beschäftigt, welches Krankenhaus stellt sie noch ein?“ Die Betroffenen trauten der Verschwiegenheit der Behörden nicht oder hätten Angst, dass ihnen der Ausweis im falschen Moment aus der Tasche rutsche.

Auch Lobbygruppen und die Opposition kritisieren, das Gesetz treibe Prostituierte in die Illegalität, anstatt sie zu schützen.
„Es wird deutlich, dass der Senat in der Umsetzung keine geeignete Lösung gefunden hat“, sagt Katrin Vogel, die gleichstellungspolitische Sprecherin der Berliner CDU-Fraktion.

Damit bezieht sie sich auf die komplizierten Zwischenlösung für die Anmeldung von Prostituierten. Seit Inkrafttreten des Gesetzes am 1. Juli 2017 arbeitet die Stadt mit Provisorien, weil sie mit der Umsetzung der neuen Regeln nicht hinterherkommt. Gesundheitsberatung und Ausweis gibt es noch nicht, stattdessen erhalten Prostituierte nur eine Bescheinigung darüber, dass sie versucht haben, sich zu registrieren. Immerhin steht seit Mitte Dezember endgültig fest, dass der Bezirk Tempelhof-Schöneberg die Gesundheitsberatung und die Anmeldung für alle Berliner Sexarbeiter zentral übernehmen wird.

Strafen bis zu 10.000 Euro

Rund 1,2 Millionen Euro hat der Senat dafür zur Verfügung gestellt, 18 Stellen sind ausgeschrieben und bereits etwa 50 Bewerbungen eingegangen. Doch der Bezirk, an dessen Grenze die Kurfürstenstraße verläuft, sucht noch nach Räumen, um die Sozialarbeiter und Verwaltungsangestellten unterzubringen. „Der Immobilienmarkt ist dicht“, sagt Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD). Im Gespräch ist das ehemalige Bankgebäude in der Potsdamer Straße 140. „Auch dort steht aber bloß die Hälfte der nötigen Büros zur Verfügung“, sagt Schöttler. Wahrscheinlich ist deshalb, dass Anmeldung und Gesundheitsberatung an unterschiedlichen Orten stattfinden.

Wann die Registrierung so ablaufen wird, wie es das Gesetz formell vorschreibt, vermag Schöttler nicht zu sagen. Einstellungsprozesse in Behörden dauern, eine Lösung vor dem Herbst erscheint unwahrscheinlich. Bis das Verfahren etabliert ist, ahnden Polizei und Ordnungsamt Verstoße rund um die Anmeldepflicht nicht. Danach drohen Sexarbeitern Geldstrafen bis zu tausend Euro. Bordellbetreiber können auch zu zehntausend Euro Strafe verdonnert werden.

Ob das Gesetz irgendwann seinen eigentlichen Zweck erfüllt und die Sexarbeiter besser vor Ausbeutung schützt, ist umstritten. Während Verbände bezweifeln, dass Zwangsprostituierte sich in einem halbstündigen Gespräch mit einem Sachbearbeiter offenbaren, hat Bezirksbürgermeisterin Schöttler leise Hoffnung. „Immerhin finden Menschen, die einen Ausweg suchen, hier einen Ansprechpartner, den sie in ihrem Umfeld vielleicht sonst so nicht hätten“, sagt sie.
Ein paar neue Kontakte also, etwas Licht im Dunkel. Wer aber die 1 248 Männer und Frauen aus Berlin sind, was sie erlebt haben und was sie antreibt – das sagt die Zahl bisher nicht.