Unesco-Welterbe: Hansaviertel und Karl-Marx-Allee für Welterbe nominiert

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Dass der Jüdische Friedhof in Weißensee auf die Vorschlagsliste Deutschlands zum Unesco-Welterbe gehoben werden soll, das ist seit 2006 klar, als der Senat erstmals darüber befand. Etwa zur gleichen Zeit wurde auch angeregt (siehe Berliner Zeitung vom 12. Mai 2007), das Hansaviertel und die einstige Stalinallee, die heutige Karl-Marx-Allee, als Welterbe vorzuschlagen.

Am Dienstag – einen Tag, bevor die bundesweite Vorschlagsliste für mindestens zehn Jahre geschlossen wurde – beschloss nun der Senat überraschend, genau diese drei Standorte für die sogenannte „Tentativliste“ des Bundes einzureichen. Andere Ideen, etwa für die Flughäfen Tempelhof und Tegel, vor allem aber die vom Berliner Landesdenkmalamt und dem einflussreichen Energiekonzern Vattenfall unterstützte für „Elektropolis“, die Denkmäler der Elektro-Kulturgeschichte Berlins, wurden hintenan gestellt.

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In Gang kann nun ein Verfahren kommen, dass meist fünf bis zehn Jahre dauert. Jedes Bundesland meldet seine Ideen der Kultusministerkonferenz, diese filtert sie mit Hilfe der Landesdenkmalämter, außenstehender Fachleute und der Denkmalpflegervereinigung Icomos, bis das Außenministerium die endgültige Liste in Paris einreicht.

Der Vorschlag Jüdischer Friedhof in Weissensee war kaum umstritten. Hier wurden seit den 1880er-Jahren mehr als hunderttausend Menschen beerdigt, viele davon mit heute noch weltberühmten Namen und unter hochbedeutenden Grabmalanlagen. Die Geschichte des modernen, assimilierten deutschen Judentums bis zu seiner Zerstörung in der Nazi-Zeit bildet sich in Weissensee in einzigartiger Weise ab.

Ganz anders verlief die Debatte um die einstige Stalinallee – erst 1961, acht Jahre nach seinem Tod, ließ Walter Ulbricht zu, dass der Name des von ihm verehrten Diktators und Völkermörders aus dem Berliner Stadtplan gestrichen wurde – und das Hansaviertel. Sie sind sicherlich auch Dokumente der Wohnungsbaureform in der Nachkriegszeit. Vor allem aber kann man hier in der Form von Architektur die beiden wichtigsten Weltmodelle der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts studieren: Das sozialistisch-kommunistische mit seiner Betonung des Kollektivs und das westlich-demokratische mit der Betonung der individuellen Freiheit.

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Die seit 1950 geplante Karl-Marx-Alee zeigt sich dabei als traditionell geprägte Machtarchitektur mit gerader Achse, monumentalen, achsensymmetrisch angelegten Fassaden und ihrem Dekor mit straffen Lampen, Gesimsen, Rosetten und dorischen Säulen. Die asymmetrisch verschobenen Autowege, die industriellen Fassadenkeramiken oder das schwungvolle Kino Kosmos aus den 1960er-Jahren demonstrieren allerdings: Auch das hier war eine Moderne.

Das Hansaviertel, seit 1953 geplant und 1957 als Teil der Internationalen Bauausstellung Interbau eröffnet, sollte deswegen in jeder Beziehung das Gegenteil der Stalinallee sein. Ästhetisch ist das Viertel vom frisch-kühlen „International Style“ geprägt, wie er seit etwa 1940 in den USA, in Frankreich und Skandinavien entwickelt wurde.

Hier gibt es allenfalls durch locker arrangierte Büsche und Bäume eingefasste Sichtachsen, die Häuser stehen mit Single-Appartments, Reihen- und Hofhäusern bis zu Wohnungsblöcken und Wohntürmen unterschiedlichsten Lebensentwürfen offen. Im Zentrum öffnet sich die Bibliothek – schon für den amerikanischen Revolutionär Benjamin Franklin ein unentbehrliches Mittel, um Demokratie aufzubauen.

Beide Anlagen sind also Dokumente des Kalten Kriegs. Genau deswegen weigerte sich der Senat lange, einen Welterbe-Antrag zu debattieren oder das Landesdenkmalamt zu beauftragen, sie wie den Jüdischen Friedhof vorzubereiten: Berlin sollte keine wirklich unbequemen Welterbe-Denkmäler erhalten. Deswegen wurden auch alle Ideen vom Tisch gefegt, das Olympia-Gelände mit seiner einzigartigen Überlagerung von Moderne und Nazi-Zeit eintragen zu lassen.

Für den Fall Karl-Marx-Allee / Hansaviertel konnte diese kleinmütige Blockade durch eine in der Berliner Kulturpolitik einzigartige Bürgerinitiative aufgebrochen werden: Angestiftet durch die einstigen Kultursenatoren Volker Hassemer (CDU) und Thomas Flierl (Die Linke) hat sie in wenigen Wochen die Arbeit gemacht, die das Landesdenkmalamt nicht machen durfte, das Dokumentationsmaterial zusammengetragen und die Öffentlichkeit informiert.

Wir sollten ihnen zutiefst dankbar sein. Beide Vorschläge haben beste Aussichten, das Antragsverfahren schnell zu bestehen. Neben Berlin planen auch Erfurt, Mainz und Hamburg, Stätten der jüdisch-deutschen Geschichte vom Mittelalter bis in die Moderne als Welterbe eintragen zu lassen.

Das von der Unesco geforderte Netzwerk ergäbe sich hier fast von selbst. Und mit der einstigen Stalinallee und dem Hansaviertel würde endlich eine Riesenlücke in der Darstellung der Nachkriegsmoderne gefüllt, welche die Unesco seit Jahren beklagt. Mit etwas Mut hätte der Senat gleich noch die Reste der Berliner Mauer zu dem Paket gelegt, diesem bedeutendsten Welterbe des Kalten Kriegs.

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