Das hier, so viel steht fest, ist kein kleiner Streit. Keine harmlose Auseinandersetzung, nicht eine dieser Zickereien zwischen Mädchen im besagten Alter, die in einer tränenreichen Umarmung und langen Beteuerungen münden. Hier, auf dem Hermannplatz, geht etwas zu Ende. Die beiden, 13, vielleicht auch 15 Jahre alt, stehen nicht weit auseinander, doch die Distanz zwischen ihnen könnte größer nicht sein.

Die eine, klein und etwas mollig, die auffallend schönen Kupferhaare zu einem perfekten Dutt geschnürt, redet auf die andere ein. Die ist zu weit weg, um zu hören, was sie sagt, doch ihre Haltung und Gestik hat etwas bittendes, fast flehendes. Verzweifelt wirkt sie, und sticht heraus aus dem frühsommerlichen Treiben und Sichgehenlassen.

Ihre Verzweiflung lässt das andere Mädchen, auch mit Dutt, ansonsten sieht sie aber ganz anders aus, schmal und drahtig, sichtbar unbeeindruckt. Mit verschränkten Armen steht sie da, steif und gerade wie ein Pfahl, und schweigt. Alles an ihr ist Ablehnung. Sie schweigt auch, als die Bittende ihre Ansprache beendet und ihr Gesicht zeigt keine Regung.

Wenn Worte verhallen - einfach so

Die Rothaarige setzt erneut an, jetzt streckt sie bittend beide Hände in Richtung der Freundin, sie redet sich um Kopf und Kragen. Da dreht die andere sich um und geht. Einfach so, erhobenen Hauptes und sehr endgültig. Einen Moment lang sieht es aus, als wolle die Stehengelassene ihr nachlaufen. Doch dann lässt sie die Arme sinken und bleibt stehen. Ihre letzten Worte zappeln in der Luft wie ein verwirrtes Insekt.

Nicht nur ihre Verlassenheit, sondern auch die bestimmt mühsam und doch vergeblich errungenen und aneinander gereihten Sätze schnüren mir für einen Moment die Kehle zu. Ich stelle mir vor, wie viele Worte durch die Stadt irren. Unsichtbar, unhörbar, wie kleine Geister. Unbeantwortete Nachrichten. Unerwiderte Liebeserklärungen. Entschuldigungen, die in der Atmosphäre stecken bleiben, weil der Adressat sich stumm umdrehte und ging. Zurückgewiesene Vorwürfe.

Ein Klangbild voller Traurigkeit

Wütende Anwürfe, die an Regungslosigkeit abprallen und kraftlos zu Boden taumeln. Rufe, die verhallen. Fragen ohne Antwort. Fragen, die gar nicht erst gestellt werden, aus Angst vor den Antworten. Überhaupt all die ungesagten Sätze, Sätze, die angstvoll zurückweichen vor einem kalten Gesicht, einem befürchteten Schulterzucken. Was für ein Gewimmel wäre das, könnte man sie sehen. Was für ein Getöse, könnte man all das hören. Der Gedanke gefällt mir, aber eigentlich ist er traurig. Sind doch all diese Wörter lose Enden.