Straßenverkehr in Berlin: Besonders Senioren sind gefährdet.
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BerlinMehr Autos, mehr Hektik, mehr aggressive Fahrer: Vom Straßenverkehr in Berlin fühlen sich bereits junge Menschen oft überfordert. Nun zeigen offizielle Zahlen, dass er für alte Menschen immer häufiger zur tödlichen Gefahr wird. Von den 40 Menschen, die in diesem Jahr bislang bei Verkehrsunfällen in Berlin starben, waren 21 Senioren. Das teilte die Polizei auf Anfrage mit. Damit war ungefähr jeder zweite Mensch, der von einem Kraftfahrzeug getötet wurde, älter als 65.

Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr kamen in Berlin 13 Senioren bei Verkehrsunfällen ums Leben. Der Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtzahl der Verkehrsunfalltoten in Berlin stieg von 29 auf 53 Prozent.   Die Zahl der Unfälle in Berlin, an denen Senioren beteiligt sind, nimmt immer weiter zu, so die Polizei. In den ersten drei Quartalen dieses Jahres lag sie um fast drei Prozent über dem Durchschnitt der vergangenen drei Jahre – für die Polizeistatistiker ein klares Zeichen dafür, dass sich die Lage weiter verschlechtert.

Verband spricht von einem schlimmen Jahr für Berlin

„2019 ist ein schlimmes Jahr für uns“, sagte Roland Stimpel vom Fachverband Fußverkehr Deutschland (FUSS). 2018 starben 19 Menschen, die sich umweltfreundlich zu Fuß durch Berlin bewegten, bei Unfällen. In diesem Jahr waren es laut Polizei bereits 24. FUSS hat sogar 26 tote Fußgänger ermittelt. „Im Unterschied zur Polizei zählen wir auch einen Mann mit, der gerade in sein Auto steigen wollte, aber in dem Moment auf den Beinen stand, und einen, der auf der Fahrbahn zusammenbrach und überfahren wurde.“

Auffällig sei, dass die meisten Senioren als Fußgänger unterwegs waren, als sie bei Verkehrsunfällen getötet wurden. „16 Getötete waren über 60 Jahre alt, 14 Getötete über 70 und fünf sogar über 80 Jahre“, berichtete Roland Stimpel. Die Unfallbilanz zeige, dass im Berliner Verkehr etwas „gründlich schief“ läuft: „Er ist auf Tempo und Durchdrängeln getrimmt, nicht auf Rücksicht und den Schutz der Schwächsten.“  

„Alte Menschen gehen meist langsamer als Jüngere, nehmen Gefahren schwächer wahr, reagieren langsamer und können oft nicht mehr ausweichen. Die vielen Unfälle mit Betagten beweisen erneut: Man kann nicht die Menschen an den Verkehr anpassen, sondern wir müssen endlich den Verkehr an den Menschen und ihren Fähigkeiten ausrichten“, forderte der Sprecher. „Auch viele Autofahrer sind im Berliner Gewusel und Gedrängel überfordert.“ FUSS verlangt mehr Tempo-30-Bereiche, mehr Zebrastreifen und Ampeln sowie höhere Strafen.

Demo unter dem Motto „Stoppt den Straßentod“

Noch vor einigen Wochen sah es so aus, als ob die Zahl der Verkehrstoten in Berlin 2019 unter dem Stand des Vorjahres bleibt. Doch innerhalb von nur zwölf Tagen wurden fünf Menschen, die zu Fuß oder per Rad unterwegs waren, von Kraftfahrern getötet, bilanzieren Initiativen wie Changing Cities und der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club. Sie rufen für Sonnabend, 15.30 Uhr, zu einer Demo vor dem Roten Rathaus auf.

Polizeistatistiker weisen darauf hin, dass es nicht selten vom Zufall abhängt, ob ein Unfall für das Opfer tödlich ausgeht – oder ob es noch gerettet werden kann. Wie schnell war der Notarzt zur Stelle? War die Behandlung im Krankenhaus erfolgreich? Darum plädieren die Experten dafür, insbesondere die Zahl der Unfälle und Verunglückten zu betrachten.

Bei den Senioren ist der Trend in beiden Fällen jedoch ebenfalls negativ, sagte Frank Schattling, der bei der Polizei Berlin den Fachstab Verkehr leitet. „Die Zahlen sind jedes Jahr gestiegen.“ 2013 wurden 13.960 Unfälle mit Senioren registriert, bei denen 1208 Menschen über 65 zu Schaden kamen. Im vergangenen Jahr nahm die Polizei 16.907 Seniorenunfälle mit 1514 Verunglückten auf. Erste Zahlen für 2019 zeigen, dass sich die Entwicklung weiter fortsetzt.

Mehr Unfälle mit Radfahrern in Berlin

„Uns ist klar, dass wir uns noch stärker um die Senioren kümmern müssen“, sagte Schattling. Verkehrssicherheitsberater informieren in Heimen und Freizeitstätten über aktuelle Gefahren im Verkehr. In der Berliner Unfallkommission hilft die Polizei dabei mit, Unfallschwerpunkte zu entschärfen. Polizisten berichten aber auch, dass längst nicht jeder alte Mensch für sie erreichbar ist. Das gelte auch für Senioren, die Auto fahren. Nicht selten sind sie misstrauisch, weil sie befürchten, dass man ihnen die Fahrerlaubnis wegnehmen will, hieß es.

Schattling sagte, dass die Unfallbilanz für dieses Jahr erst Anfang 2020 vorliegen wird. Bisher zeige der Trend, dass die Gesamtzahl der Unfälle den Wert des Vorjahres (144.325) wohl übertreffen wird. Dagegen lag die Zahl der Verunglückten bislang knapp unter dem Durchschnitt der vergangenen drei Jahre. Bei den Radfahrerunfällen gab es wiederum einen Zuwachs von rund drei Prozent. In diesem Jahr sind sechs Radfahrer ums Leben gekommen. 2018 waren es elf.