Berlin - Den ersten Sonnabend im Juni haben Initiativen bundesweit zum Anti-Autobahn-Aktionstag erklärt. Klar, dass Berlin einer der Schauplätze sein wird, denn hier entsteht ein weiteres innerstädtisches Autobahnteilstück. „Am 5. Juni blockieren wir in einer Massenaktion des zivilen Ungehorsams den Ausbau der A100 zwischen Neukölln und Treptow“, teilen Berliner Mitglieder des Bündnisses „Sand im Getriebe“ mit. „Wir stoppen die Bauarbeiten und machen die Mobilitätswende selbst.“

Wo genau und wann die Aktion beginnt, verraten die Aktivisten noch nicht. Doch die Stoßrichtung ist klar: „Friedlich und entschlossen stellen wir uns der Klimazerstörung in den Weg“, sagt eine Sprecherin des Bündnisses, das gegen den „autokapitalistischen Wahnsinn“ vorgehen will. Mehrere Hundert Menschen würden erwartet. Geplant sei am 5. Juni in Berlin auch eine Fahrraddemonstration, die um 12 Uhr am Platz der Luftbrücke beginnt und über bestehende Abschnitte der A100 führt. Von 14 bis 17 Uhr folgt an der Elsenbrücke, in deren Nähe das neue Teilstück des Stadtrings enden soll, eine Sit-in-Kundgebung. „Bringt Picknickdecken und Liegestühle mit“, heißt es.

Zwei Häuser wurden abgerissen, mehr als 450 größere Bäume fallen

Mit einem feierlichen ersten Spatenstich, an dem der damalige Stadtentwicklungssenator und heutige Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) teilnahm, begann vor acht Jahren der Bau des 16. Bauabschnitts der A100. Mit der Fortführung zur Straße Am Treptower Park wird der Stadtring in den Osten Berlins verlängert. Senat und Bund argumentierten, dass die östlichen Bezirke besser ans Autobahnnetz angebunden werden. Zudem müssten rund 30.000 Berliner weniger Lärm und Abgase ertragen, weil die Autobahn von Stadtstraßen Verkehr abziehe. Verabredet war, dass zum Ausgleich der Kraftfahrzeugverkehr auf anderen Straßen Platz verliert – allerdings wurde dieses Versprechen nicht eingelöst.

Die rund 3,2 Kilometer lange sechsspurige Autobahn gilt als das teuerste Stück Straße, das jemals in Deutschland gebaut worden ist. Wurden die Kosten beim Baubeginn auf 472,5 Millionen Euro veranschlagt, ist jetzt bereits von 700 Millionen Euro die Rede. Der 16. Bauabschnitt wird unter anderem deshalb so kostspielig, weil ein großer Teil der Strecke in einem 385 Meter langen Tunnel und einem knapp 2,3 Kilometer langen Geländeeinschnitt verläuft. Hieß es zu Beginn, dass die Strecke 2022 für den Verkehr freigegeben wird, avisiert der Bund nun Ende 2024 an.

Für die Verlängerung der A100 mussten 314 Kleingärten gerodet werden, 450 größere Bäume werden gefällt. An der Beermannstraße in Treptow wurden zwei Wohnhäuser abgerissen. Der Bund hält an dem Plan fest, die Autobahn über die Spree und unter dem Ostkreuz hinweg zur Frankfurter Allee und zur Storkower Straße weiter zu führen. Die Kosten des 17. Bauabschnitts werden mittlerweile sogar auf knapp eine Milliarde Euro veranschlagt. Doch erst einmal wird die A100 auf Jahre hinaus im Treptower Norden enden – wo ein Verkehrschaos erwartet wird, weil die benachbarte Elsenbrücke bis 2028 eine Baustelle ist.

Angesichts der Erderhitzung sei der Bau einer Autobahn anachronistisch, so Lara Eckstein von „Sand im Getriebe“. „Ich möchte eine Zukunft ohne Klimakatastrophe“, sagt sie. „Wir brauchen eine andere Stadt mit weniger Autos. Wir haben ein verbrieftes Grundrecht auf Klimaschutz – aber gleichzeitig eine Bundesregierung, die sich an alten Festlegungen festklammert.“ „Sand im Getriebe“ hat bereits 2019 die Internationale Automobil-Ausstellung in Frankfurt am Main blockiert. „Mit Fridays for Future, Ende Gelände und anderen Bündnissen sind wir Teil der Klimabewegung“, erklärte Eckstein. „Am 5. Juni werden wir uns mit unseren Körpern friedlich und ohne Eskalation den Bauarbeitern in den Weg stellen.“

Die Aktivisten fordern bundesweit, den Bau von Autobahnen zu stoppen. Während der bundesweiten dezentralen Aktionstage am ersten Juni-Wochenende wird gegen weitere Verkehrsprojekte demonstriert – unter anderem gegen die A20 und die A39.