Berlin - Berthold Kempinski muss ein eitler Mann gewesen sein. Eine riesige steinerne Urne ziert das Grabmal des Mannes, der die Hotelkette Kempinski mit einem Weinladen und einem Restaurant begründete. Mitten auf der Urne ein Namensschild mit den Lebensdaten 10.10.1843 bis 14.3.1910. Man kann das Schild aufklappen. Dahinter kommt das gusseiserne Antlitz des Verstorbenen zum Vorschein. Walross-Schnurrbart, herausfordernder Blick – fast wie Bismarck sieht Kempinski darauf aus.

Mausoleen als Modeerscheinung

Wenn Henrik Kosche Menschen über den Jüdischen Friedhof in Weißensee führt, zeigt er gern dieses Grab mit dem geheimen Bild. Kosche arbeitet für die Jüdische Gemeinde, der der Friedhof gehört. Das Kempinski-Grab ist nicht nur das eines berühmten Bürgers, es ist auch typisch für die Zeit, in der er beerdigt wurde.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich die jüdische der Berliner Mehrheitsgesellschaft angenähert. Plötzlich wurden auf jüdischen Friedhöfen Mausoleen gebaut – ähnlich wie auf christlichen Friedhöfen – obwohl jüdische Grabstätten traditionell schlicht sein sollten. Das prunkvollste Grab in Weißensee ist wohl das riesige Mausoleum des königlich-preußischen Geheimkommerzienrats Sigmund Aschrott. Steinsarkophage stehen darin und Bänke – alles nicht typisch jüdisch. Nur die Steinchen, die Besucher obenauf gelegt haben, entsprechen dem jüdischen Ritus.

Der Jüdische Friedhof in Weißensee ist einer der größten jüdischen Friedhöfe Europas. Fast 116.000 Menschen sind hier begraben. Alle sind Juden – das ist Voraussetzung, um dort beerdigt zu werden. Ausnahmen gibt es nur für Ehepartner. 1880 wurde der Friedhof im Nordosten Berlins auf einer Fläche von 42 Hektar vom Architekten Hugo Licht angelegt. Zahlreiche prominente Bürger dieser Stadt sind hier beerdigt, und ein Gang über den Friedhof spiegelt in besonderer Weise jüdische Geschichte in Deutschland wieder.

So gibt es ein Grab für die von den Nazis geschändeten Thora-Rollen. In der Mitte des Friedhofs befindet sich ein freies Feld. Zu DDR-Zeiten sollte hier eine Straße gebaut werden. Aber der damalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Heinz Galinski verhinderte das. Er schrieb einen Brief an Erich Honecker, in dem er an die gemeinsamen Erfahrungen mit der Verfolgung durch die Nationalsozialisten erinnerte und keck behauptete, an dieser Stelle seien verfolgte Juden anonym beigesetzt worden. Überreste hat man dort nie gefunden, aber die Straße wurde nicht gebaut.

Heute stehen auch Grabsteine mit russischen Schriftzeichen hier. Die Gräber sind ganz frisch. Und sie sind auch anders: Man sieht bunte Glaskugeln, Ornamente, Grablichter, Blumenschalen. Russischstämmige Juden, heute die Großzahl der Gemeindemitglieder, beerdigen hier ihre Angehörigen. Der Hang zum Kitsch ist überdeutlich. „Wir haben schon mal ein blinkendes rotes Plastikherz entfernen müssen“, sagt Kosche.

Für 25.000 Menschen ist noch Platz auf dem Friedhof in Weißensee. Kosche trägt alle Verstorbenen in ein dickes Buch ein, das in der Verwaltung bereit liegt. Im Nebenraum lagern die alten Bände. Es riecht nach altem Papier. Man kann hier stundenlang blättern und nachsehen, woran die Menschen gestorben sind, wer wohl in der Nazi-Zeit aus Angst vor Deportation Selbstmord begangen hat – überdeutlich, weil Ehepartner am gleichen Tag starben.

Mit dem Erhalt dieser weitläufigen historischen Anlage mit ihrem parkähnlichen Charakter, den alten Bäumen und vielen kostbaren Bauwerken ist die Gemeinde eigentlich überfordert. Auch deshalb hat sich die Jüdische Gemeinde im Jahr 2005 entschieden, einen Antrag bei der Unesco zu stellen, damit der Friedhof künftig als Weltkulturerbe anerkannt ist.

Das würde Touristen anlocken, Chancen auf Fördermittel erhöhen und Berlin sowie die Bundesrepublik in besonderer Weise zum Erhalt der Anlage verpflichten – unabhängig davon, was aus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wird. Es ist allerdings ein weiter Weg bis zum Welterbestatus. Bereits im Jahre 2006 hatte das Abgeordnetenhaus beschlossen, das Vorhaben zu unterstützen, nun steht der Friedhof offiziell auf der Vorschlagsliste.

Zu Recht auf der Liste

Ganz unabhängig vom Status – auf dem Friedhof ist noch viel zu tun. An einzelnen Gräbern zum Beispiel. Die Kempinski-Kette wird das Grab ihres Gründervaters Berthold Kempinski wohl selbst instand setzen. Für andere wie das Grabmal Schiff, wo die wunderschöne schmiedeeiserne Grabeskunst zerbrochen im Gras liegt, engagiert sich wegen der kunsthistorischen Bedeutung das Landesdenkmalamt.

Aber für vieles ist die Gemeinde selbst verantwortlich. Die Friedhofsmauer muss saniert werden. „600.000 Euro brauchen wir“, sagt Kosche. Aber der Friedhof muss eben in einen Zustand gebracht werden, der klarmacht, dass er zu Recht auf die Liste gehört – zum Erbe der Menschheit.