Berlin - Auch vier Tage nach dem tödlichen Unfall in Mitte ist der genaue Unfallhergang immer noch unklar. Inzwischen bitten Polizei und Staatsanwaltschaft um Mithilfe. Zeugen sollen sich melden, mögliche Videoaufzeichnungen den Behörden präsentiert werden.

Grünen-Politiker fordern Verbot von SUVs in der Innenstadt

Im Gespräch ist weiterhin, dass der 43-jährige Unfallfahrer, der mit seinem rund zwei Tonnen schweren Porsche Macan an der Kreuzung Invalidenstraße/Ackerstraße vier unbeteiligte Fußgänger in den Tod riss, unter Epilepsie litt. Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür bisher nicht.

Unterdessen geht die Debatte weiter, wie solche Unfälle möglicherweise vermieden werden können. Mehrere Grünen-Politiker fordern, dass SUV wie der Porsche Macan aus der Innenstadt verbannt werden sollen. Diese Fahrzeuge gelten nicht nur als besonders unökologisch, sondern allein wegen ihres Gewichts auch als besonders gefährlich für andere Verkehrsteilnehmer.

Durch Assistenzsysteme und neue Technik hätte der Unfall anders ausgehen können

Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel war am Sonnabend einer der ersten, der den Anstoß gab. Mit seinem Satz „Solche panzerähnlichen Autos gehören nicht in die Stadt“ auf Twitter traf er ein verbreitetes Gefühl. Dasselbe gilt für Florian Schmidt, Stadtrat für Stadtentwicklung in Friedrichshain-Kreuzberg. Der Unfall habe Symbolcharakter. Die SUV-Technik und -Marketingstrategie sei „mitschuldig an einer Autokultur des Ich, Ich, Ich. Davon motivierte protzige Schnellfahrerei tötet.“ Seine Konsequenz: „Lasst uns diese Wagen und viele mehr von den öffentlichen Räumen entfernen.“

Allerdings deutet sich derzeit keine politische Mehrheit für einen SUV-Bann an. Weder Verkehrssenatorin Renate Günther (Grüne) noch Vertreter von SPD und Linke in der rot-rot-grünen Koalition in Berlin halten dies für sinnvoll.
Gleichzeitig weitet sich der Blick auf technische Assistenzsysteme, die den Unfall möglicherweise glimpflicher hätten enden lassen können. Solche Systeme sind in den vergangenen Jahren immer besser und umfassender geworden, sodass sie etwa beim autonomen Fahren dem Menschen jede Arbeit am Steuer zuverlässig abnehmen. Wenn erst alle Autos autonom fahren, sollen Unfälle gänzlich ausgeschlossen sein.

Doch noch agiert der Mensch. Der Unfallfahrer vom Freitagabend war nach Zeugenaussagen mit seinem Auto mit weit überhöhter Geschwindigkeit über die in diesem Moment freie Gegenfahrbahn gerast, ehe er Poller und einen Ampelmast umriss, ehe er die Fußgänger auf dem Bürgersteig erfasste.

Ein Notbremssystem ist für alle Neuwagen ab 2020 obligatorisch 

Eine der Fragen ist, ob ein Notbremssystem möglicherweise geholfen hätte. Viele Neuwagen verfügen bereits über einen solchen technischen Assistenten.

Generell ist von einem vorausschauenden Fahrerassistenzsystem die Rede, das Fahrer bei einer Notbremsung unterstützt oder selbsttätig bremst sowie die Kraftstoffzufuhr drosselt. Gesteuert werden diese Systeme über Sensoren am Auto, die permanent unter anderem den Abstand zum Vordermann aber auch zu einem Hindernis messen ebenso Beschleunigung und Lenkwinkel, ja selbst den aktuellen Lenkradwinkel und die Pedalstellungen in Rechnung ziehen.

Ein solches Notbremssystem zur Vermeidung von Unfällen ist für alle Neuwagen-Baureihen, die ab dem Jahr 2020 in der EU genehmigt werden, obligatorisch. Allein in der EU dürften dann 15 Millionen Neuwagen mit solchem Assistenten auf den Markt kommen. Alte Autos müssen dagegen nicht nachgerüstet werden.

Für den SUV sind zahlreiche Assistenten optional verfügbar 

Eine wichtige Rolle könnten auch automatische Temporegulierer spielen. Sie funktionieren prinzipiell ähnlich wie die Bremsassistenten. Sie orientieren sich an dem an Ort und Stelle geltenden Tempolimit – im konkreten Fall gilt auf der Invalidenstraße Tempo 50, auf der kreuzenden Ackerstraße Tempo 30. Sollte ein Fahrzeug das Limit überschreiten, drosselt der Assistent automatisch. Die EU führt dieses System ab dem Jahr 2022 für Neuwagen ein.
Doch was passiert mit älteren Fahrzeugen? Roland Stimpel vom Fußgänger-Lobbyverein Fuss e.V. fordert, dass diese nachgerüstet werden. Das ist in vielen Fällen technisch möglich. „In zehn Jahren müssen alle Autos solch einen Regulator haben“, sagt Stimpel.

Übrigens: Für den Porsche Macan sind zahlreiche Assistenten optional verfügbar. Der Unfallwagen wurde und wird technisch untersucht. Dabei wird auch zu klären sein, ob einer – oder mehrere – der Assistenten auf den Bordcomputer aufgespielt waren.