Im Mai wurden die geplanten Pop-up-Radwege in Berlin mit Drohnen-Technik vermessen. 
Foto: Airteam Aerial Intelligence

BerlinDie Städte in Deutschland sollten Radfahrern und Fußgängern aus Sicht des Umweltbundesamts mehr Platz auf der Straße verschaffen, um im Kampf gegen Klimakrise und Luftverschmutzung voranzukommen. Dabei könne die Corona-Krise als „Gelegenheitsfenster“ genutzt werden, erklärte die Behörde auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Auch sollten Parkgebühren und Anwohnerparkausweise teurer werden, um den Umstieg vom Auto auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel zu fördern. Politiker von Union und FDP sowie der ADAC äußerten Skepsis.

Im Frühjahr und Sommer haben einige Städte, darunter Berlin und Hamburg, sogenannte Pop-up-Radwege und befristete Spielstraßen eingerichtet, um die Corona-Abstandsregeln und Verkehrssicherheit zu garantieren. Dies begrüßt das Umweltbundesamt ausdrücklich. „Pop-up-Fußgängerzonen wären ebenfalls wünschenswert“, hieß es. Denn Laufen oder Radfahren sei gesund, im Vergleich zu Autos leise und erzeuge weder klimaschädliche Treibhausgase noch Luftschadstoffe.

Als „wesentliches Hemmnis“ für eine Verkehrswende in den Städten nennt das Umweltbundesamt eine zu geringe Bepreisung von Bewohnerparkplätzen und Parkraum. „Während man in Kopenhagen über 200 Euro und in Amsterdam über 500 Euro pro Jahr für das Bewohnerparken zahlt, liegen die Gebühren in Deutschland derzeit weit darunter“, hieß es. In der Millionenmetropole Berlin etwa zahle man pro Jahr nur rund zehn Euro, vielerorts sei Parken sogar noch kostenfrei.

Laut Umweltbundesamt ist der Bestand an Kraftfahrzeugen hierzulande zwischen 2009 und 2019 um 16 Prozent gestiegen. In Groß- und Mittelstädten, also in Städten mit mindestens 15.000 Einwohnern, leben knapp 80 Prozent der Menschen in Deutschland.

Ob Radfahrer mehr Platz auf der Straße bekommen, müsse zwar jede Stadt für sich entscheiden, sagte der Verkehrsexperte der Union im Bundestag, Alois Rainer (CSU), der Deutschen Presse-Agentur. „Wichtig ist aber, dass eine solche Umwandlung nicht aus ideologischen Gründen geschieht, um Autofahrer zu bestrafen. Auch für Autos muss es in Städten ausreichend Raum geben.“

ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand sagte zu Forderungen, mehr Autospuren in Radwege umzuwandeln, dies müsse vor Ort genau abgewogen werden. Da Bus und Bahn derzeit weniger genutzt würden, seien Pkw und Rad besonders gefragt. „Beide gegeneinander auszuspielen macht also wenig Sinn.“ Er forderte ganzheitliche Lösungen.

Das Umweltbundesamt wies darauf hin, dass 40 bis 50 Prozent der innerstädtischen Autofahrten kürzer sind als fünf Kilometer. „Sie liegen damit in einem Entfernungsbereich, in dem das Fahrrad sogar häufig das schnellste Verkehrsmittel ist.“ Doch um mehr Menschen zum Radfahren zu bewegen, müsse es sicherer und einfacher werden.

Anfang des Monats hatte auch der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, gefordert, dem Auto auch öffentliche Räume zu entreißen. Er sagte: „Unsere Städte sind keine Parkplätze, Städte sind Orte zum Leben.“

Der CSU-Politiker Rainer sagte zu Forderungen, Anwohnerparkausweise zu verteuern: „Grundsätzlich halte ich aber einen Jahresbetrag von mehreren Hundert Euro für zu viel. So billig wie in Berlin muss es aber auch nicht sein.“ In der Hauptstadt kostet der Bewohnerparkausweis jährlich 10,20 Euro, in anderen europäischen Städten teilweise mehrere Hundert Euro jährlich.