Was im Kopf eines Menschen vorgeht, ist in den seltensten Fällen zu erkennen. Und manchmal ist es dann zu spät. 
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Berlin Die Tat war lange geplant, das Motiv nach derzeitigen Ermittlungsstand Hass. Der Hass eines Mannes, der Fritz von Weizsäcker mit einem Messer erstochen hat, weil er dessen Familie für schuldig hielt. Der 57-jährige Täter gilt als psychisch gestört, was die Diskussion über die Tat komplex macht. Wie geht man mit solchen Taten um? Wie mit den Tätern? Und was muss passieren, dass Menschen durchdrehen und anderen das Leben nehmen?

Nachdem der Chefarzt am Dienstagabend seinen Vortrag über Leberleiden beendet hat, stürmt Gregor S. los, zieht ein Messer und sticht Fritz von Weizsäcker in den Hals. Ein Polizist, der privat dem Vortrag zugehört hat, wirft sich dazwischen und wird schwer verletzt. Für den Mediziner kommt jede Hilfe zu spät. Diese unvermittelte Tat schockiert, denn der 57-jährige Gregor S. war der Polizei bislang unbekannt und wohl psychisch unauffällig – bis zu diesem Abend.

Das ausgelegte Kondolenzbuch für den Berliner Arzt Fritz von Weizsäcker und ein Foto des Mediziners.
Foto: Catharina Ackenhausen/ Schlosspark-Klinik/ dpa

Jeder kann eine Straftat begehen

Der Polizeibeamte musste zweimal operiert werden. Es gehe ihm „den Umständen entsprechend“, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag.   Der 57-jährige Gregor S. aus Rheinland-Pfalz sitzt inzwischen in einer geschlossenen Psychiatrie. Das Motiv des Angreifers liegt nach Angaben der Staatsanwaltschaft in einer „wohl wahnbedingten allgemeinen Abneigung des Beschuldigten gegen die Familie des Getöteten“.

Gregor S. soll in der Vernehmung gesagt haben, dass er die Familie von Weizsäcker hasse. Grund sei die Tätigkeit des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker als Geschäftsführer des Chemieunternehmens Boehringer Ingelheim. Diese Firma arbeitete mit dem den amerikanischen Konzern Dow Chemical bei der Herstellung des Entlaubungsmittels „Agent Orange“ zusammen.  

Das reichte für Gregor S. offenbar aus, um einen Mordplan zu entwickeln. Wie der Spiegel berichtete, sagte er in der Vernehmung, dass er eigentlich Richard von Weizsäcker habe treffen wollen. Dieser ist aber seit fast fünf Jahren tot. Also habe er den Sohn ausgewählt. Um seinen Plan zu verwirklichen, fuhr er nach Berlin, wo Fritz von Weizsäcker einen Vortrag in der Schlosspark-Klinik hielt. Dort liegt inzwischen ein Kondolenzbuch bereit – ein einer Klinik, die ihre Sicherheitsvorkehrungen nach der Tat verstärkt hat.

Keine Vorhersagen möglich

Hätte man die Auffälligkeit von Gregor S. im Vorfeld erkennen können? Nein, sagt die Psychotherapeutin und forensische Gutachterin Karoline Klemke. „Die Vorhersage, ob jemand straffällig wird, wendet man nur bei Menschen an, die straffällig geworden sind. Wenn wir diese Methoden auf Menschen anwenden, die noch gar nichts gemacht haben, bewegen wir uns im kritischen Bereich.“

Eine große Zahl von Personen habe Überzeugungen, in denen Mord- und Rachefantasien eine Rolle spielen, so die Psychiaterin. Wo fängt man also an? „Wenn wir uns Russlands Psychiatrien in der Vergangenheit anschauen, wo Regimegegner für psychisch krank und deshalb gefährlich erklärt wurden, wissen wir, wo das hinführen kann.“

Die Psychologin – die oft mit U- und S-Bahn unterwegs ist – teilt den Eindruck, dass gerade in Berlin die Zahl psychosozial und psychiatrisch beeinträchtigter Menschen steigt. Das liege wahrscheinlich an der tiefer werdenden sozialen Spaltung der Gesellschaft, an psychosozialen Belastungen und daran, dass diese Stadt solche Menschen auch anziehe, sagt sie. Viele Obdachlose zum Beispiel hätten psychische Probleme.

Zahlen entwichener Patienten unbekannt

Wie viele gefährliche psychisch Kranke in der Stadt unterwegs sind, kann nur gemutmaßt werden. Der Senat hat nicht einmal eine Zahl, wie viele Eingewiesene aus psychiatrischen Anstalten entwichen sind. Beim Maßregelvollzug gebe es zwar ein geregeltes Informationsverfahren, erklärte SPD-Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci erst kürzlich vor dem Abgeordnetenhaus. „Was die anderen Einrichtungen angeht, und das ist tatsächlich eine andere Kategorie, gibt es so ein Berichtswesen aber nicht“. Zumindest liege ihr darüber nichts vor, räumte die Senatorin sein.

Das Landeskriminalamt ist da offenbar weiter. Seine  Zahlen, die auch der  Berliner Zeitung vorliegen, zeigen, wie weit in den geschlossenen psychiatrischen Stationen vieler Krankenhäuser die Türen tatsächlich offen stehen.

Alleine zwischen Anfang August und dem 18. September wurden aus dem St.-Hedwig-Krankenhaus 27 Personen bei der Polizei als vermisst gemeldet. Darunter ein Patient, der insgesamt viermal ausgerissen ist, einer zweimal. Von der geschlossenen Psychiatrie des Krankenhauses Neukölln gab es in dieser Zeit 19 Vermisstenanzeigen. Ein Patient schaffte es, fünfmal hintereinander auszureißen, ein anderer zweimal.

Aus der Charité in Mitte gab es neun Vermisstenanzeigen. Auch dort riss einer der Patienten fünfmal aus. Aus der Friedrich von Bodelschwingh-Klinik wurden drei Personen als vermisst gemeldet. So wurde am 30. August in Wilmersdorf ein 32-Jähriger aufgegriffen, den ein Richter in der geschlossenen Abteilung der Bodelschwingh-Klinik untergebracht hatte.

„Diese planmäßige Unorganisiertheit im Senat gefährdet Menschenleben“, sagt der FDP-Abgeordnete Marcel Luthe. „Das Entweichenlassen von Insassen ist eine schwere Straftat. Der Senat muss diese absurden Zustände beenden. Die richterlichen Beschlüsse sind durchzusetzen. Geschlossene Psychiatrie heißt geschlossene Türen – und nicht offene.“

Kein Schutz

Doch es gibt auch außerhalb geschlossener Einrichtungen Menschen mit teils für die Öffentlichkeit gefährlichen Wahnvorstellungen. Denn auch Menschen, die im betreuten Wohnen leben, können sich frei in der Stadt bewegen. Wozu das führen kann, zeigt ein Fall aus Neukölln von vergangener Woche. Hier hatte ein unter Betreuung stehender Mann Nachbarn und die daraufhin alarmierten Polizisten mit einem Messer bedroht und sich anschließend selbst getötet.

Später hieß es, dass der Mann in der Vergangenheit immer wieder aggressiv gegen sich und andere gewesen sei. Dennoch sei er nicht eingesperrt worden. Täter, wie jener, der Fritz von Weizsäcker ermordete, könne man nicht einfach so als gefährlich erkennen, sagt Gerichtspsychiater Werner Platz.

„Die Menschen sind bislang nach außen unauffällig gewesen, ähnlich wie bei den Attentätern auf Wolfgang Schäuble und Oskar Lafontaine.“ Schützen könne man sich nur schwer. „Wenn man sich in einer psychiatrischen Klinik bewegt, wo man weiß, da sind Aggressionstäter, kann man bestimmte Verhaltensregeln einhalten. Dass man ihnen zum Beispiel nie den Rücken zudreht.“ Auf offener Straße oder bei öffentlichen Veranstaltungen ist das allerdings kaum möglich.


Agent Orange

Vier Jahre lang nutzten die Amerikaner die chemische Waffe Agent Orange, die von den Behörden  offiziell als Pflanzenvernichtungsmittel bezeichnet wurde. Agent Orange wurde in Vietnam großflächig eingesetzt, um den Dschungel zu entlauben und Reisfelder zu zerstören. Damit sollten den gegen die USA kämpfenden Vietcong Rückzugsmöglichkeiten zerstört und Hinterhalte auf die US-Truppen erschwert werden. Zudem wollten die USA die Möglichkeit haben, Panzer und anderes schweres Gerät im Dschungel einzusetzen.

45 Millionen Liter dieses hochgiftigen Mittels wurden während des Vietnamkriegs versprüht, von 1967 bis 1971 flogen amerikanische Flugzeuge und Helikopter über 6 000 Einsätze. Schwere Krankheiten, Todesfälle und eine ungewöhnliche hohe Zahl von Fehlgeburten in den betroffenen Gebieten waren die Folge. 150 000 vietnamesische Kinder sind seit dem dortigen Krieg zudem mit schweren Behinderungen zur Welt gekommen. US-Veteranen sprachen öffentlich vom „größten chemischen Kriegsangriff der Weltgeschichte“.

Das deutsche  Chemie- und Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim, bei dem Richard von Weizsäcker von 1962 bis 1966 in der Geschäftsführung tätig war, unterstützte den amerikanischen Konzern Dow Chemical  bei der Herstellung des Gifts. Weizsäcker hatte später angegeben, erst nach seiner Tätigkeit davon erfahren zu haben. Immer wieder hatte er zudem großes Bedauern ausgedrückt. Ob Weizsäcker tatsächlich erst nach seinem Weggang aus der Firma von den Vorgängen erfuhr, konnte bis heute nicht  geklärt werden.

In einer früheren Version dieses Textes wurde durch den Autoren der Begriff „Insasse“ anstatt „Patient“ verwendet. Wir bitten diese Wortwahl zu entschuldigen.