Das gute Wetter hat auch schlechte Seiten. Wenn die Sonne scheint, sind mehr Menschen als sonst im Straßenverkehr unterwegs. Das trägt dazu bei, dass es mehr Unfälle gibt – und damit mehr Unfalltote und mehr Verletzte. Vor allem eine Gruppe bereitet der Polizei in Berlin Sorgen: alte Menschen. Die Zahl der Senioren, die tödlich verunglückten, hat sich im Vergleich zum selben Zeitraum 2013 mehr als verdoppelt. Dafür gebe es zwei Gründe – den demografischen Wandel und die Zunahme der Mobilität, sagte Andreas Tschisch, Leiter des Sachgebiets Verkehr im Stab des Polizeipräsidenten. Anders formuliert: Es gibt immer mehr Senioren, und immer mehr sind bis ins hohe Alter mobil.

Der jüngste schwere Unfall zeigt, was Tschisch meint. Das Opfer war 77 Jahre alt, und es war auf einem Fahrrad unterwegs – eine Fallkonstellation, die noch vor wenigen Jahren selten war. Die Frau radelte auf dem Radweg der Alexanderstraße in Mitte, als sie auf ein anderes Fahrrad auffuhr. Sie und die andere Radfahrerin, eine 25-Jährige, stürzten zu Boden. Doch während die andere Frau glimpflich davon kam, wurde es für die Seniorin am Ende ernst.

Zwar verließ sie erst einmal den Unfallort, doch gegen 20 Uhr wurde die Seniorin bewusstlos mit einer Beule am Kopf ins Krankenhaus gebracht – wo sie nicht mehr gerettet werden konnte. Offenbar hatte sie schwerere Verletzungen davon getragen, als sie angenommen hatte.

Mit ihrem Tod stieg die Zahl der Senioren, die in diesem Jahr bei Verkehrsunfällen in Berlin ums Leben kamen, auf zwölf. Im selben Zeitraum 2013 waren es fünf Senioren.

Über dem Durchschnitt

Der Negativtrend ist in diesem Jahr schon länger zu beobachten. Hatte die Berliner Polizei von Januar bis Ende Mai 2013 noch 5 202 Unfälle mit Senioren registriert, so waren es im selben Zeitraum dieses Jahres 5 785. Die Zahl der Schwerverletzten nahm von 122 auf 165 zu. Auch bei den leicht verletzten Senioren gab es in Berlin einen deutlichen Anstieg: von 788 auf 929. Alle aktuellen Werte liegen auch deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre, teilte die Polizei mit.

Dass die Unfallstatistik im vergangenen Jahr relativ günstig ausfiel, hat nach Einschätzung von Experten mit dem Wetter zu tun. Der Winter 2013 war eisig, schneereich und dunkel. Vor allem war er lang: Noch Ostern fegte kalter Wind durch Berlin. „Da blieben viele lieber zu Hause“, so Tschisch. Wer sich nicht nach draußen wagt, kann auch nicht draußen verunglücken.

Tempolimits retten Leben

Ganz anders in diesem Jahr: Der Winter war lasch. Schon bald wurde es warm – und auf den Bürgersteigen, Radwegen und Fahrbahnen voll. „Alles, was zwei Räder hat, war schon früh im Jahr unterwegs“, erinnerte sich Tschisch. Dazu zählen immer mehr Senioren: „Sie sind aktiver und mobiler als früher.“ Viele Pedelecs und andere Fahrräder werden inzwischen von älteren Menschen gesteuert, und auch die Zahl der betagten Autofahrer nimmt zu.

Zwar tragen weiterhin andere Altersgruppen ein noch höheres Verletzungsrisiko – allen voran die jungen Erwachsenen. „Doch wenn alte Menschen im Verkehr verunglücken, ist die Gefahr, schwer verletzt zu werden, überdurchschnittlich hoch“, sagte Burkhard Horn, der die Abteilung Verkehr in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung leitet. Das liege nicht nur daran, dass viele Senioren zu Fuß unterwegs sind, sondern auch an den „schlimmeren Folgen bei Stürzen“, erklärte Horn.

„Alte Menschen stehen im Fokus unserer Verkehrssicherheitsarbeit“, sagte der Chefplaner. Der Senat unterstützt die Initiativen von Verbänden. So bietet der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) einen Fitness-Check für ältere Autofahrer an, das ADAC-Fahrsicherheitszentrum in Linthe südwestlich von Berlin schult Senioren. Auch wer im hohen Alter in die Pedale treten will, kann das trainieren – zum Beispiel beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). „Die Polizei ist ebenfalls aktiv“, sagte Andreas Tschisch. Polizisten gehen in Seniorenheime und Freizeitstätten, um über Gefahren aufzuklären. „Prävention ist wichtig. Doch die Personalknappheit setzt uns Grenzen.“

Allerdings ist den Experten klar, dass sich nicht jeder Senior auf diesem Weg erreichen lässt. Darum lautet ihre Folgerung: Damit Fehler keine fatalen Folgen haben, müssen Verkehrsanlagen altersgerecht werden – zum Beispiel durch die „Verlangsamung des Verkehrsablaufs“, wie Jörg Ortlepp von der Unfallforschung der Versicherer vorschlägt. Auch Verkehrsplaner sind gefragt.