Gedenken an eine getötete Fahrradfahrerin in Berlin-Mitte. 
Foto:  imago/Christian Mang

BerlinWieder war es ein rechts abbiegender Lastwagen. Am Freitagabend wurde in Reinickendorf eine Radfahrerin getötet. Laut bisherigen Ermittlungen der Polizei fuhr der 62-jährige Fahrer des Lkw auf der Roedernallee. Als er nach rechts in die Lindauer Allee einbog, erfasste er die Fahrradfahrerin. Die Identität der Frau und der genaue Unfallhergang waren nach Angaben der Polizei am Sonntag noch nicht geklärt.

Im gesamten Jahr 2018 kamen in Berlin elf Radler ums Leben. 2019 zählte die Polizei sechs getötete Radfahrer. In diesem Jahr starben bereits 14 Radfahrer im Berliner Straßenverkehr – und das, obwohl es mehr geschützte Radwege gibt. Allein in den vergangenen Monaten richteten die Bezirke kurzfristig rund 20 Kilometer sogenannte Pop-up-Radwege ein. Sie sollen nach Vorstellung der Senatsverkehrsverwaltung den Radverkehr sicherer machen.

Die vielen Radfahrunfälle stehen dem sonstigen Unfalltrend entgegen. Das Statistische Bundesamt verzeichnete im ersten Halbjahr in Deutschland einen historischen Tiefstand bei den Unfalltoten. Laut dem am Freitag veröffentlichten Zahlenwerk starben 1281 Menschen im Straßenverkehr. Das waren 13,2 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. „Noch nie seit der deutschen Vereinigung im Jahr 1990 wurden von Januar bis Juni weniger Menschen bei Verkehrsunfällen getötet oder verletzt“, teilte die Behörde mit. Grund für den Rückgang sei die Corona-Pandemie. Das geringere Verkehrsaufkommen habe sich deutlich auf das Unfallgeschehen ausgewirkt, erklärte die Wiesbadener Behörde am Freitag. Wegen Lockdown und Homeoffice seien weniger Menschen auf den Straßen unterwegs gewesen. 

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle: ADFC

Radfahrer profitieren von dieser Entwicklung allerdings nicht, konstatiert Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Nach seiner Einschätzung sind inzwischen wieder fast genauso viele Autos auf den Straßen unterwegs wie vor Corona. Und viele Menschen würden aus Angst vor Ansteckung auf Auto und Fahrrad umsteigen, weshalb der öffentliche Personennahverkehr leide.

Gegenüber der Berliner Zeitung nennt Brockmann zwei Gründe für die gestiegenen Zahlen der Fahrradunfälle. Zum einen seien mehr Radfahrer unterwegs. Tatsächlich nahm der Radverkehr im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent zu. Allein im Juni erfassten die Zählstellen der Senatsverkehrsverwaltung 2,3 Millionen Radfahrer.

Nach Einschätzung des Unfallforschers gibt es noch eine andere Ursache für den Anstieg der tödlichen Unfälle: „In Berlin fördern Radfahrverbände zusammen mit dem Senat massiv die Schnelligkeit des Radverkehrs. Es gibt mehr breite Spuren und geschützte Radfahrstreifen, die für höhere Geschwindigkeit sorgen“, sagt Brockmann. „Das Problem aber sind die Kreuzungs- und Einmündungsbereiche, für die es bisher keine Lösungen gibt.“ In diesen Bereichen sei nicht die Geschwindigkeit des Kfz das Problem, sondern die Geschwindigkeit des Radfahrers. „Die Radwegeförderung sorgt nicht für mehr Sicherheit“, sagt Brockmann.

Im Juni wurde in Friedrichshain eine Radfahrerin getötet, als sie von einem Pop-up-Radweg kommend von einem rechts abbiegenden Lkw erfasst wurde. 

Aus der Verkehrsverwaltung heißt es, die Unfallzahlen schwankten stark. Für eine valide Ursachenforschung seien tiefergehende Untersuchungen nötig. Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) sagte der Berliner Zeitung: „Für mehr Verkehrssicherheit sind drei Dinge entscheidend: eine verbesserte Infrastruktur, der verpflichtende Einsatz moderner Technik und strengere Gesetze samt konsequenter Überwachung.“ Günther hält auch eine bessere Gestaltung der Straßenkreuzungen mit getrennten Ampelschaltungen für nötig. „Infrastruktur lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Deshalb ist es so wichtig, dass auch auf Bundesebene endlich die richtigen Weichen gestellt und beispielsweise die Einführung der Abbiegesysteme für Lkw deutlich beschleunigt wird.“ Die Hälfte der tödlichen Radunfälle in diesem Jahr waren laut Günther auf rechtsabbiegende Lkw zurückzuführen.