Melli Beese im Jahr 1911 in  ihrem Rumpler-Taube-Flugzeug auf dem Flugplatz Johannisthal.
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Berlin-SchönefeldZwei Frauen geleiten jedes Auto künftig zum neuen Flughafen BER: Melli Beese und Elly Beinhorn. Die beiden prominentesten ringförmigen Zufahrtstraßen tragen die Namen der beiden deutschen Flugpionierinnen. Die Vorschläge für die Benennung kamen von der Flughafengesellschaft. Sie hatte neben berühmten Männern auch vier Frauen aus der Luftfahrtgeschichte ausgewählt. Die Gemeindevertretung Schönefeld stimmte zu - mit einer Ausnahme: Die gewünschte Otto-Lilienthal-Allee, Zubringer von der Autobahn, muss auf Vorschlag der Abgeordneten den Namen Schönefelder Allee tragen.

Anders als in Berlin, wo – im Prinzip -nur Namensgeberinnen infrage kommen sollen, bis die Hälfte aller Straßen weibliche Namen trägt, hatte man kein Problem mit Männern. „Kuriose Sachen wie 50 Prozent Frauennamen oder Mohrenstraße wegbenennen – so was machen wir nicht“, sagt Dr. Udo Haase, parteilos, von 1990 bis Ende 2019 Bürgermeister der Gemeinde Schönefeld. Aber in Schönefeld gedachte man der Flugpionierinnen bereits, als von Melli-Beese-Ring oder Elly-Beinhorn-Ring in der Bevölkerung noch nicht die Rede war. So fand seit 2010 jährlich der Elly-Beinhorn-Lauf von Schönefeld nach Johannisthal statt, wo seit 1909 auf dem ersten unternehmerisch geführten Flugplatz Deutschlands die ersten kühnen Flugversuche stattfanden.

Wer waren diese beiden Frauen?

Eine wie Melli Beese hätte es im Kaiserreich eigentlich nicht geben sollen. 1911 erwarb sie den Flugschein, obwohl viele Männer auf gemeinste Weise versucht hatten, das zu verhindern. Einige halfen ihr. „Erste Deutsche Motorfliegerin“, so steht es in Stein gemeißelt auf ihrem Grab auf dem Schmargendorfer Friedhof.

Als die 24-Jährige am 1. November 1910 auf dem Flugplatz Johannisthal auftauchte und eine Flugschule suchte, trugen Frauen aus bürgerlichem Hause üblicherweise Korsetts und bodenlange Röcke. Als Berufe kamen allenfalls Lehrerin oder Gouvernante in Betracht. Immerhin waren seit 1908 Frauen an preußischen Universitäten zugelassen. Und dann wollte eine fliegen! Unerhört.

Melli Beese wurde 1886 in ein begütertes Elternhaus in Dresden-Laubegast geboren (siehe Infobox). Solider, kreativer Mittelstand. Die Eltern förderten ihren ersten Wunsch, Bildhauerin zu werden. Zum Studium in Stockholm brachte sie technisches Verständnis, besondere Fähigkeiten zum räumlichen Denken und den Willen zum kräftigen Zupacken mit. Für ihre Arbeiten – Büsten, Figurengruppen - erhielt sie Auszeichnungen. Und noch etwas lernte sie in Schweden kennen: das Hochseesegeln.

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1909, zurück in Dresden, fing sie an, sich mit der Fliegerei zu beschäftigen, und meinte das ernst. Sie hörte Vorlesungen zu Mathematik, Schiffsbau, Flugtechnik und -mechanik. Mit heißem Interesse las sie Presseberichte über Flugexperimente. Sie wusste um die vielen, oft tödlichen Unglücke mit Aviatikern, wie man damals sagte, und dass Fliegen eine reine Männersache war.

Abschrecken ließ sie sich nicht. Mit 3000 Mark plus 1000 Mark Bruchkaution in der Tasche klapperte sie in Johannisthal Flugschulen ab und schrieb: „Nun war ich plötzlich da, und ich war felsenfest überzeugt, in wenigen, vielleicht zwei, spätestens drei Wochen würde ich, sportlich trainiert wie ich war, hoch über allen Sterblichen meine Kreise ziehen.“

Der erste deutsche Motorflugplatz zog seinerzeit Flieger aus aller Welt an. Männer von hohem Selbstwertgefühl zeigten auf Flugveranstaltungen zur allgemeinen Bewunderung, was sie draufhatten. Zwei Flugschulen schickten die junge Frau weg, die dritte, die „Ad astra Fluggesellschaft“ von Robert Thelen, nahm sie auf. Thelen wurde ihr erster, wenn auch hoch skeptischer Fluglehrer. Er erfand Vorwände, um den Unterricht zu verhindern, und beendete ihn nach einem Absturz am 12. Dezember 1910. Bei einem Übungsflug war eine Antriebskette von der Motorwelle gesprungen. Melli Beese notierte: „fünffacher Beinbruch, Rippen- und Nasenbeinbrüche“. Thelen diente die Bruchlandung als Beweis dafür, dass „Frauen im Flugzeug eben Unglück bringen“.

Als sie nach monatelangem Heilprozess im Januar 1911 nach Johannisthal zurückkehrte, verdankte sie ihre Zulassung an der Flugschule der Rumpler-Werke einem Kalkül von Flugplatzdirektor Tschudi: Wenn er bei seinen Shows die erste fliegende Frau präsentieren könnte, wäre das der Publikumsrenner. Aber Melli Beeses Ausbildung schleppte sich dahin. Männliche Konkurrenten manipulierten Wartelisten, erfanden Hindernisse. „Um fünf kurze Schulflüge zu absolvieren, brauchte ich 1 ½ Monate…, und das hatte seine guten oder schlechten Gründe“, schrieb sie auf. Der Grund war ganz einfach: Die Männer fürchteten Prestigeverlust, sie pflegten den Mythos, dass Fliegen eine extrem schwierige, unmöglich von Frauen zu beherrschende Kunst sei.

Die Zielstrebige

Herkunft: Amelie Beese, ihr Leben lang Melli genannt, wurde am 13. September 1886 in Laubegast bei Dresden geboren. Ihr Vater war Architekt, Bau- und Steinmetzmeister und Inhaber der Firma Spiritus-Glühlicht Gesellschaft „Phöbus“.

Ausbildung: Nach der Töchterschule wollte sie nicht die standesgemäße Heirat, Haushalt, Kinder, sondern Bildhauerin werden. Weil das weder in Dresden noch in Berlin möglich war, ging sie 1906 nach Stockholm.

Flugschule: Ihren Examensflug absolvierte sie am 13. September 1911, ihrem 25. Geburtstag, in Johannisthal.

Am 27. Juli 1911 flog sie zum ersten Mal allein. Sie stieg auf 100 Meter Höhe, das Doppelte des Erlaubten, flog ruhig zwei Runden, landete glatt und leicht, „ohne weitere Sprünge zu machen“. Die Presse meldete: „Auf dem Flugplatz Johannisthal legte heute Vormittag zum ersten Mal eine Dame, Fräulein Böse (Fehler im Original, Anm. d. Red.)), eine Probe ihrer Flugkunst ab und konnte auch, ohne den Apparat zu beschädigen, wieder landen.“ Melli Beese provozierte die männlichen Flieger doppelt: Sie war klein, zierlich, braunäugig; so sehr die maskuline Konkurrenz sie anfeindete – umschwärmt war sie auch.

Ihr Lehrer Hirth nahm schließlich die Prüfung ab - „nach vieler Mühe und Not, erschwert durch den Oppositionsgeist, der den Frauen angeboren sein muss“, wie er schrieb. „Großes“ traue er ihr nicht zu. Die ganze Sache werde von Frauen „lediglich als Sensation aufgefasst und dient dem Publikum zur Belustigung“. Ohne Sabotage lief auch ihr Examensflug nicht ab: Man hatte verrußte Zündkerzen eingeschraubt und das Benzin bis auf einen kleinen Rest abgelassen, sodass sie notlanden musste. Sie selbst erkannte: „Der Konkurrenzneid meiner männlichen Kollegen war heftig, aber dann war doch das Unglück geschehen – und ich war Pilot.“

Die Presse nannte sie „schneidige Pilotin“ oder „Flying Girl“. Sie nahm an Flugwettkämpfen teil, stellte Höhen- und Zeitenrekorde auf, gewann Preisgelder, flog mit Passagieren. Auf einem Flugtag führte sie mit ihrer Rumpler-Taube eine Verfolgungsnummer auf, wie in der Presse zu lesen war: „Ihr Täubchen ließ sich vom Albatros-Flieger mit Pilot Pietschker jagen – eine Schau der Extraklasse.“

Fortan konnte sie als Fluglehrerin arbeiten, gründete in Johannisthal eine eigene Flugschule, entwickelt ein Flugzeug, die Melli-Beese-Taube, die ihre Firma auch baute und verkaufte. Als Konstrukteurin meldet sie Patente an, zum Beispiel für ein Wasserflugzeug.

1913 heiratet sie den Franzosen Charles Boutard, ihren ersten Flugschüler. Die Ehe machte sie zur Französin. Das entzog ihr mit Beginn des Ersten Weltkriegs die Existenzgrundlage. Franzosenhass zerkochte die Seelen. Sie erhielt Flugplatzverbot, ihr Mann wurde interniert, dann stellte man beide in Wittstock unter Ortsarrest. Ihre Versuche, nach dem Krieg neu zu starten, scheiterten. Melli Beese resignierte, am 22. Dezember 1925 nahm sie sich in Wilmersdorf das Leben.

Begeisterter Empfang für Elly Beinhorn auf dem neuen Flugplatz Berlin-Tempelhof während ihrer aktiven Zeit als Sportpilotin in den 30er-Jahren.
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Da war Elly Beinhorn 18 Jahre alt, und es war nicht ausgemacht, dass sie ein Fliegerstar werden sollte. Doch genau das gelang ihr mit bis heute nachhallendem Erfolg.

Auch Elly Beinhorn wurde in behütete, aber gesellschaftlich beengte Verhältnisse hineingeboren. Sie machte sich früh auf die Suche nach einem aufregenden Leben, nach irgendwas mit Abenteuer. Sechzehnjährig glaubte sie, das beim Hamburger Tierpark Hagenbeck zu finden oder in der Film-Traumfabrik Ufa und malte sich Tier- und Filmexpeditionen aus. Daraus wurde erst einmal nichts, doch das Ziel war vorgegeben.

Die Abenteuerlustige

Herkunft: Elly Beinhorn wurde am 30. Mai 1907 als einziges Kind eines Hutgeschäftbesitzers in Hannover geboren. Nach Stadttöchterschule und Schillerlyzeum brach sie die Schule kurz vor dem Abitur ab.

Ausbildung: Um fliegen zu lernen, verließ sie, 21-jährig, gegen den Willen ihrer Eltern Hannover und bezog ein Zimmer in Spandau.

Flugschule: Am 2. November 1928 saß sie erstmals auf dem Flugplatz Berlin-Staaken am Steuerknüppel. Am 4. November schloss sie die Ausbildung mit dem A-Schein ab, erwarb danach den Kunstflugschein und weitere fliegerische Qualifikationen.

Als sie 1928 einen Vortrag über eine Atlantiküberquerung hörte, war klar: Das wollte sie auch. Eine Flugschule in Berlin nahm sie auf, die 2000 Reichsmark Ausbildungsgebühren bezahlte sie aus Ersparnissen, und lernte auf dem Flugplatz Staaken das Fliegen. Zu der Zeit gab es in Deutschland 21 Pilotinnen. Aber keine gelangte zu so großer Prominenz wie Elly Beinhorn. Das lag zum einen an ihren spektakulären Aktionen wie einem Alleinflug im März 1931 nach Westafrika oder einer Weltumrundung Ende desselben Jahres, zum anderen an ihrer Fähigkeit, das Publikum mit ihren Berichten in Bann zu schlagen. Abfällige Bemerkungen männlicher Kollegen begleiteten auch diese ebenso wagemutige wie professionelle Frau. Die Leute gierten nach Berichten aus fremden Ländern, verschlangen Elly Beinhorns autobiografische Bestseller, die Geschichten von Notlandungen, zu überwindenden Hindernissen der skurrilsten Art in Bergen, Wüste oder im Busch, von exotischen Menschen und dem doch immer wieder glücklichen Ausgang.

Den letzten Schub für Elly Beinhorns Popularität lieferte ihre 1936 geschlossene Ehe mit dem berühmtesten Rennfahrer der Zeit, mit Bernd Rosemeyer. Der Autoheld und die Fliegerin waren das Glamourpaar der 30er-Jahre. Rosemeyer verunglückte 1938 tödlich, als eine Windböe sein Geschoss bei Tempo 430 von der Autobahn warf. Der Popstar der NS-Zeit war freiwillig der SS beigetreten, seine Frau und Witwe ließ sich nicht mit den Nationalsozialisten ein.

Nach einer Zwangspause im Zweiten Weltkrieg gelang Elly Beinhorn der Einstieg in die Unterhaltungsszene der alten Bundesrepublik. Sie moderierte eine WDR-Radiosendung und eine ZDF-Dokumentationsreihe, flog bis ins Alter von 72 Jahren und starb 2007 hochgeehrt im Alter von 100 Jahren in einem Münchner Altersheim.