Sultan Akil sitzt fast unbeweglich auf einem dicken rosafarbenen Kissen auf der Couch in ihrem Wohnzimmer in Kreuzberg. Ihr Rücken wird durch ein weiteres Kissen gestützt. Ihr Ehemann Murat hat an diesem Dienstagvormittag die Tür zur Wohnung geöffnet, weil Sultan Akil kaum laufen oder stehen kann. Auch das Sitzen fällt ihr schwer. Die 27-Jährige hat Schmerzen. Metallplatten halten zahlreiche Knochen in ihrem Körper zusammen. Die beiden Kinder, der neunjährige Sohn und die sechsjährige Tochter, sind in der Schule. Melek, das Mädchen, wurde gerade erst eingeschult.

Vor genau einem Jahr wurden Sultan Akil und ihre Tochter Melek Opfer eines betrunkenen Rasers, der Mutter und Kind auf der Flucht vor der Polizei angefahren hatte und dann einfach davongerast war. Sie überlebten mit lebensgefährlichen Verletzungen, an deren Folgen vor allem die Mutter noch leidet. Sultan Akil lag monatelang im Krankenhaus, wo ihre zahlreichen Knochenbrüche mehrfach operiert werden mussten. Seitdem ist das Leben der Familie mit türkischen Wurzeln nicht mehr so, wie es einmal war. Die Akils wollen darüber reden, wollen sprechen über das, was ihnen widerfahren ist. Sie finden, dass viel zu oft nur über die Täter berichtet wird. In ihrem Fall den Raser, dem derzeit der Prozess gemacht wird.

Von einer Sekunde auf die andere ist aus der lebenslustigen Mutter zweier Kinder eine schwer gezeichnete Frau geworden. Eine Frau, die ihren Sohn und die Tochter nicht mehr in die Schule bringen kann, die nicht mehr kocht, nicht mehr einkaufen geht, die sich nicht mehr spontan mit Freundinnen zum Kaffee verabredet. Die meist nur in ihrer Couchecke sitzt, um die Schmerzen irgendwie zu ertragen. „Ich kann keine fünf Minuten stehen, nur wenige kleine Schritte gehen“, sagt Sultan Akil. Vier große und sechs kleinere Operationen hat sie hinter sich.

Das normale Leben endete im September 2017

Ehemann Murat ist 31 Jahre alt, er fährt nachts Taxi. Er erzählt, dass seine Frau die Wohnung nicht mehr alleine verlassen will. Aus Angst, es könnte etwas passieren. Etwas, das sie wie vor einem Jahr nicht kommen sieht und das sie nun vielleicht nicht überleben wird. Die kleine Melek habe, so sagen es die Eltern, ihre schweren Verletzungen ausgeheilt. Sie hat keine wirkliche Erinnerung an das Geschehene. Das Kind war lange Zeit in therapeutischer Behandlung, es hat sich eine Geschichte zurechtgelegt: Sie sei wohl eine Treppe hinuntergestürzt, erzählt sie jedem. „Melek hat lange Zeit gedacht, ihre Mama sei im Feuerwehrauto gestorben“, erzählt ihr Vater. Das Mädchen hatte die Rettungswagen gesehen, danach war die Mutter lange verschwunden. Die Retter haben das Kind beeindruckt. „Melek will einmal Feuerwehrfrau werden“, sagt ihr Vater.

Das normale Leben der Familie Akil endete am 21. September 2017 kurz nach acht Uhr morgens im Berufsverkehr. Sultan Akil weiß nur noch, dass sie mit ihrer damals fünfjährigen Tochter auf dem Weg zur Kita war. Melek ist ein zierliches Mädchen. Mutter und Kind wollten am Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg die vielbefahrene Skalitzer Straße überqueren. Als die Fußgängerampel auf Grün schaltet, laufen sie los. Wie andere auch, die hinter ihnen gehen.

Mehr weiß Sultan Akil nicht mehr von diesem Tag. Nicht mehr, dass ein silberfarbener BMW sie und ihre Tochter auf der Tempo-30-Strecke mit mindestens 75 Kilometern in der Stunde – vermutlich aber mit höherer Geschwindigkeit – anfuhr. Der mutmaßliche Fahrer des BMW war betrunken und hatte Drogen genommen. Der mehrfach vorbestrafte Mann hielt sich illegal in Deutschland auf, im Auto lagen gestohlene Bohrmaschinen. Die Polizei hatte den Betrunkenen beobachtet, als er aus einer Kneipe kam und ins Auto stieg. Sie wollte ihn kontrollieren, doch der 34-jährige Serbe mit 17 verschiedenen Namen im Strafregister raste einfach davon. Und fuhr dann ungebremst auf Mutter und Kind zu.

Djordje S. leugnet, dass er gefahren ist

Die Mutter weiß nicht, dass ihre Tochter und sie über die Motorhaube des Wagens zehn bis 15 Meter durch die Luft schleuderten. Sie bemerkte nicht mehr den harten Aufprall auf dem Asphalt. Sie sah nicht, wie der Fahrer des BMW noch mehr Gas gab und floh. Sie lag zu dieser Zeit bewusstlos auf der Straße. Wie ihre Tochter. Im Krankenhaus diagnostizierten Ärzte bei Sultan Akil ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, eine komplexe Beckenringfraktur, einen Bänderriss am linken Knie sowie mehrere Frakturen an Wirbelsäule, Armen und Beinen. Sie wurde ins künstliche Koma versetzt. Ihre Tochter erlitt eine Beckenfraktur, eine Milzruptur und einen Oberschenkelbruch. Auch diese Verletzungen waren lebensbedrohlich.

Vor mehr als einem Monat begann der Prozess gegen Djordje S., den mutmaßlichen Fahrer des BMW. Er hatte am ersten Verhandlungstag in einer kruden Erklärung zunächst geleugnet, überhaupt am Steuer des Wagens gesessen zu haben. Ein Bekannter habe das Auto gefahren, behauptete er. Dabei nahm ihn die Polizei kurz nach der Tat fest, als er den BMW abgestellt hatte und zu Fuß fliehen wollte. Die Beamten konnten ihn auch als den Mann identifizieren, der am Steuer des BMW gesessen hatte. Später im Prozess erklärte Djordje S., vielleicht habe er das Auto doch gelenkt. Er sei sich nicht sicher, wegen des Alkohols und der Drogen.

Die Verhandlung vor einer Schwurgerichtskammer steht vor dem Ende. Die Richter haben zahlreiche Zeugen des Geschehens gehört. Menschen, die Sultan Akil und ihrer Tochter nach dem Aufprall sofort halfen. Die Krankenschwester etwa, die gerade ihr Kind zur Schule gebracht hatte und an der Kreuzung den aufheulenden Motor des BMW hörte und sich wunderte, dass der Fahrer nicht bremste. Seine Ampel zeigte bereits lange Zeit Rot. Die Krankenschwester erzählte vor Gericht, noch immer fassungslos, dass der Fahrer auf der Kreuzung noch einmal Gas gegeben und dann die Frau und das Kind erfasst habe. Die Zeugin war als Erste bei der schwer verletzten Melek. Sie konnte bei dem Mädchen keinen Puls mehr fühlen, aber es gelang ihr, sie zu reanimieren. Sie sagte auch, wie das Mädchen dann immer wieder nach seiner Mutter gerufen habe.

„Ich kann diesen Mann, der uns das angetan hat, nicht sehen"

Der Staatsanwalt will, dass Djordje S. wegen versuchten Mordes in zwei Fällen, Trunkenheit am Steuer, Gefährdung des Straßenverkehrs und Unfallflucht für elfeinhalb Jahre ins Gefängnis geht. Der Anwalt von Djordje S. spricht dagegen von fahrlässiger Körperverletzung. An diesem Donnerstag will die Schwurgerichtskammer ihr Urteil verkünden. Es sind dieselben Richter, die im vorigen Jahr auch die beiden Kudamm-Raser wegen Mordes zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilten. Das Urteil wurde im März dieses Jahres vom Bundesgerichtshof aufgehoben, der Fall an das Berliner Landgericht zur Neuverhandlung zurückgewiesen.

Murat Akil saß für seine Ehefrau jeden Tag im Gerichtssaal, als Nebenkläger. Er hat den Mann auf der Anklagebank mit traurigen Blicken gemustert. Er sagte nichts, als Djordje S. leugnete, er schwieg auch, als der Angeklagte erklärte, eventuell doch der Fahrer des Wagens gewesen zu sein. Er blieb auch still, als Djordje S. sagte, er wolle sich entschuldigen, falls er wirklich das Auto gesteuert habe. Sultan Akil wollte das alles nicht hören. „Ich kann diesen Mann, der uns das angetan hat, nicht sehen. Sonst habe ich sein Gesicht immer vor mir“, sagt sie zur Begründung. Sie ließ ihren Ehemann immer nur kurz über das Verfahren berichten.

Der Taxifahrer schaut seine Frau, die früher immer so viel lachte, wehmütig an. Dann beginnt er von jenem 21. September zu erzählen. Er sei gegen 10 Uhr aufgewacht. Sultan sei nicht zu Hause gewesen. „Ich habe versucht, meine Frau anzurufen“, erinnert sich Murat Akil. Vergeblich. Zunächst habe er noch gedacht, Sultan habe einen Zahnarzttermin und vergessen, ihm Bescheid zu sagen. Wenig später las er so wie jeden Tag im Internet die Nachrichten. Er erfuhr, dass in Kreuzberg eine 27-jährige Mutter mit ihrem fünfjährigen Kind überfahren worden sei. In dieser ersten Meldung war noch vom Sohn der Frau die Rede. Murat Akils Sohn war damals acht Jahre alt.

Sultan glaubte, nie wieder laufen zu können

Der 31-Jährige erzählt, dass er unruhig geworden sei und sofort alle Verwandten angerufen habe. Die Akils sind eine große Familie, die seit 48 Jahren in Deutschland lebt. Niemand hatte etwas von Sultan Akil gehört. Schließlich rannte Murat Akil in panischer Angst zur Schule des Sohnes. Dort erreichte ihn die Nachricht: Seine Frau und die Tochter waren die Unfallopfer. Sultan Akil lag im Vivantes Krankenhaus in Neukölln, Melek in Friedrichshain. „Ich dachte damals, meine Frau und meine Tochter sind tot“, sagt der Mann, und ihm kommen die Tränen.

Als Sultan Akil nach Tagen auf der Intensivstation aufwachte, fühlte sie ihre Beine nicht. Sie weinte jeden Tag, weil sie glaubte, nie wieder laufen zu können. Sie war glücklich, als sie einen Fuß wieder bewegen konnte. Nach Wochen sah sie Melek erstmals wieder, ihre Tochter wurde im Rollstuhl in das Krankenzimmer geschoben. „Ich war glücklich, dass Melek lebt. Aber ich war auch unheimlich traurig, mein Kind in diesem Rollstuhl zu sehen“, sagt die Mutter.

Sultan Akil fühlt sich eingesperrt durch ihre Verletzungen. Sie kann sich nicht mehr um ihre Kindern kümmern, die immer wieder mit ihrer Mutter etwas unternehmen wollen und nicht verstehen, warum das nicht möglich ist. Sultan Akil hat eine Reha hinter, und mindestens noch vier Operationen vor sich. Sie grübelt viel. Sie sagt, sie stelle sich immer die gleichen Fragen: „Warum bin ich nicht eine Minute später losgegangen? Warum habe ich nicht noch einmal geschaut, ob da ein Auto kommt?“, sagt sie mit einer Stimme, in der Verzweiflung mitschwingt. Sie habe zu leichtgläubig der grünen Ampel vertraut. Sie will nur eines: wieder gesund werden. Doch die Ärzte haben ihr gesagt, dass sie nie wieder so fit sein wird wie früher.

Vielleicht gibt es Frieden nach dem Urteil

Die Familie will nicht, dass Djordje S. in wenigen Jahren erneut am Steuer eines Autos sitzt und eine Bedrohung für andere ist. „Seine halbherzige Entschuldigung vor Gericht war kalt. Er will doch nur seine Haut retten“, ist sich Mikail Akil sicher, der Onkel von Sultan Akil. Auch er hat jeden Prozesstag im Gericht gesessen. Mikail Akil ist eine Art Sprecher der Familie. Er sagt, er habe die Verhandlung als sehr fair erlebt. Sie hätten sich als Opfer nicht ganz alleingelassen gefühlt. „Wir vertrauen den Richtern, und wir hassen den Angeklagten nicht. Er ist ein Versager, der Frauen und Kinder überfährt“, sagt der 41-Jährige. Und egal, wie die Richter urteilen, für die Familie bleibe die Tat ein versuchter Mord. „Das Allerschlimmste ist, dass er einfach abgehauen ist. So, als wäre nichts geschehen.“ Sultan Akil schüttelt den Kopf, als sie ihren Onkel reden hört. „Doch, ich hasse ihn. Er hat mein Leben zerstört“, sagt sie mit fester Stimme.

Die Familie hofft, nach dem Urteil ihren Frieden zu finden. Nur eines haben sich Sultan und Murat Akil noch vorgenommen. Sie wollen die Krankenschwester, die zuerst am Unfallort half, besuchen. Ihr Blumen mitbringen. Zum Dank, dass sie das Leben ihrer kleinen Tochter gerettet hat.