Berlin - Vor zwei Jahren, sagt Thomas Fischer, sei er noch ausgelacht worden für diese Idee. Kaffee to go mit einem wiederverwendbaren Mehrwegbecher? Wie bitte? Das klappt nicht, das will keiner, das ist zu teuer, das ist zu aufwändig, hieß es immer wieder.

Inzwischen lacht Thomas Fischer, Experte für Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH), und zwar über die Skeptiker von damals – seit dieser Woche sogar noch ein bisschen lauter: Denn die rot-rot-grüne Koalition brachte einen Antrag ins Parlament ein, der für ganz Berlin – wenn es schnell geht, noch in diesem Jahr – auf freiwilliger Basis ein Mehrwegbecher-System für den hochbeliebten Unterwegskaffee einfordert. „Berlin wäre damit weltweit die erste Metropole, die so etwas im großen Maßstab umsetzt“, sagt DUH-Experte Thomas Fischer. Das Thema wird zunächst noch im Umweltausschuss diskutiert, könnte aber noch im Frühjahr vom Abgeordnetenhaus beschlossen werden. Dann wäre der Senat an der Reihe.

2400 Tonnen Müll

Die Idee ist eigentlich simpel und längst bekannt von etablierten Mehrwegsystemen wie etwa bei Bier, Saft oder Mineralwasser in Pfandflaschen aus Glas. Nur dass die Flasche jetzt ein Becher wird, der ein heißes Getränk enthält. Er könnte so ähnlich aussehen wie der grüne Beispielbecher der Aktion „Becherheld“, die der DUH 2015 startete (siehe Bild rechts). Der ist aus Kunststoff mit einem Edelstahlzylinder in der Mitte, hält das Getränk durch die Doppelwand eine Weile warm und ist, wichtig für den ultramobilen Großstädter, durch seinen massiven Deckelverschluss absolut dicht.

Ziel ist es, den täglichen Abfallberg aus nicht recyclebaren, weil plastikbeschichteten Pappbechern in der Hauptstadt zu verringern. Allein in Berlin, so eine Studie der Marktforschungsgesellschaft TNS Emnid, werden jeden Tag rund 460.000 Coffee-to-go-Becher verbraucht. Sichtbar ist der Müll an vielen Stellen, insbesondere in Parks und auf belebten Plätzen wie am Hackeschen Markt oder am Kollwitzplatz. Im Jahr kommen so in Berlin 170 Millionen Becher zusammen, das sind rund 2400 Tonnen Müll.

Die Becher landen bestenfalls im Abfalleimer und dann in der Müllverbrennungsanlage. Schlechtestenfalls verrotten sie irgendwo. Coffee-to-go-Becher bestehen zudem laut DUH fast immer aus Neumaterial – zu 95 Prozent sind sie aus Papier, zu rund fünf Prozent aus Polyethylen –, weil recycelte Altpapierfasern nur sehr eingeschränkt für Lebensmittelverpackungen genutzt werden dürfen. Um die Pappbecher herzustellen, würden daher große Mengen Holz und Erdöl verbraucht – mit entsprechenden klimaschädlichen Konsequenzen.

Eigener Becher macht den Kaffee billiger

Kommt das Gesetz durch, sind Umweltverwaltung und Wirtschaftsverwaltung, beide unter grüner Führung, aufgefordert, ein geeignetes Mehrwege-Pfand-System zu entwickeln. Dies soll gemeinsam mit der Gastronomie und dem Handel, also großen und kleineren Kaffee-Verkäufern, und Umweltverbänden geschehen. Daniel Buchholz, Umweltpolitiker der SPD, ist dabei nicht nur wichtig, dass die Nutzung eines solchen Bechers freiwillig bleibt. Er will auch einen Anreiz setzen:

Daher soll künftig bei allen teilnehmenden Betrieben ein Außer-Haus-Kaffee auch „mindestens 20 Cent“ weniger kosten, wenn ein wiederverwendbarer Becher benutzt wird. Dies sei besser, als etwa per Ökoaufschlag die umweltbelastenden Pappbecher zu verteuern – was laut Buchholz aber durchaus auch möglich wäre. Dass der Mehrweg-Rabatt eine praktikable Idee ist, zeigt etwa die Megakette Starbucks, die sogar 30 Cent Nachlass auf ihre Getränke gewährt, wenn ein Becher mitgebracht wird. Allerdings wirbt Starbucks so gut wie gar nicht mit dieser Option, um nicht unnötig Gewinne zu schmälern.

Aufwändiges Rückgabesystem

Mit einigem Aufwand verbunden ist dabei die Idee, bei allen teilnehmenden Unternehmen eine Rückgabe des Pfandbechers zu ermöglichen. Er müsste dort also gespült werden können, am besten gleich maschinell. Zudem müsste es, ähnlich wie beim Flaschenpfand, ein Ausgleichsystem für die Betriebe geben, weil nicht immer überall gleich viele Becher zurückgegeben werden. Der rot-rot-grüne Antrag schlägt vor, einen „attraktiven Berliner Mehrwegbecher“ zu entwickeln, der auch Potenzial fürs Stadtmarketing habe, etwa als Souvenir für Touristen.

Allzu attraktiv darf er aber auch nicht sein, merkt DUH-Experte Thomas Fischer an: Denn ansonsten stellen sich die Leute den Becher zu Hause ins Regal – statt ihn zirkulieren zu lassen.