Im Berliner Ortsteil Kladow herrscht ein Impf-Streit unter Eltern. Grund dafür ist eine von einigen Eltern und einem Kinderarzt ins Leben gerufene Impfaktion. Zielgruppe der Impfaktion sind Kinder zwischen fünf und elf Jahren. Die Gesamtelternvertretung einer Berliner Schule hat das Angebot des Arztes in einem Schreiben an alle Eltern weitergegeben. Weil es noch keine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission für Kinder unter zwölf Jahren gibt, halten einige Eltern das jetzige Vorgehen der Gesamtelternvertretung für falsch.

Der Stiko-Vorsitzende wurde am Donnerstag gefragt, ob er sein eigenes, siebenjähriges Kind derzeit impfen lassen würde. Mertens hatte geantwortet: „Ich würde es wahrscheinlich jetzt nicht impfen lassen.“ Abgesehen von den Daten aus der Zulassungsstudie gebe es „keinerlei Daten“ über die Verträglichkeit des Impfstoffs in der Gruppe der Fünf- bis Elfjährigen. Aktuelle Publikationen zeigen laut Mertens zudem, dass Aussagen über Langzeitschäden kaum möglich seien.

In dem aktuellen Informationsschreiben der Elternvertreter heißt es, dass „nicht wenige Eltern eine Entscheidung pro Impfen“ getroffen haben dürften, „aber bisher noch keine Möglichkeit hierfür gefunden haben. Im Sinne unserer gemeinsamen Bestrebungen seit März 2020, soweit möglich alles zu unternehmen, eine Ausbreitung des Covid-19-Erregers zu verhindern, freuen wir uns als GEV-Vorstand sehr, Sie über ein aus unserer Elternschaft initiiertes freiwilliges Impfangebot im Kladower Raum informieren zu können.“ Stattfinden soll die Aktion am Sonntag. In dem Schreiben heißt es weiter: „Bei einem gut organisierten und flüssigen Ablauf können in den vorgenannten Zeitfenstern bis zu 100 Kinder geimpft werden. Entsprechende Mengen an Impfstoff sind vorhanden. Wichtig ist, dass sie sich mit Ihrem Kind einig sind, an diesem Tag die Impfung vorzunehmen; im Fachjargon heißt das dann impfwillig / impfbereit“.

Pro Kind knapp fünf Minuten für Anamnese, Aufklärung und Impfung

Die Aktion stößt bei Teilen der angeschrieben Eltern auf massive Ablehnung. „Dass ein Kinderarzt aus Kladow trotz fehlenden Empfehlung der Stiko anbietet, Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren mit einem Drittel einer Erwachsenendosis des BioNTech/Pfizer - Impfstoffes Cominarry zu impfen, ist für mich unfassbar“, sagt ein Vater der Berliner Zeitung. Er hat die von der Gesamtelternvertretung verschickte Information über „ein freiwilliges Impfangebot für Kinder von fünf bis elf Jahren“ erhalten und der Berliner Zeitung zur Verfügung gestellt. Aus Furcht vor möglichen Anfeindungen gegenüber seinen Kindern will er anonym bleiben. Der Name ist der Redaktion bekannt.

Im Gespräch mit der Berliner Zeitung sagt der Mann weiter: „Für Anamnese, Aufklärung, Dokumentation des Aufklärung und Impfung wären bei 100 Kindern knapp fünf Minuten Zeit übrig. Was passiert bei unmittelbaren schweren Impfreaktionen bzw. Impfunverträglichkeiten, die eine Impfung mit dem „Erwachsenen-Impfstoff“ ja verursachen kann?“ Und weiter: „Dass ein Erwachsenen-Impfstoff geimpft werden soll, fällt nach meiner Auffassung nicht unter Off-Label-Use, wie ihn wohl ein Verband der Kinderärzte für ältere Kinder als zulässig erachtet hat.“ Es gebe keine Empfehlung der STIKO, „trotzdem will dieser Arzt diese jungen Kinder impfen und der Vorstand der Gesamt-Eltern-Vertretung GEV begrüßt dieses Impfangebot und bewirbt es bei den Eltern der Grundschule“, sagt der Mann weiter. Er sei „entsetzt über soviel Sorglosigkeit“. 

Gesamtelternvertretung: „Wir geben keinerlei Impf-Empfehlung ab“

Auf Anfrage der Berliner Zeitung teilte die Gesamtelternvertretung am Samstag mit: „Das Infektionsgeschehen unter Kindern ist in Deutschland und auch in Berlin weiterhin sehr hoch. Das Thema einer Impfung für Kinder im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren beschäftigt einen Großteil der Elternschaft daher bereits seit längerer Zeit.“ Viele Eltern hätten „signalisiert, dass sie auf den Kinder-Impfstoff gegen Corona von BioNTech/Pfizer warten, der letzte Woche von der europäischen Arzneimittelbehörde EMA zugelassen wurde“. Grundsätzlich könne „nach der EMA-Entscheidung jedes Kind geimpft werden“.

In dem an die Eltern versendeten Schreiben, welches der Redaktion der Berliner Zeitung vorliegt, heißt es, man informiere „über ein aus unserer Elternschaft initiiertes freiwilliges Impfangebot“. Die Gesamtelternvertretung teilte dazu am Samstag auf Nachfrage mit, man habe sich „entschlossen, ein entsprechendes freiwilliges Impfangebot eines niedergelassenen Kinderarztes an die Eltern zur Information weiter zu leiten“. Es sei „keine vom GEV-Vorstand initiierte Impfaktion. Wir betonen, dass wir lediglich eine Information weitergeleitet haben, um Eltern, die Ihr Kind gerne impfen lassen möchten, zu informieren, wo dies möglich ist. Wir geben keinerlei Impf-Empfehlung ab. Dies obliegt der alleinigen Entscheidung der Eltern“.