Mit einigem Speed brettert Ulrich Misgeld mit dem Auto auf den Hof  in der Motzener Straße in Marienfelde. Und stoppt direkt am nächsten Laternenmast auf dem Gelände der Selux AG. Der spendet   zwar  im Bedarfsfall auch Licht, hat aber einen ganz besonderen Vorzug aufzuweisen: eine Ladestation. Misgelds Auto ist ein Elektro-Smart, und der bekommt in der Zeit des Termins erst einmal neue Leistung  auf die Batterie gepackt. „Danke für die Stromladung“, ruft Misgeld den Selux-Leuten zu.

Misgeld war früher Chef des Lampen- und Leuchtenherstellers. Seit seinem Ausscheiden aus dem Berufsleben führt er im Ehrenamt das  Unternehmensnetzwerk Motzener Straße weiter. Dort, an der südlichen Berliner Stadtgrenze, sind rund 200 Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten tätig, davon zählen etwa die Hälfte der Betriebe und rund 80 Prozent der Beschäftigten zum verarbeitenden Gewerbe. Das Gewerbe- und Industriegebiet in der Motzener Straße gehört zu den größten in Berlin.

Tageslicht per Spiegel

Rund 60 Unternehmen haben sich im Netzwerk zusammengetan, um sich gegenseitig zu unterstützen und ihre Interessen konzentriert vorzubringen. Was das Netzwerk und die Firmen allerdings heraushebt,  ist ein besonderes Ziel – das Klimaschutzprojekt Nemo. Das heißt Null Emission Motzener Straße und soll genau das erreichen: Null CO2-Emission bis 2050 und bis 2030 eine Reduzierung des Ausstoßes um 40 Prozent.

Dafür haben die Firmen bereits einige Projekte realisiert, die einerseits im eigenen Unternehmen Einsparungen ermöglichen und andererseits als Anschauungsbeispiele für andere potenzielle Anwender dienen können.  Bei Selux ist es unter anderem die Beleuchtung des Treppenhauses.

Die erfolgt am Tag in der Regel nicht mehr über künstliches Licht, sondern über Tageslicht. Dazu brauchte man Spiegel, Linsen mit einem Meter Durchmesser und  Umlenkspiegel. Damit wird das auf dem Dach eingefangene Tageslicht nach unten in das Treppenhaus geschickt, es sorgt dort für ausreichende Helligkeit. „Zudem  wird durch das Tageslicht ein Wohlfühl-Effekt geschaffen“, sagte Selux-Vorstandschef Jürgen Hess. Die Lichtmenge entspricht 240  Glühbirnen zu je 40 Watt. Das Projekt wurde zusammen mit der Technischen Universität realisiert.
Ein paar Ecken weiter hat das  Unternehmen Bartelt Glas Berlin einige Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs ergriffen. Die in den Bereichen Glasveredelung, Sicherheitsglas, Glasdesign und Glasbau tätige Firma hat hohen Energiebedarf und sah dort Einsparmöglichkeiten. Unter anderem werden die Hauptenergieverbraucher  so gesteuert, dass insbesondere beim Anfahren der Maschinen eine Ballung in den Spitzenlasten vermieden  wird. „Das bekommt man über die Produktionssteuerung hin“, sagt  Geschäftsführerin Julia Geburzi-Horn. Natürlich hat auch Bartelt Glas Berlin eine einsatzbereite  Ladesäule für Elektroautos auf dem Parkplatz stehen.

Gleich ganz groß  in das Projekt Nemo ist das Unternehmen India-Dreusicke eingestiegen. Der Kunststoffverarbeiter und Formenbauer hatte 2012 nach mehr als vier Jahren Bauzeit seinen fast 8 000 Quadratmeter neuen Werksneubau im Gewerbe- und Industriegebiet bezogen – mit  „modernsten ressourcenschonenden Anwendungen“, wie  Geschäftsführer Thomas Dreusicke sagt. Die Investitionssumme lag im achtstelligen Bereich. Das Unternehmen fertigt unter anderem die Gehäuse für die Fritz-Boxen.
Entstanden ist eine Fabrik  mit modernen Produktionsanlagen und mit intelligenter Energienutzung. So wird unter anderem die entstehende Wärme bei der Kunststoffverarbeitung genutzt, um Wasser im Regenrückhaltebecken auf höhere Temperaturen zu bringen, etwa von 15 bis 20 Grad auf fast 40.  Daraus wird wiederum die Wärme für die Heizung und  für das Brauchwasser gewonnen.  Anders herum werden über einen Kältespeicher die niedrigen Temperaturen im Winter „eingelagert“, um sie in den wärmeren Monaten zu nutzen. „Das spart uns viel Strom in der Zeit, in der andere ihre Klimaanlagen hochfahren müssen“, betont Thomas Dreusicke. Für das Werk und seine ökologische Bauweise gab es 2013 den Green Buddy Award  des Bezirks Tempelhof-Schöneberg.

Bedarf wird analysiert

Das Unternehmensnetzwerk Motzener Straße will jetzt das Projekt Nemo auf ein neues Niveau heben. Seit kurzem unterstützt Kofler Energies, ein erfahrenes Ingenieurbüro für Energie- und Ressourceneffizienz, die Unternehmen im Gewerbegebiet beim Klimaschutz. So sollen  die Firmen beim Kauf von grünem Strom beraten sowie  im Bereich der Energiebeschaffung  begleitet werden. Um die  Energieeffizienz zu steigern,  soll auch der konkrete Energiebedarf in den einzelnen Firmen analysiert und optimiert werden.
Netzwerk-Chef Misgeld  freut sich, dass  das Nemo-Projekt – vom Bundesumweltministerium und dem Energiefonds Berlin gefördert – mit dem neuen Partner „weiter an Fahrt aufnimmt“.  Damit würden sich die  gewünschten Energie-Effekte zügig einstellen und für die Unternehmen positiv auf der Kostenseite zu Buche schlagen.

Und für den Klimaschutz könne jedes Unternehmen ohnehin selbst etwas Eigenes tun: „Es sollte bei allen Unternehmen selbstverständlich sein, Elektroladestationen auf den Kunden-Parkplätzen anzubieten.“