Berlin - Für Jochen Schledz begann der gestrige Arbeitstag mit einer schlechten Nachricht. „Hier ist der 48. Verkehrstote“, las Schledz, der die Geschäftsstelle der Berliner Unfallkommission leitet, in einer Mail der Polizei. Wieder ein tödliches Unglück. Was war passiert? Auf dem Teltower Damm in Zehlendorf hatte ein Mann am Dienstag eine 60-jährige Radlerin mit seinem Auto erfasst. Er hatte sie vermutlich übersehen. Obwohl das Jahr noch nicht zu Ende ist, liegt die Zahl der Verkehrstoten in Berlin bereits über dem Wert von 2010 - damals waren es 44.

„Manchmal ist es frustrierend“, sagt Schledz. Doch schlechte Nachrichten wie diese sind für ihn auch ein Ansporn weiterzumachen. Nicht nachzulassen, wenn es darum geht, Unfallschwerpunkte zu identifizieren und zu entschärfen. Kreuzung für Kreuzung, Straße für Straße. Denn das ist die Aufgabe der Unfallkommission, in der Polizei und Behörden zusammenarbeiten.

„Eine Sisyphusarbeit“

Schledz weiß: Wer sich diese Arbeit aufhalst, darf nicht verzagt sein. In Berlin gibt es rund 1.500 Stellen, an denen sich Unfälle häufen. Der Ort, an dem die Radlerin am Dienstag starb, gehört noch nicht einmal dazu. „125 Unfallhäufungsstellen hat die Kommission inzwischen untersucht“, sagt Schledz. In 64 Fällen wurden ihre Vorschläge abgearbeitet, in 25 gab es Sofortmaßnahmen. Es bleibt also noch viel zu tun. Sehr viel sogar. Doch für weitere Kommissionen fehlt das nötige Personal.

„Es ist eine Sisyphusarbeit“, sagt der Mitarbeiter der senatseigenen Verkehrslenkung Berlin. Ortstermine stehen an, Unfallursachen, Pläne und Ampelphasen werden analysiert. Aber es lohnt sich. Fast immer sanken nach den angeregten Veränderungen die Unfallkosten. Diese Summen stehen für die erlittenen Schäden - ein Unfalltod wird mit 140.000 Euro veranschlagt.

Ein Beispiel: In Lichtenberg hatte sich auf der Landsberger Allee am Brodowiner Ring aus DDR-Zeiten ein Zebrastreifen erhalten, auf dem immer wieder Fußgänger angefahren wurden. 2006 summierten sich die Unfallkosten auf 181.000 Euro. Im Jahr darauf wurde eine Ampel aufgestellt, wie es die Kommission vorgeschlagen hatte. Als Folge gingen die Fußgängerunfälle zurück, 2009 und 2010 gab es keine mehr.

In anderen Fällen zeichnet sich zumindest ein Positivtrend ab - wie an der Kreuzung Heerstraße/ Gatower Straße in Spandau, die umgestaltet wurde und Extra-Ampelsignale für Linksabbieger erhielt. 2005 hatten dort die Unfallkosten mehr als eine Million Euro betragen, 2010 nur noch 318.000. Eine solche Ampellösung hat die Kommission auch für einen Brennpunkt in Prenzlauer Berg vorgelegt: für die Kreuzung, an der Bornholmer und Wisbyer Straße in die Schönhauser Allee münden. Auch sie fiel auf, weil Linksabbieger anderen in die Quere kommen.

Mehr Geld für große Projekte benötigt

Es geht aber nicht nur um Ampeln. Das Gremium lässt auch Tempo 30 anordnen, Rotlichtblitzer aufstellen und Litfasssäulen, Äste sowie andere Sichtbehinderungen entfernen. Mit ihrem Jahresetat, der um ein Viertel auf 750.000 Euro gesenkt wurde, kann sie kleine Verbesserungen finanzieren. Doch große Projekte wie das an der Schönhauser Allee erfordern lange Vorarbeit und mehr Geld. Das gilt auch für das Kottbusser Tor in Kreuzberg, für das die Kommission schon vor Langem eine Spiralmarkierung empfohlen hat - die es immer noch nicht gibt.

Vor Kurzem stand die Gefällestrecke am südlichen Ende der Warschauer Straße in Friedrichshain auf der Tagesordnung. Auf dem kleinen Stück hat es allein 2008 bis 2010 insgesamt 111 Verkehrsunfälle gegeben, bei 32 kamen Menschen zu Schaden - meist Radler und Fußgänger. „Dort sollen bald unter anderem die Sichtverhältnisse verbessert und Ampelschaltungen verändert werden“, kündigt Schledz an.

Er weiß aber, dass die Änderungen nicht verhindern, dass weiterhin Radfahrer rasen und Radwege in der falschen Richtung befahren. „Wir machen das Machbare. Doch wenn sich Menschen falsch verhalten, sind uns die Hände gebunden.“