Berlin - Auch zwei Tage nach dem fürchterlichen Unfall mit vier Toten an der Invalidenstraße in Mitte tobt ein Streit um die Konsequenzen. Ist der Unfall die Folge verfehlter Verkehrspolitik? Müssen vielleicht sogar SUV aus der Innenstadt ausgesperrt werden? Aber es gibt auch diejenigen, die jede Debatte für verfrüht halten, solange nicht einmal feststeht, wie es zu dem Unfall kommen konnte.

Dabei war am Freitagabend ein 1,9 Tonnen schwerer Porsche Macan an einer Fahrzeugkolonne vorbei durch die Invalidenstraße gerast, kam nach links von der Fahrbahn ab und riss an der Kreuzung Ackerstraße vier Fußgänger in den Tod, die dort auf dem Bürgersteig standen. Noch weiß die Polizei nicht, wie es dazu gekommen war. Unter anderem wird untersucht, ob bei dem Fahrer gesundheitliche Probleme aufgetreten waren.

Stephan von Dassel kritisiert "panzerähnliche Autos"

Als einer der ersten hatte sich bereits am Sonnabend Stephan von Dassel zu Wort gemeldet, Bezirksbürgermeister von Mitte. „Solche panzerähnlichen Autos gehören nicht in die Stadt“, sagte der Grünen-Politiker. Stephan von Dassel sieht in den SUV ein  grundsätzliches Problem: „Es sind Klimakiller, auch ohne Unfall bedrohlich, jeder Fahrfehler wird zur Lebensgefahr für Unschuldige.“

Unfallforscher: "Ein SUV ist nicht grundsätzlich gefährlicher als ein Polo"

Doch sagte der Unfallforscher der deutschen Versicherer, Siegfried Brockmann, am Sonntag gegenüber der Deutschen Presseagentur: „Man kann nicht einfach sagen: Ein SUV ist grundsätzlich gefährlicher als ein Polo oder als ein Smart.“ Im Einzelfall könne es sogar umgekehrt sein. „Entscheidend ist die Geschwindigkeit“, erklärte der Experte vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. „Alles was jenseits von 50 Stundenkilometern ist, ist für einen menschlichen Körper mindestens lebensgefährlich, meistens aber auch tödlich, egal mit welchem Fahrzeug.“

Im Berliner Fall könnte das Gewicht des Autos jedoch tatsächlich einen Unterschied gemacht haben, gestand Brockmann zu. Dort hatte ein Porsche Macan bei der Fahrt auf den Gehweg mehrere Poller und einen Ampelmast abgeknickt. Einen Polo hätte der Mast vielleicht aufgehalten, sagte Brockmann.

Florian Schmidt, Stadtrat des Nachbarbezirks Friedrichshain-Kreuzberg, schlug jedenfalls in die gleiche Kerbe wie sein Parteifreund von Dassel. Dieser Unfall habe Symbolcharakter, twitterte der Stadtrat für Stadtentwicklung. Und auch er schlug einen weiteren Bogen. Die SUV-Technik und -Marketingstrategie sei „mitschuldig an einer Autokultur des Ich, Ich, Ich. Davon motivierte protzige Schnellfahrerei tötet“, schreibt Schmidt. Seine Konsequenz: „Lasst uns diese Wagen und viele mehr von den öffentlichen Räumen entfernen.“

Unterstützung erhalten die Grünen von der Deutschen Umwelthilfe. Ein Sprechers des Vereins, der mit seiner Klage dazu beigetragen hat, dass im Juni in Berlin auf einzelnen Straßenabschnitten Dieselfahrverbote eingeführt wurden, schrieb auf Twitter: „SUVs haben in unseren Städten nichts zu suchen! Und wenn es nach den Autokonzernen geht, soll mehr als jeder zweite Neuwagen ein SUV werden. Wir kämpfen dagegen an!“

Kritik an der Debatte über Konsequenzen aus dem Unfall in Mitte

Doch es gibt auch Kritik an der Debatte über mögliche Konsequenzen aus dem Unfall. So twitterte, Jan-Marco Luczak, Bundestagsabgeordneter der CDU für Tempelhof-Schöneberg: „Dass die Umwelthilfe  und der grüne Stadtrat Florian Schmidt einen furchtbaren Unfall mit einem SUV für ihre Politik instrumentalisieren, finde ich beschämend und ohne Anstand den Opfern gegenüber. Man kann politisch streiten, aber bitte nicht Pietät vergessen!“ Zu der Frage, ob es richtig ist, dass motorisierter Individualverkehr weiterhin die Innenstadt belasten soll, äußerte er sich nicht.