Wie grün ist polnische Mode? Das fragt ein Panel-Talk auf der Berlin Fashion Week

Nachhaltigkeit ist auf der Modewoche Thema – aber nur selten mit Blick auf europäische Nachbarn. Das Polnische Institut hat diese Perspektive nun eingebracht.

Moderatorin Zuzanna Krzatala von der polnischen Vogue im Gespräch mit Agnieszka Oleksyn-Wajda, Tanvir Kabir und Martyna Zastawna (von links nach rechts).
Moderatorin Zuzanna Krzatala von der polnischen Vogue im Gespräch mit Agnieszka Oleksyn-Wajda, Tanvir Kabir und Martyna Zastawna (von links nach rechts).Polnisches Institut.

Für das Polnische Institut hat die Berliner Fashion Week einen Anlass zum Reden gegeben. Über Nachhaltigkeit und Verantwortung in der Mode nämlich. Dabei ging es am Anfang der Modewoche in den Räumlichkeiten des Instituts, unweit des Hackeschen Markts gelegen, vor allem darum, vor welchen Herausforderungen die polnische Modeindustrie steht und wie sie auf eine vertretbare Weise organisiert werden kann.

Junge Gründer und auch Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern haben darüber auf dem „Polnischen Forum für nachhaltige Mode“ diskutiert. Das ist gerade auch interessant, weil zwar das Thema an sich auf der Berliner Modewoche allgegenwärtig ist – von entsprechenden Podien auf den Premium-Messen bis zur Modenschau des Nachhaltigkeitskollektivs. Meistens aber geht es bloß um die deutsche Perspektive, die deutsche Branche. Der Blick auf die europäischen Nachbarn, ihr Interesse an und ihr Können auf diesem Gebiet werden dabei häufig ausgeklammert.

Ein wichtiger und spannender Teil des Forums war dem Thema des Greenwashings gewidmet – dem Phänomen, dass sich gerade viele Modefirmen möglichst öffentlichkeitswirksam einen grünen Anstrich geben, ohne wirklich nachhaltig zu arbeiten. Agnieszka Oleksyn-Wajda, die Leiterin des Instituts für nachhaltige Entwicklung in Polen, sprach darüber mit Martyna Zastawna, Gründerin des polnischen Unternehmens WoshWosh, sowie Tanvir Kabir vom Botschaftsrat der Botschaft der Volksrepublik Bangladesch in Berlin. Zur Diskussion standen etwa die Rolle der Kunden, aber auch die Engagements von öffentlichen Institutionen und Unternehmen.

Die Modeindustrie ist einer der am wenigsten regulierten Sektoren der Welt.

Agnieszka Oleksyn-Wajda

„Die Modeindustrie ist einer der am wenigsten regulierten Sektoren der Welt“, sagt Agnieszka Oleksyn-Wajda. „Es ist auch einer der schwächsten Sektoren in Sachen Transparenz.“ Sie selbst ist Teil einer Arbeitsgruppe des United Nations Global Compact, eines weltweiten Paktes, der zwischen der Uno und verschiedenen Unternehmen mit dem Ziel geschlossen wurde, die Globalisierung sozialer und ökologisch sinnvoller zu gestalten. Der Aufbau solcher Allianzen zwischen Experten, politischen Entscheidungsträgern, verschiedenen Unternehmen und Interessensgruppen sei der einzige Weg, um beim Thema Nachhaltigkeit wirklich voranzukommen, so Oleksyn-Wajda.

Mit Blick auf die Modeindustrie in Polen sagt sie: Da es jahrelang keine entsprechenden Vorschriften oder Kompromissformulierungen gegeben habe, sei es zu vielen Fällen des Greenwashings gekommen. Ein Umstand, über den in Polen bis jetzt viel zu wenig geredet worden sei, ergänzt die Gründerin Martyna Zastawna. Ihre Firma WoshWosh bietet in Warschau Schuhreparaturen an und will so einem Überkonsum entgegenwirken. Ihr Unternehmen sei das erste in Europa, das sich speziell mit der Zirkularität von Schuhen befasse; auch Zastawna ist Teil der UN-Arbeitsgruppe.

Die Menschen wollen alles kaufen, was sie in die Hände bekommen.

Martyna Zastawna

„Die Menschen in Polen wussten lange nicht, dass große polnische Unternehmen quasi alles tun können, ohne dafür belangt zu werden – und sie wussten schon gar nicht, dass das Greenwashing ist“, sagt sie. Zwar würden auch immer mehr Polen umweltbewusster agieren und zu „Null-Abfall-Menschen“ werden wollen – aber nicht immer würden die Lebensweisen dann tatsächlich auf dieses Ziel hin abgestimmt. Es fehle dazu auch an belastbaren Zahlen und deutlichen Erkenntnissen, die eine Realisierung inspirieren und unterstützen könnten. „Was wir brauchen, sind Statistiken, Zahlen, Fakten und vor allem eine Definition für Greenwashing“, fordert Zastawna. Allgemeine Regeln, die in Polen Kunden ganz generell vor Irreführungen schützen sollen, reichen nicht aus; es brauche spezifische Regularien für die Mode.

Im März 2022 habe die Europäische Kommission zwar eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um irreführende Werbung und Kommunikation in der Modebranche europaweit einzudämmen. Zastawna glaubt allerdings nicht, dass die Vorhaben der Kommission ausreichend seien, um die Zeit der Selbstregulierung der Mode wirklich zu beenden.

Wir brauchen Schulprogramme, damit Kinder entsprechend gebildet werden.

Tanvir Kabir

Ein Ziel der Verordnung sei etwa, Fast Fashion in Europa bis 2030 quasi irrelevant zu machen. Für Zastawna klingt das nach einem sehr sportlichen Ziel, dessen Umsetzbarkeit sie bezweifelt. Was sich die Kommission sonst noch vorgenommen hat: die Produktion von recycelbaren Textilprodukten unterstützen, das soziale Verantwortungsbewusstsein stärken, die Bezahlbarkeit nachhaltiger Mode durch Regularien ermöglichen.

Für Tanvir Kabir von der Botschaft der Volksrepublik Bangladesch müsse indes auch ein entsprechendes Bildungsangebot geschaffen werden. Schon Kinder sollten für Themen der Nachhaltigkeit sensibilisiert werden, ein Umdenken solle schon in den Schulen gefördert werden. Und zwar weltweit: „Wir brauchen Schulprogramme auf der ganzen Welt, damit die Kinder entsprechend gebildet werden“, sagt er. Auf diese Weise würde letztlich auch den Regierungen wie jener in Polen die Arbeit erleichtert. Denn mit Gesetzen und Verordnungen allein könne man das Verhalten einer Gesellschaft nicht ändern. Vor allem nicht in einer Zeit, in der Einkaufszentren und Onlineshops rund um die Uhr geöffnet hätten. Natürlich nicht nur in Polen, aber eben auch dort.

Während Zastawna durch Berlin spazierte, so erzählt sie noch, habe sie im Stadtbild ein viel größeres Bewusstsein für Themen der Nachhaltigkeit wahrgenommen, als das in Polen der Fall sei. Selbst die Schaufenster der Modegeschäfte verdeutlichten das demnach. Dass dies in Polen noch nicht ganz so weit sei, habe auch historische Gründe: Gerade die älteren Generationen stünden noch stark unter dem Eindruck des Kommunismus und seines Zerfalls. Für sie fühlten sich der Kapitalismus und der damit verbundene, auch hemmungslose Konsum noch nach einer Errungenschaft an, so Zastawna. „Die Menschen wollen alles kaufen, was sie in die Hände bekommen.“ Und dafür, dass dabei wenigstens möglichst viele nachhaltige Produkte in den Einkaufstüten landen, tue die polnische Regierung noch zu wenig.

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