Berlin - Die Natur hat das Grabmal für Hermann Baum schon vor vielen Jahren erobert. Ein ordentlicher Baum wächst mitten auf dem Grab zwischen steinernen Säulen in die Höhe. Hundert Meter weiter klebt ein gewaltiger Efeutrieb auf einem schwarzen Stein, der 1930 für Georg Tietz aufgestellt wurde. Seit Jahrzehnten klettert die Ranke dort empor. Sie hat mittlerweile die Stärke eines Oberschenkels.

Manche Grabfelder hat die Natur vollständig zurück erobert. Die Grabsteine stehen schief, Bäume liegen quer, Moos hat die Steine überwachsen. Nach einem kurzen Regenschauer leuchtet das Moos hellgrün im Sonnenlicht auf. Ein Fuchs kriecht unter einem schräg stehenden Stein hervor und läuft ein paar Meter weit. Dann bleibt er stehen und betrachtet misstrauisch die Menschen auf dem Weg.

So ist es gewollt. Auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee haben die Lebenden einen Pakt mit der Natur geschlossen. Sie darf hier sein und die Grabmäler für die Toten verwittern und verändern. Auf diesen Grabfeldern werden nur die Wege freigehalten. Das Moos auf den Steinen wird nicht entfernt, Sträucher und Bäume dürfen wachsen und auch die Grabsteine beiseite drücken.

Nur alles zerstören darf die Natur nicht. Denn gleichzeitig versucht die Gemeinde, mit aufwendigen Restaurierungsarbeiten herausragende Grabmale und den Charakter der Gesamtanlage zu bewahren.

Herausragendes Zeugnis jüdischer Begräbniskultur 

Dieses Miteinander von Denkmalpflege und Naturschutz wird dem Friedhof in dieser Woche eine hohe Auszeichnung einbringen. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks wird am kommenden Mittwoch das gemeinsame Projekt „Naturschutz und Denkmalpflege auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee“ der Jüdischen Gemeinde und der Technischen Universität Berlin als Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt würdigen.

Im ersten Moment wirkt die Auszeichnung etwas seltsam. Dieser Friedhof ist berühmt, weil er ein herausragendes Zeugnis jüdischer Begräbniskultur vor allem des 19. Jahrhunderts ist. Er spiegelt deutsche und auch Stadtgeschichte. 

Es gibt ein Grab für durch die Nazis 1938 geschändete Thorarollen, ein Urnenfeld mit Asche aus den Konzentrationslagern. Der Journalist Theodor Wolff und der Schriftsteller Stefan Heym sind hier begraben, der Zeitungsverleger Rudolf Mosse, Warenhausbesitzer Hermann Tietz, Weinhändler Berthold Kempinski, der Maler Lesser Ury. Die 42 Hektar große Anlage mit über 116.000 Begräbnissen ist außerdem der größte noch praktizierende Jüdische Friedhof in Europa. Und doch ...

Ein faszinierender Ort

Wir haben uns am Sonntag mit Anja Pick vom Förderverein auf dem Friedhof zu einem Rundgang verabredet. „Ich interessiere mich schon lange für diesen Friedhof. Es ist ein faszinierender Ort“, sagt sie. Anja Pick ist vor vier Jahren nach Berlin gezogen. Damals war es für sie selbstverständlich, sich an diesem Ort dann auch persönlich zu engagieren. Mittlerweile hat sie um die 15.000 Fotos auf dem Friedhof gemacht.

Nicht in allen Bereichen wird das Areal der Natur preisgegeben. In der Nähe des Haupteingangs an der Herbert-Baum-Straße zum Beispiel werden viele Grabmale aufwendig instand gehalten. Dort befinden sich monumentale Wandgrabmale.

Einige bekannte Architekten haben Grabmale auf diesem Friedhof entworfen: Mies van der Rohe, Walter Gropius, Bruno Schmitz. Auch diese werden restauriert. Wenn entschieden werden muss, ob ein Grabmal wiederhergestellt werden soll, spielt das genauso eine Rolle, wie die Frage, wer dort begaben ist und die Gestaltung.

An einer Weggabelung steht die sehr monumentale Grabanlage der Bankiersfamilie Aschrott. Sie wurde vor nicht allzu langer Zeit restauriert. Trotzdem durchzieht ein tiefer Riss den Stein. Kleine Bäume wachsen in den Ritzen. „Es ist immer ein Abwägen zwischen Denkmalschutz und Naturschutz. Natürlich ist es wunderbar mit den alten Bäumen auf diesem Friedhof, aber das zerstört natürlich die Anlagen. Wir wollen ein Miteinander“, sagt Anja Pick.

Forschungsprojekte auf dem Friedhof 

Die TU hat bereits verschiedene Forschungsprojekte auf dem Gelände durchgeführt. Eins davon finanzierte die Deutsche Bundesstiftung Umwelt. Von 2012 bis 2015 wurde die biologische Vielfalt erhoben, Moose, Flechten, Blütenpflanzen, Vögel, Fledermäuse, Laufkäfer untersucht. Die Studie förderte einen wertvollen Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten zutage, darunter auch gefährdete Arten.

Das Forschungsprojekt richtete sich auf die Integration von Naturschutzzielen bei allen Arbeiten, die der Bewahrung und Entwicklung des Friedhofs dienen. Genau dieses Engagement für die biologische Vielfalt soll nun ausgezeichnet werden. Die Vereinten Nationen haben das Jahrzehnt von 2011 bis 2020 zur UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgerufen, um den durch menschliches Handeln bedingten Rückgang aufzuhalten.

Unterstützt werden Projekte mit Modellcharakter, solche mit Vorbildfunktion. Es ist ein Wettbewerb, für den Projekte vorgeschlagen werden könne. So soll biologische Vielfalt stärker ins Bewusstsein gerückt werden.