Was denn jetzt? Ist das Gedicht „avenidas“ nun sexistisch oder Kunst und wo verläuft eigentlich die Grenze? Die Meinungen fallen höchst unterschiedlich aus. Studenten und vor allem Studentinnen der Alice-Salomon-Hochschule empfinden die Verse des Dichters Eugen Gomringer als anstößig. Deshalb muss das Gedicht nach sieben Jahren von der Hausfassade in Hellersdorf verschwinden.

Die Stiftung Brandenburger Tor kämpft nun aber gegen die „Eliminierung des Kunstwerkes“, wie eine Sprecherin es formuliert. Jedenfalls flattert das eben noch verbannte Gedicht seit Donnerstag am Max-Liebermann-Haus auf einem acht Meter langem Banner. Schön prominent, direkt neben dem Brandenburger Tor. Bis Mitte April soll es dort hängen.

Kunst darf mehr als political correctness zu entsprechen

Für alle, die die bundesweit beachtete Diskussion verpasst haben: Der bolivianisch-schweizerische Schriftsteller Eugen Gomringer hatte auf Spanisch die Worte avenidas (Alleen), flores (Blumen) und mujeres (Frauen) als Gedicht aneinandergereiht. Kritische Geister sagen, er bediene damit ein veraltetes Rollenbild der Weiblichkeit. Blumen und Alleen mit Frauen gleichzusetzen und das Gedicht mit dem Wort admirador (Bewunderer) enden zu lassen, stilisiere Frauen zu bloßen Objekten.

Die Stiftung Brandenburger Tor spricht von Zensur. Sie setzt sich dafür ein, „dass Kunst mehr kann und darf als einer vermeintlichen political correctness zu entsprechen.“ Und sie macht einem gewagten Vergleich auf: „Auch die Kunst von Max Liebermann wurde einst in deutschen Museen abgehängt und der Öffentlichkeit vorenthalten. Die Zensur von Kunst hat in Deutschland eine verheerende Tradition und darf sich nicht wiederholen.“ Der jüdische Maler und bekennende Nazi-Gegner Liebermann war nach 1933 in Ungnade gefallen.