Berlin - Den grünen Park in der Nähe, ein ruhiges Plätzchen zum Ausspannen, saubere, frische Luft, keine Geldsorgen – so ließe es sich in Berlin zweifelsohne gut leben. Doch von solchen Rahmenbedingungen können die meisten Menschen in Metropolen nur träumen. Auch in Berlin.

Zwischen den Bezirken – und selbst innerhalb einzelner Stadtquartiere – gibt es eklatante Unterschiede in der Stadt. Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz hat auf Grundlage von umfangreichem Datenmaterial die Situation nun analysiert. Fazit: Im Stadtbild zeichnet sich eine deutliche Umwelt-Ungerechtigkeit ab.

Die ökologische Frage ist „auch eine soziale Frage“

Die Umweltbelastungen sind in den Kiezen besonders hoch, in denen Menschen mit geringen Einkommen und niedrigerem sozialen Status wohnen. Damit ist die ökologische Frage „auch eine soziale Frage“, sagte Stefan Tidow, Staatssekretär für Umwelt und Klimaschutz am Mittwochabend bei der Vorstellung der Ergebnisse.

Der Bericht ist ein Pilotprojekt und laut Senatsverwaltung bisher einmalig für eine Metropole wie Berlin. Für die Untersuchung wurde die Stadt in 447 sogenannte Planungsräume aufgeteilt. Diese Areale orientieren sich an bewohnten Gegenden. Um dort die Umweltqualität zu erfassen, hat die Senatsverwaltung in Kooperation mit dem Bundesumweltamt fünf verschiedene Kriterien festgelegt: Luft-, Lärm- und thermische Belastung (Hitze), die Versorgung von Grünflächen sowie die soziale Problemdichte der untersuchten Gegend. Letztere ist ebenso relevant für die Gesundheit wie die anderen vier Indikatoren.

Ist eine Wohngegend besonders laut, das Viertel ein Problemkiez und existieren wenig Parks, so schneidet das Quartier schlecht ab, weil es gleich dreifach belastet ist. Einige Gegenden in Berlin sind sogar fünffach belastet – zum Beispiel die Scharnweberstraße und die Klixstraße in Reinickendorf. Dort, wo sich Lärm, schmutzige Luft und gesundheitsbelastendes Bioklima konzentrieren, fehlt es häufig an Grün. Dort tragen die Menschen also überdurchschnittlich viele Lasten.

Der gesamte Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gehört zu einem Belastungsschwerpunkt

In ganz Berlin gibt es 20 Planungsräume, die vier- oder sogar fünffach belastet sind. Acht dieser Areale liegen in Mitte. So viele wie in keinem anderen Bezirk. Die Schwerpunkte befinden sich in Ortsteilen von Wedding nördlich der Ringbahn, im Westen Moabits und in der historischen Innenstadt.

Vierfach belastet sind laut Bericht Gesundbrunnen und die Karl-Marx-Allee in Mitte, die Donaustraße in Neukölln und das Andreasviertel in Friedrichshain-Kreuzberg.

Der gesamte Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gehört laut der Analyse zu einem Belastungsschwerpunkt: 78 Prozent der Menschen, die hier leben, sind zweifach und höher belastet.

Auf der anderen Seite gibt es auch Viertel, in denen es sich offenbar besonders umweltverträglich leben lässt – in Buch, Blankenburg oder am Olympiagelände zum Beispiel. Immerhin kaum belastet – nur einfach – sind zum Beispiel die Wohngebiete am Weißen See, am Volkspark Prenzlauer Berg, am Thälmannpark oder in der Invalidenstraße.

Die Daten lieferten eine Arbeitsgrundlage, um gezielt gegen gehäufte Umweltbelastungen vorzugehen, erklärte Tidow. Umgesetzt in den stadtentwicklerischen Alltag bedeutet das, dass in Stadtvierteln, in denen Neubau geplant ist und in denen Grünflächen fehlen, ein stärkerer Fokus auf solche grünen Ruheinseln gesetzt werden sollte. Stärker belastete Wohnorte könnten bei Entscheidungen dann priorisiert werden, weil der Bedarf höher als in anderen Vierteln ist. 

Es gehe darum, dass Grünflächen in einer Stadt, die so schnell wachse, bei Stadtbauprojekten und Quartierentwicklungen nicht „hintenrüberfallen“, sagte Tidow. Mit dem Bericht könne an vielen Stellen die Dringlichkeit deutlich gemacht werden. „Es gibt eine große Nachfrage nach solchen Daten“, sagte Tidow.

So ist zum Beispiel knapp die Hälfte (47 Prozent) der Berliner Bevölkerung gut mit Grünflächen versorgt, 28 Prozent dagegen schlecht bis gar nicht. Und nur einer von 20 Berlinern, die in ihrem Kiez mit Grünflächen gut versorgt sind, lebt innerhalb des S-Bahn-Rings.

„Es gibt ein Recht auf Teilhabe an Natur und auf eine saubere Umwelt“

Zwar gibt es einen Zusammenhang zwischen Einwohnerdichte und Parks mit Bäumen – aber nicht zwingend. Immerhin liegen 18 der definierten Stadtbereiche in der Innenstadt, wo sich Berliner an viel Grün erfreuen können.

Schaut man auf Berlin als „Ganzes“, also die belastete Innenstadt und die grüneren Außenbereiche, steht es nicht schlecht um die wachsende Metropole Berlin: 250 der 447 Gebiete sind gar nicht oder nur von einem Kriterium belastet.

Tilmann Heuser, Geschäftsführer des Berliner Landesverbands des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND Berlin) sagte, dass Umweltpolitik immer Politik für die Menschen, für ihre Gesundheit und ihre Lebensqualität sei. Entsprechend müssten dort Schwerpunkte gesetzt werden, wo die Umweltqualität besonders schlecht sei. Der BUND erwartet, dass Senat und Bezirke gemeinsam mit den Menschen vor Ort gezielte Lösungen für die Quartiersentwicklung entwickeln. 

Herbert Lohner, Naturschutzreferent beim BUND, betonte, dass vor allem Kinder, Kranke und alte Menschen von Umweltbelastungen gefährdet seien. „Es gibt ein Recht auf Teilhabe an Natur und auf eine saubere Umwelt“, sagte Lohner.