Elfjährige Tochter totgefahren: Wie ein Vater versucht, weiterzuleben

Louisa starb bei einem Verkehrsunfall in Berlin. Am Mittwoch beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Unfallverursacher. Die Eltern des Kindes sind Nebenkläger.

Julian Herwig ist häufig am Grab seiner Tochter Louisa. Das elfjährige Mädchen starb bei einem Verkehrsunfall. 
Julian Herwig ist häufig am Grab seiner Tochter Louisa. Das elfjährige Mädchen starb bei einem Verkehrsunfall. Berliner Zeitung/Markus Wächter

Auf den Fotos der Internetseite louisa-unvergessen.de ist ein junges Mädchen mit langen blonden Haaren zu sehen. Mal füttert es Rehe in einem Tiergehege, mal steht es mit Wetterjacke und Mütze auf einem Bootssteg am Meer, mal sitzt es lachend auf einem Baum. Louisa sieht aus wie ein Kind, das glücklich ist. Doch die Nachrichten, die unter den Fotos aneinandergereiht sind, geschrieben von Freunden, Bekannten und Familienangehörigen, zeugen nicht von Glück. Sie sprechen von großer Trauer.

Louisa ist tot.

Julian Herwig hat lange gezögert, über Louisa zu reden, über den Unfall, seine Gefühle, den Prozess, bei dem er als Nebenkläger dem Mann gegenübersitzen wird, der für den Tod seiner elf Jahre alten Tochter verantwortlich sein soll. Es ist der Donnerstag vor Totensonntag, als er sich doch dazu durchringen kann. Er spricht bedächtig, versucht, sachlich zu bleiben, die Trauer außen vor zu lassen. Er sagt, er müsse funktionieren. Schließlich habe er noch eine Tochter, Louisas jüngere Schwester.

Doch wie soll das gehen für einen Vater, der vor wenigen Monaten sein Kind verloren hat? Der nicht die Strafe für den Unfallverursacher bekommen wird, die er sich wünscht. Julian Herwig sagt, er sei stark, aber er wisse nicht, ob er irgendwann vielleicht doch zusammenbrechen werde.

Louisa ging in die fünfte Klasse. Es waren Ferien, als sie tödlich verunglückte.
Louisa ging in die fünfte Klasse. Es waren Ferien, als sie tödlich verunglückte.Privat

Louisa ging in die fünfte Klasse und war gerade erst ans Gymnasium gewechselt. „Dort blühte sie richtig auf“, sagt ihr Vater. Klug sei sie gewesen, habe gern gelesen, aber noch viel lieber gemalt und sich die Techniken dafür bei den Großen auf Youtube abgeschaut. Julian Herwig beschreibt seine älteste Tochter als selbstständig und zuverlässig. Träume habe Louisa gehabt, wie die meisten Mädchen in ihrem Alter: Sie mochte Pferde, wollte reiten und später einmal Tierärztin oder vielleicht doch lieber Designerin werden.

Dann kam dieser 12. April 2022. Es war der Dienstag vor Ostern, Berlins Schüler hatten Ferien. Louisas Eltern leben getrennt, die beiden Töchter wohnen überwiegend beim Vater. In den Ferien sei Louisa bei ihrer Mutter gewesen, sagt Julian Herwig.

An jenem Nachmittag waren Mutter und Tochter in Marzahn unterwegs. An einer Ampel wollten sie die Landsberger Allee überqueren, die an dieser Stelle in jede Richtung dreispurig verläuft. Als die Anlage für Fußgänger auf Grün schaltete, liefen sie los. Louisa sei vorneweg gehüpft, wie es Kinder eben manchmal tun, sagt ihr Vater. Sie habe ja Grün gehabt, was also hätte passieren sollen?

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dpa
Ein Unfalltoter, 113 Betroffene
113 Menschen sind betroffen, wenn ein Mensch bei einem Verkehrsunfall stirbt. Das ergab eine Erhebung im Auftrag der Kampagne „Runter vom Gas“ 2017. Demnach  erschüttert ein Verkehrstoter im Durchschnitt elf Familienangehörige, vier enge Freunde, 56 Freunde und Bekannte nachhaltig. Zudem sind mit dem schweren Schicksal 42 Einsatzkräfte konfrontiert: Rettungssanitäter, Feuerwehrkräfte oder Polizisten. Quelle: Kampagne „Runter vom Gas“.

Doch auf der für das Kind letzten Spur der Straße wurde Louisa von einem Auto erfasst. Es war ein Unfall, der nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hätte vermieden werden können. Laut Anklage soll der aus Brandenburg stammende 59-jährige Jürgen H. mit seinem grauen Audi A5 die für den Autoverkehr geltende rote Ampel missachtet haben. Der Wagen habe das Mädchen mit einer Geschwindigkeit von etwa 60 Kilometern pro Stunde erfasst, so die Staatsanwaltschaft. Durch den Aufprall wurde das Kind durch die Luft geschleudert und schlug mit dem Kopf auf den Asphalt.

Mit lebensgefährlichen Kopfverletzungen wurde es ins Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn eingeliefert. Vier Tage später starb es. Louisa war zu diesem Zeitpunkt das sechste Todesopfer, das der Verkehr in Berlin in diesem Jahr gefordert hatte. Ihr Tod war eine kurze Nachricht in den Zeitungen, mehr nicht. Für Julian Herwig und seine Familie bedeutete er das Ende ihres alten, glücklichen Lebens.

Julian Herwig ist ein drahtiger, sportlicher Mann von 33 Jahren. Er arbeitet als Dozent. Als seine Tochter Louisa zur Welt kam, war er gerade 22 Jahre alt. Und stolz, wie er sagt. Zweieinhalb Jahre später wurde Louisas Schwester geboren. Ihr Vater erzählt, wie Louisas Mutter nach dem Unfall mit einem Schock behandelt werden musste, wie sie ihn über die schweren Verletzungen der gemeinsamen Tochter informierte, wie er ins Krankenhaus fuhr, obwohl er wusste, dass er nichts tun konnte. Sein Kind sei operiert worden, erinnert er sich. Die Ärzte hätten seiner Tochter bei einem Noteingriff einen Teil der Schädeldecke entnommen, um den ansteigenden Hirndruck zu entlasten.

„Als wir zu ihr konnten, lag sie auf der Intensivstation“, berichtet Herwig. „Da sieht man sein eigenes Kind liegen, mit Schläuchen in Mund und Nase.“ Louisas Vater muss eine kurze Pause machen, bevor er weiterreden kann. Die Ärzte hätten immer wieder gesagt, dass die Verletzung am Gehirn sehr schwer wäre. „Übersetzt hieß das, dass es eigentlich keine Hoffnung mehr gab“, sagt der Kindesvater. Als Eltern hätten sie diese Nachricht aber nicht wahrhaben wollen.

Julian Herwig sucht nach Worten, er findet sie nicht, stockt, dann erzählt er von Louisas Mutter, die am Krankenbett ausgeharrt habe, während er zu seiner kleinen Tochter nach Hause gefahren sei und Antworten finden musste auf die Fragen seiner Jüngsten, warum die Schwester im Krankenhaus liege und wann sie wiederkomme. „Am nächsten Tag standen wir dann wieder im Krankenhaus und ließen uns von den Ärzten erklären, dass sich Louisas Zustand weiter verschlimmert habe“, sagt Julian Herwig.

Mit einem kleinen bemalten Stein gedenken Louisas Schulfreunde ihrer toten Klassenkameradin. 
Mit einem kleinen bemalten Stein gedenken Louisas Schulfreunde ihrer toten Klassenkameradin. Berliner Zeitung/Markus Wächter

Tags darauf wurde bei dem schwer verletzten Kind erneut ein EEG durchgeführt, bei dem die Hirnaktivität gemessen wurde. Julian Herwig zitiert die Diagnose, die sich in sein Gedächtnis eingebrannt hat. Es sei herausgekommen, dass die „messbare Hirntätigkeit nicht mit dem Leben vereinbar“ sei. „Damit war klar, Louisa ist tot“, sagt der Vater. Er habe sich damals gefragt, wie er diese Diagnose Louisas achtjähriger Schwester vermitteln sollte. „So etwas zerreißt einen.“

Seitdem ist die Familie nicht zur Ruhe gekommen. Die Beerdigung von Lieschen, so wurde Louisa zu Hause genannt, musste organisiert werden. Etwa einhundert Menschen seien gekommen, die Hälfte davon Kinder, sagt der Vater. Er selbst habe die Trauerrede für sein Mädchen gehalten. Seine jüngste Tochter sei seit Louisas Tod in therapeutischer Behandlung. Wie es ihr heute gehe? „Ich weiß nicht“, sagt er. Er mache halt weiter für seine jüngere Tochter. Die Option, sich depressiv ins Bett zu legen, gebe es für ihn nicht.

Bald* wird alles noch einmal aufgewühlt. Dann muss sich der Fahrer des Unfallwagens vor dem Amtsgericht Tiergarten wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Es soll einige Zeugen gegeben haben, die den Zusammenstoß beobachtet haben: Dazu zählen wohl auch andere Autofahrer, die mit ihren Fahrzeugen regelkonform an der roten Ampel gehalten hatten.

Mehrmals in der Woche fährt der Vater zu Louisas Grab

Julian Herwig erzählt, dass sich der Unfallfahrer bisher noch nicht bei ihm oder Louisas Mutter gemeldet habe. Zwei Kontaktversuche, die von ihm selbst ausgingen, scheiterten nach den Worden des Kindesvaters an Jürgen H. Mit einer Unterlassungsklage seines Anwalts habe der Unfallfahrer gedroht, so Herwig. Auch gegenüber den Ermittlungsbehörden habe Jürgen H. bisher geschwiegen. „Warum macht er das? Was hat er zu verschweigen?“, fragt sich Louisas Vater bis heute.

Er hofft, im Prozess Antworten darauf zu erhalten. Sehr optimistisch ist er jedoch nicht. Julian Herwig weiß, dass Jürgen H. vermutlich mit einer Geld- oder Bewährungsstrafe davonkommen wird. Seine Anwältin habe ihn schon darauf vorbereitet, akzeptieren könne er eine solche Strafe jedoch nicht.

Mehrmals in der Woche fährt Julian Herwig zum Friedhof. Auf dem gepflegten Grab seiner Tochter stehen viele frische Blumensträuße vor der einfachen, von Louisas Vater gefertigten Holztafel und ein großer Naturstein. Er ist blau und mit weißen Wolken bemalt. Louisas Schulfreunde aus der 5a haben darauf unterschrieben.

Bis Ende September starben in diesem Jahr auf Berlins Straßen 22 Menschen.

* Das Verfahren sollte am Mittwoch beginnen, der Termin ist jedoch kurzfristig aufgehoben worden.