Die Zahlen sind unmissverständlich, und sie beunruhigen. Im Berliner Straßenverkehr werden immer mehr Menschen bei Unfällen verletzt, auch die Zahl der Unfalltoten ist 2018 gestiegen. Weiterhin tragen Fußgänger, Radfahrer und Senioren das größte Risiko zu verunglücken – allen politischen Programmen und Reden zum Trotz. Und das in einer Stadt, die von den Grünen mitregiert wird. Die Diagnose ist klar. Doch wie sieht die Therapie aus?

Im Zahlenwerk der Polizei, das am Montag vorgestellt wurde, fallen die Radfahrer besonders auf. 5.629 Radler wurden bei Unfällen verletzt, elf starben: Nachdem sie im Jahr davor gesunken war, ist die Zahl der Menschen, die auf dem Sattel verunglückten, um 13 Prozent gestiegen. Das ist keine schöne Bilanz für eine Verkehrsverwaltung, die sich im Einflussbereich der Grünen befindet.

Umso bemerkenswerter ist, dass die oppositionelle FDP, die Verkehrssenatorin Regine Günther und ihr Team sonst bei jeder Gelegenheit kritisiert, diesmal darauf verzichtet. Stattdessen lenkt sie den Blick auf die Radler. „Gerade die vielen Unfälle durch Regelverstöße von Radfahrern könnten vermieden werden, wenn die Polizei hier endlich ebenso intensiv wie gegenüber Pkw-Fahrern kontrollieren würde“, so der FDP-Innenpolitiker Marcel Luthe. „Sicherheit im Verkehr kann nur funktionieren, wenn alle sich gleichermaßen an die Regeln halten müssen.“

Feindbild Kampfradler

Da ist es wieder, das Feindbild Rüpelradler. Laut Polizei wurde im vergangenen Jahr die Hälfte der Fahrradunfälle von den beteiligten Radfahrern ganz oder teilweise verschuldet. Doch an den schwersten, den tödlichen Zusammenstößen waren keine Zweiradfahrer beteiligt, auf die das Kampfradler-Klischee zutrifft. 

So zählten zu den elf Radfahrern, die 2018 in Berlin getötet wurden, drei Senioren sowie zwei Kinder. In fünf Fällen kam es zum tödlichen Zusammenstoß, als Lastwagen rechts abbogen. Ein anderer Radler starb, weil die Fahrertür eines Lkw geöffnet wurde. Er war 79 Jahre alt.

„Wenn Rot-Rot-Grün es ernst meint mit der Verkehrswende in Berlin, brauchen wir endlich sichere Mobilität für alle“, sagte Lara Eckstein vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Für die Radlobby ist die Infrastruktur wichtig: „Sichere Radwege an allen Hauptstraßen und ein durchgehendes Netz von Nebenrouten sind im Mobilitätsgesetz vorgeschrieben. Doch die Umsetzung wird verschleppt.“

So verteilte sich die Zahl der Unfalltoten in Berlin:

Es stimmt: Der Bau von Radfahrstreifen geht nur im Schneckentempo voran. Das liegt nicht nur an der zweistufigen Verwaltungsstruktur in Berlin, die Abläufe komplizierter macht und die Hauptarbeit den teils überforderten, teils unwilligen Bezirksämtern aufhalst. Projekte, die Radfahrern zugute kommen sollen, stoßen bei Autofahrern auf Protest – zum Beispiel in der Siegfriedstraße in Lichtenberg, wo Parkplätze verlegt werden sollen, um mit Pollern geschützte Radfahrstreifen anlegen zu können. Es ist eine Konstellation, wie es sie in Berlin öfter geben wird. Allerdings: Dass gute Radinfrastruktur kein Allheilmittel ist, zeigt sich in den Niederlanden – dort steigt die Zahl der Radfahrerunfälle wieder an.

„An fast jedem Fußgängerunfall in Berlin sind aber auch Verkehrsplaner und Verkehrspolitik schuld“  

Bei Fußgängern, mit 19 Unfalltoten erneut die zahlreichste Gruppe in diesem Teil der Bilanz, spricht niemand von Rüpeln oder Straßenkämpfern. Es gäbe auch keinen Grund dafür, wie die Statistik für das vergangene Jahr erneut zeigt. „Viele Fußgänger starben gerade da, wo sie angeblich sicher sind. Fünf wurden bei grüner Ampel getötet, weil abbiegende Fahrzeuge auch Grün hatten – davon drei Lkw“, sagte Roland Stimpel vom Fachverband Fußverkehr Deutschland (FUSS). „Zwei Fußgänger wurden auf Zebrastreifen tödlich gerammt, zwei von Autos auf Gehwegen. Besonders stark betroffen seien Senioren:

„Zehn Getötete waren im Alter von 69 bis 92 Jahren, davon sieben über 80 Jahre alt.“ An jedem Unfall seien Menschen im Verkehr schuld, die rasen, drängeln, nicht aufpassen, Regeln missachten, so Stimpel. „An fast jedem Fußgängerunfall sind aber auch Verkehrsplaner und Verkehrspolitik schuld. Tempo 50 ist zu schnell für viele Straßen. Immer noch dürfen Lastwagen durch die Stadt fahren, die keinen Abbiege-Assistenten haben und aus denen man nicht einmal nach vorn richtig sehen kann. Ampelkreuzungen mit gleichzeitigem Grün für Fußgänger und Abbieger sind Todesfallen. Raserei, das Missachten von Zebrastreifen und das Zuparken von Überwegen werden viel zu selten geahndet und so milde geahndet, dass man von ,Strafe‘ nicht ernsthaft reden kann.“ Die Fußgängerlobby fordert Tempo 30 in der Stadt, mehr Kontrollen und „Hunderte Blitzer“.

Kritik an Fahrradweichen in Berlin

„Die Verkehrsunfallbilanz 2018 zeigt, dass Berlin, aber auch der Bund und die Europäische Union die Anstrengungen für mehr Verkehrssicherheit noch deutlich zu verstärken haben – insbesondere, was die schwächsten Teilnehmer, also Radfahrende und zu Fuß Gehende angeht“, sagte Verkehrs-Staatssekretär Ingmar Streese (Grüne) am Montag. Dabei gehe es nicht nur um das richtige Verhalten im Verkehr: „Wir brauchen auch eine sichere Infrastruktur, damit lebensgefährliche Fehler nicht entstehen.“

Ein wichtiges Gremium ist die Unfallkommission. Sie hat dafür gesorgt, dass im vergangenen Jahr an acht Unfallhäufungsstellen die Verkehrssicherheit verbessert wurde. Zwei weitere sollen bis Juni 2019 entschärft werden – eine befindet sich in der Seestraße, die andere am Knotenpunkt Karl-Marx-Allee/Alexanderstraße, wo am 20. Februar eine Radfahrerin von einem rechts abbiegenden Lastwagen getötet wurde.

Radfahrer, die geradeaus wollen, sollen eine Extraspur links von dem Fahrstreifen, von dem aus es nach rechts geht, bekommen. Eine gefährliche Planung, warnen Radaktivisten. Radfahrer müssten zwischen Autos und Lkw auf Grün warten, und zuvor kreuzen Rechtsabbieger die Radlerspur. Doch die sogenannte Fahrradweiche sei weiterhin eine Option, sagte Streese. „Die Polizei hält Fahrradweichen für sicher, von den Unfallzahlen her sind sie unauffällig.“ Der Streit, wie Berlins Straßenverkehr sicherer werden könnte, ist noch lange nicht zu Ende.