Der Fahrer hinterließ eine Spur der Verwüstung. Eine Frau starb, 29 Menschen wurden verletzt, als am Mittwoch ein Mann mit seinem Auto in der Tauentzienstraße Amok fuhr. Es war nicht das erste Mal, dass dieser Teil der City West zum Tatort eines Verbrechens wurde, bei dem ein Kraftfahrzeug als Waffe diente. Wie sollten wir jetzt reagieren? Warum finden Verkehrsunfälle meist kein so großes Interesse? Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer in Berlin, beantwortet aktuelle Fragen.

Herr Brockmann, was haben Sie gedacht, als Sie von der Amokfahrt erfuhren?

Wenn in den USA jemand zum Beispiel in einer Schule oder Kirche mit einer Waffe Amok läuft, wird das in Deutschland groß thematisiert. Wenn jemand in Deutschland mit einem Auto Amok fährt, zeigen wir uns meist ratlos. Dabei kann auch ein Kraftfahrzeug bei einer schweren Straftat als Werkzeug dienen. Ein Auto ist eine leicht erreichbare legale Waffe. Das führt uns die Amokfahrt in der Tauentzienstraße eindrucksvoll vor Augen.

Hätte die Tat verhindert werden können?

Man kann nicht die gesamte Infrastruktur vor solchen Straftaten schützen. Es wäre eine unmögliche Vorstellung, alle Straßen und Plätze einer großen Stadt wie Berlin mit Betonpollern zuzustellen.

Rund um den benachbarten Breitscheidplatz wurden nach dem Anschlag 2016 auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche massive Schutzelemente aufgestellt. Jetzt wird gefragt, warum das nicht auch der Tauentzienstraße geschah. Teilen Sie die Kritik?

Nein. Denn wenn außer dem Breitscheidplatz auch noch die Tauentzienstraße zugepollert worden wäre, dann wäre der Täter höchstwahrscheinlich in einen anderen Bereich ausgewichen. Gut möglich, dass er dann vielleicht auf dem Olivaer oder dem Adenauerplatz in eine Menschenmenge gefahren wäre. Vor solchen Taten können wir uns nicht mit verkehrstechnischen Mitteln schützen.

Unfallforscher der Versicherer
Siegfried Brockmann ist Leiter der Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) Berlin.

Zum dritten Mal innerhalb von knapp sechseinhalb Jahren ist dieser Teil des westlichen Berliner Stadtzentrums zum Schauplatz einer Straftat geworden, bei der ein Kraftfahrzeug als Waffe genutzt wurden. Bei einem illegalen Rennen im Februar 2016 starb ein Mann auf der Kreuzung Tauentzien-/ Nürnberger Straße, der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche Dezember 2016 hatte den Tod von 13 Menschen zur Folge. Warum geschahen diese Straftaten alle in diesem Bereich?

Weil die Täter offensichtlich maximale Aufmerksamkeit wollten. Auf dem Breitscheidplatz, in der Tauentzienstraße, auf dem Kurfürstendamm sind tagsüber viele Menschen unterwegs. Darum verwundert es auch nicht, dass der Kudamm häufig für Posingfahrten genutzt wird, aus denen nicht selten illegale Autorennen werden. Würde man diese Straße für Kraftfahrzeuge sperren, wäre nichts gewonnen. Dann würden diese Fahrten auf anderen großen Straßen in Berlin stattfinden.

Schon tauchen verkehrspolitische Forderungen auf – etwa die, diesen Teil der City West zur Fußgängerzone zu erklären. Wäre das aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Wenn die Analyse zu dem Schluss kommt, dass das Auto das Hauptproblem, die Hauptgefahrenquelle ist, kann man natürlich eine solche Forderung formulieren. Der Gedanke, das Auto zumindest in bestimmten Bereichen der Stadt komplett zu eliminieren, ist jedenfalls nicht abwegig. In Städten, die nur ein Zentrum haben, wäre das vielleicht möglich. Doch Berlin hat viele Zentren. Würde eines für Kraftfahrzeuge gesperrt, würden Täter auf andere Bereiche ausweichen. In Berlin gibt es viel zu viele potenzielle Bereiche für eine solche Tat, als dass sich die Stadt sinnvoll schützen ließe. Unterm Strich würde es jedenfalls für dieses Problem nichts bringen, die City West zu einer Fußgängerzone zu machen.

Nach Vorfällen wie der Amokfahrt in der Tauentzienstraße taucht stets bald die Frage auf, ob sich solche Taten verhindern ließen. Die Öffentlichkeit versucht, diese Taten rational diskutieren, zu analysieren und zum Ausgangspunkt von Handlungskonzepten zu machen. Warum reagieren wir so?

Wir reagieren so, weil wir uns ausgeliefert fühlen. Wir spüren ein Gefühl der Ohnmacht. Und wir suchen nach Möglichkeiten, damit rational umzugehen. Das ist ein ganz normaler Reflex.

Tagtäglich werden Menschen im Straßenverkehr getötet oder schwer verletzt. Warum spielt die Normalität auf den Straßen in der öffentlichen Diskussion weiterhin keine große Rolle?

In der Tat ist die Gefahr, im normalen Straßenverkehr zu sterben oder schwere Verletzungen davonzutragen, täglich viel größer als das Risiko, irgendwann Opfer einer Amokfahrt zu werden. Doch im Verkehr fühlen wir uns sicherer. Schließlich agieren wir selbst und haben die Dinge scheinbar im Griff.

Das Auto als Waffe – was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Hat dies etwas damit zu tun, dass Deutschland ein Autoland ist, in dem Kraftfahrzeuge eine wichtige Rolle spielen?

Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, ob beides etwas miteinander zu tun hat. Wenn bestimmte Straftaten in einem Land im Durchschnitt häufiger vorkommen als anderswo, können das auch Nachahmungseffekte sein. Schließlich ist Medienberichterstattung meist auf das jeweilige Land fokussiert, und die Fantasie von Straftätern ist in der Regel begrenzt.

Wir haben darüber gesprochen, welche Mittel und Vorkehrungen untauglich wären, um sich gegen Amokfahrten zu schützen. Gibt es trotzdem Ansatzpunkte, von denen aus wir weiterarbeiten sollten?

Ja, und das wäre aus meiner Sicht die Fahrzeugtechnik. Fahrerassistenzsysteme sollten so weiterentwickelt werden, dass Amokfahrten und illegale Autorennen technisch nicht mehr möglich sind. Im System hinterlegte Karten könnten feststellen, ob ein Fahrzeug eine Fahrbahn verlässt. Sensoren könnten ermitteln, ob es auf Hindernisse zusteuert. In beiden Fällen müsste das Fahrzeug notfalls zwangsgebremst werden, ohne dass die Person am Steuer dies verhindern könnte. Sicher, die Technik ist noch nicht so weit. Aber Ansätze gibt es bereits.

Können Sie Beispiele nennen?

Da ist zum einen eine Technik namens Intelligent Speed Assistance. Wenn ein Fahrzeug schneller fährt als erlaubt, bekommt der Fahrer ein optisches oder akustisches Signal. Noch ist diese Technik in Serienfahrzeugen nicht zwingend eingebaut, doch sie wird in den kommenden Jahren in Europa Pflicht. Das gilt auch für eine andere Sicherheitsvorkehrung. Sie soll dafür sorgen, dass ein Fahrzeug zwangsgebremst wird, wenn es sich auf Kollisionskurs befindet, auf Fußgänger oder andere Hindernisse zusteuert. Allerdings wird es auch in diesem Fall so sein, dass die Technik abgeschaltet oder außer Kraft gesetzt werden kann, indem der Fahrer das Gaspedal durchtritt. In der derzeit geplanten Form werden beide Vorkehrungen gegen Amokfahrten oder Autorennen also nichts ausrichten können. Doch wie gesagt: Mit moderner Fahrzeugtechnik könnte man Amokfahrten wie die in der Tauentzienstraße bei ausreichendem Willen und auf mittlere Sicht verhindern.