Unerlaubte Untervermietung in Berlin: „Eine Wohnung zu kündigen ist unsolidarisch“

Es gibt einen zweiten Wohnungsmarkt in Berlin: den der Untermieter. Dort sind die Mieten günstiger. Drei Menschen berichten von Tricks und der Angst, entdeckt zu werden.

Axel Göransson flog wegen unerlaubter Untermiete aus der WG. In seiner jetzigen Wohnung ist die Untermiete genehmigt.
Axel Göransson flog wegen unerlaubter Untermiete aus der WG. In seiner jetzigen Wohnung ist die Untermiete genehmigt.Sabine Gudath

Axel Göransson runzelt die Stirn und schaut auf seine Hände. Er erinnert sich ungern daran, wie es sich angefühlt hat, als unerlaubter Untermieter aus seiner WG zu fliegen. „Ich war entsetzt, enttäuscht und wütend“, sagt er. „Es war nicht mein Fehler, ich hatte Kaution und Miete überwiesen.“ Die Hausverwaltung habe ihm fünf Tage für den Auszug gegeben, erzählt er. Dass die Untervermietung an ihn nicht genehmigt war, habe er bis dahin nicht gewusst, sagt er.

Wie viele Menschen in Berlin ohne Erlaubnis zur Untermiete leben, ist nicht bekannt. Aber wer sich unter Berlinerinnen und Berlinern im Alter zwischen 20 und 35 umhört, erfährt von einem Fall nach dem nächsten. Der häufigste Grund dafür ist ein Auszug der Hauptmieter. Wegen des angespannten Wohnungsmarktes kündigen sie die Wohnung nicht, sondern reichen die alten Mietverträge – und die damit verbundenen günstigen Mieten – an Freunde und Bekannte weiter.

Uroš Pajović/Berliner Zeitung. Foto: Sabine Gudath

Manche lassen sich die Untervermietung genehmigen, andere nicht. Einige Hauptmieter bereichern sich auch oder wollen ihren Anspruch auf eine zweite Wohnung behalten, falls die Beziehung oder Freundschaft in der neuen Wohngemeinschaft in die Brüche gehen sollte. In diesen Fällen kann der Untermieter sich nicht unter der Adresse anmelden, seinen Namen nicht an den Briefkasten schreiben. Im Netz berichten vor allem Menschen von Untervermietung „ohne Anmeldung“, die aus dem Ausland in die Stadt kommen. Zu ihnen gehört Axel Göransson. Er ist Schwede und hat in Edinburgh gelebt, bevor er vor drei Jahren nach Berlin gezogen ist.

Nach einem halben Jahr in einer Zweck-WG zog Göransson zu Freunden. Das war im Frühjahr 2020. „Ich dachte, ich bin endlich angekommen“, sagt er. Die Hauptmieterin wohnte selbst nicht mehr in der Kreuzberger WG und hatte zugesagt, dass sie die Erlaubnis für das Untermietverhältnis beantragen würde, sagt Göransson. Nach etwa vier Wochen erwartete er Post, also klebte er seinen Namen an den Briefkasten, berichtet er weiter. Kurz darauf kam ein Brief von der Hausverwaltung: Göransson sollte die Wohnung innerhalb der Frist von fünf Tagen verlassen, ansonsten würde den Hauptmietern das Mietverhältnis gekündigt.

Mieterhöhung verhindern und mitbestimmen

Das alles erzählt Göransson in seiner großzügigen Einzimmerwohnung in Treptow. Auch dort lebt er zur Untermiete, diesmal allerdings offiziell. Sein jetziger „Vermieter“ hat ein eigenes Café in Hamburg eröffnet. Die Wohnung wollte er zunächst nicht ganz aufgeben, inzwischen überlegen beide, ob Göransson den Vertrag übernehmen könnte. „Eine Befürchtung ist natürlich, dass sich dann die Miete erhöht“, sagt Göransson. Deshalb habe er sich nicht weiter darum gekümmert.

Axel Göransson fühlt sich in seiner Einzimmerwohnung wohl.
Axel Göransson fühlt sich in seiner Einzimmerwohnung wohl.Sabine Gudath

Andere wohnen ganz bewusst zur Untermiete, ohne dafür eine Erlaubnis einzuholen. Sie fürchten, dass der Vermieter eine Untervermietung gar nicht dulden, sondern darauf drängen würde, dass der Hauptmieter auch offiziell auszieht, also seinen Mietvertrag aufgibt. Der Vermieter hat dann mehr Handlungsspielraum: Bei einer Vertragsänderung kann er die Miete erhöhen oder einen ganz neuen Vertrag aufsetzen. Mit einem neuen Mieter seiner Wahl. Auch Axel Göransson kann sich keinesfalls sicher sein, die Wohnung, in der er zur Untermiete lebt, auch als Hauptmieter zu bekommen.

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Das bestätigt auch der Berliner Mieterverein. „In diesem Fall ist keine Pflicht des Vermieters gegeben“, sagt Wibke Werner, Geschäftsführerin des Mietervereins. „Als Mieter hat man keinen Anspruch, im Nachhinein eine Vertragsperson zu ändern.“

Berliner Mieter und Mieterinnen versuchen deshalb oft, die Dinge anders zu regeln. Der Mietmarkt in der Stadt ist brutal. Wer überleben will, muss kreativ werden. So wie Julian Drechsler, der eigentlich anders heißt, aber nur unter Pseudonym öffentlich erzählen kann, wie er an seine Wohnung in Neukölln kam.

Er wohnte zuerst „ein paar Jahre“ ohne Zustimmung der Hausverwaltung in seiner WG, berichtet er. Und ohne Namen am Briefkasten. Als Drechsler arbeitslos wurde, musste er schneller auf Post reagieren. Der Hauptmieter gab an, Drechsler sei sein Lebensgefährte und beantragte die Erlaubnis für eine Untervermietung an ihn. „Wir wollten ganz sicher gehen, dass es klappt“, sagt er. Es klappte. Sein Mitbewohner sei dagegen bis heute nicht offiziell als Untermieter gemeldet. Die beiden Hauptmieter wohnen schon seit langem nicht mehr in der Wohnung. Bevor Drechsler einzog, hatten sie die Wohnung an eine andere WG untervermietet. Ohne eine Erlaubnis einzuholen.

Der 33-Jährige sitzt auf einer Couch, die fast das ganze Wohnzimmer ausfüllt. „Eine Wohnung zu kündigen ist unsolidarisch“, sagt Drechsler. Ärger schwingt in seiner Stimme mit. Ein Freund von ihm habe das getan, obwohl er wusste, dass gute Freunde dringend eine Wohnung brauchen. Der Freund schlug sie zwar nach der Kündigung als neue Mieter vor, aber vergeblich. „Wenn im Freundeskreis jemand eine Wohnung hat, wird die weitergegeben“, sagt Julian Drechsler mit Nachdruck.

Das sei die einzige Möglichkeit, die Mieten in Berlin auf einem „moderaten Level“ zu halten. Der Mietvertrag seiner Wohnung bestehe seit etwa dreizehn Jahren. Deshalb sei sie noch bezahlbar: 760 Euro kalt für knapp 90 Quadratmeter.

Befreundeter Anwalt wohnt selbst unerlaubt zur Untermiete

Als er noch ohne Anmeldung dort lebte, habe die Wohnsituation permanent unterschwelligen Stress ausgelöst, sagt Drechsler. Er erzählt, wie er die Nervosität spürte, jedes Mal, wenn er den Briefkasten öffnete. Doch es sei nicht so einfach zu beweisen, wer tatsächlich in einer Wohnung lebt, das habe ihm ein befreundeter Anwalt erklärt und ihm die Sorge damit genommen. „Der wohnt selbst unerlaubt zur Untermiete“, sagt Drechsler.

Wibke Werner vom Mieterverein rät dagegen entschieden von der unerlaubten Untervermietung ab. Der Vermieter könne eine Anmeldung beim Amt abfragen und Nachbarn seien oft auskunftsfreudig. In den meisten Fällen müsste der Vermieter bei dieser „verhaltensbedingten Pflichtverletzung“, also einer Sache, die man ändern kann, zwar zunächst abmahnen, sagt Werner. Und erst danach eine Kündigung aussprechen. Darauf würde sie sich aber nicht verlassen, vor allem, wenn „da schon öfter mal was vorgefallen ist“.

Saba Meier spürt den Stress gerade besonders stark. Auch sie heißt eigentlich anders, denn auch sie wohnt zur Untermiete, ohne dass der Vermieter davon weiß. Gräuliche Flecken ziehen sich über den unteren Teil einer Außenwand in ihrem Zimmer. Sie hat den Schimmel an diesem Tag erst entdeckt. Jetzt sitzt die 26-Jährige auf dem Bett ihres Freundes im Nachbarraum und zieht sich die Bettdecke über die Schultern. „Jetzt kann ich mich gar nicht mehr wohl in meinem Zuhause fühlen“, sagt sie.

Einfach bei der Hausverwaltung anrufen, um den Schaden zu melden, kann sie auch nicht: Saba Meier muss dem Hauptmieter Bescheid geben, der dann die Hausverwaltung kontaktiert, die dann einen Handwerker beauftragt. Saba Meier muss unsichtbar bleiben. Die zwei Hauptmieter wohnen schon mehr als zwei Jahre nicht mehr in der kleinen Dreizimmerwohnung. Saba Meier will noch nicht einmal, dass in der Zeitung steht, in welchem Bezirk die Wohnung liegt. Auch ihre beiden Mitbewohner sind nicht als Untermieter gemeldet. Die ganze WG lebt hier quasi illegal.

Warum haben die Hauptmieter nicht längst für sie nach einer Vertragsanpassung gefragt? Eine befreundete WG habe schlechte Erfahrungen mit dem Mieterwechsel gemacht, erzählt Saba Meier. Die Hausverwaltung der Freunde weigerte sich und teilte mit, dass sie in diesem Fall den Mietvertrag auflöse. Mit einem Schreiben, das sie gemeinsam mit der Mietergemeinschaft verfassten, konnten sie das abwenden. Meier und ihre Mitbewohner befürchteten, dass nach einem Versuch klar sei, dass die Hauptmieter ausgezogen sind. Außerdem studierte sie noch, als sie einzog, was besonders schlechte Chancen auf einen Mietvertrag bedeutete.

Ständige Angst aufzufliegen

Das alles erzählt Meier an dem kleinen Küchentisch, in ihrem Zimmer will sie keine Zeit mehr verbringen. Der Schimmel, sie fürchtet die Gesundheitsrisiken. An der Wand hängt ein Plakat der Initiative Deutsche Wohnen & Co enteignen, am Kühlschrank ein Foto von ihr und ihrem ehemaligen Mitbewohner, anstelle dessen ihr Partner jetzt eingezogen ist.

„Vor kurzem war schon einmal …“, Meier stockt „… etwas kaputt.“ Bei vielen Informationen zögert sie oder bittet, die Details nicht im Artikel zu nennen. Sie hat Angst, dass die Hausverwaltung allein aus der Kombination der Umstände Verdacht schöpfen und nachforschen könnte.

Vor einigen Wochen habe der Mitarbeiter eines Telefonanbieters vor der Tür gestanden. Er fragte, wer für das Internet zuständig sei. Saba Meier erwiderte, dass ihr Mitbewohner das macht, und fragte nach einer Telefonnummer für einen Rückruf. Der Mitarbeiter gab ihr den Kontakt nicht. Das beunruhigte Meier, denn in der Wohnung wohnt offiziell keine weibliche Person. War sie aufgeflogen? „Ich hab Panik bekommen, dass er von der Hausverwaltung geschickt wurde, um zu sehen, wer hier wirklich wohnt“, sagt sie.

Teilweise gebe es auch Probleme mit der Post, denn natürlich darf ihr Name nicht am Briefkasten stehen. Von einem Wohnungsangebot ihrer Baugenossenschaft habe sie zu spät erfahren. Ihre ehemalige Mitbewohnerin öffnete den Brief erst auf Nachfrage. Ein Paket, das sie mit dem Namen des Hauptmieters und ihrem darunter bestellt hat, sei auf seinen Namen bei der Poststelle hinterlegt gewesen. Sie konnte es nicht abholen.

Inzwischen will sie selbst als Hauptmieterin in den Vertrag, sagt sie. Vorsichtshalber werde sie dafür angeben, die Lebenspartnerin des Hauptmieters zu sein. In diesem Fall hätte sie das Recht, offiziell in die Wohnung einzuziehen, in der sie längst lebt.


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