Auto gegen Rad: Ungebremst auf eine Berliner Kreuzung gerast

Unser Kolumnist fährt in Berlin wirklich gern mit dem Rad, aber er fürchtet sich ein wenig vor SUV. Dieses Vorurteil ändert sich durch einen Beinahe-Unfall.

Auto gegen Radfahrer oder Rad gegen Autofahrer - eine Ansichtssache.
Auto gegen Radfahrer oder Rad gegen Autofahrer - eine Ansichtssache.IMAGO / Michael Gstettenbauer

Es gibt noch Wunder. Wirkliche Wunder. Denn wir alle haben Vorurteile, doch dann passiert etwas, das sie einfach umwirft. Vorurteile sind erst einmal nicht schlecht, weil sie uns erste Orientierungen im Chaos des Lebens geben. Wer jedoch bei den Vorurteilen hängen bleibt, handelt intellektuell fahrlässig. Wer seine Vorurteile aber überprüft, kann sie zu Urteilen formen, die dabei helfen, sich etwas sicherer durch das Chaos des Lebens zu bewegen.

Im Verkehr schließen wir ganz schnell vom Auto auf die Fahrer. Ich zum Beispiel bin vorsichtig, wenn ein SUV naht. Diese geländewagengroßen Autos passen gut zu Jägern vom Lande, die im riesigen Kofferraum auch mal ein totes Reh transportieren müssen. Doch SUV werden oft von Großstädtern gefahren, die nur eine Einkaufstüte bewegen wollen. Die Fahrer sitzen etwas erhöht – wie Könige der Straßen.

Schon ist das Vorurteil da: SUV-Fahrer sind arrogant und blinken nie. Aber auch ein Freund fährt ein solches Auto. Er ist nicht arrogant und blinkt immer.

Trotzdem zeigt meine Langzeitbeobachtung: Es gibt mehr SUV-Fahrer, die nicht blinken, als Nichtblinker in Rostlauben.

Dann passierte Folgendes: Ich fuhr mit dem Rad ganz vorbildlich auf dem Radweg, als eines dieser Riesenautos im Weg stand. Erster Gedanke: „Vorsicht SUV!“ Doch der Fahrer sah mich, grüßte entschuldigend, legte den Rückwärtsgang ein und gab den Weg frei. Zweiter Gedanke: „Ein Wunder.“ Ich nickte ihm besonders freundlich zu.

Vier Kreuzungen weiter wäre es dann fast passiert. Zwei gleichberechtigte Straßen trafen aufeinander. Manche Radfahrer kennen sich mit der Vorfahrt nicht aus, weil sie keine Fahrprüfung ablegen mussten. Aber Autofahrer lernen, dass rechts vor links gilt. Ich kam von rechts und rollte vorsichtig an die Kreuzung, von links kam ein rostiger Corsa. Erster Gedanke: „Ich habe Vorfahrt. Aber darf ich es auch wagen?“

Zweiter Gedanke: „Ja. Der Corsa fährt langsam. Außerdem ist es eine schmuddelige Klapperkiste und kein tiefer gelegtes Angeberauto.“

Also wagte ich es. Doch der Corsa bremste nicht, auch nicht kurz vor dem Zusammenprall. Ich schrie laut. Der Fahrer mit der unangezündeten Zigarette im Mund blickte von seinem Handy auf und ging in die Eisen. Seine Stoßstange und mein Bein trennten 15 Zentimeter.

Ich dachte, dass er sich entschuldigt, weil er fast einen Menschen umgefahren hatte. Aber er fuchtelte mit der Zigarette herum. Die Botschaft des Mannes in der Rostlaube war eindeutig: „Verschwinde endlich. Die Straße gehört mir.“

Eine Frau, die alles beobachtet hatte, sagte: „Das sah gefährlich aus, echt gefährlich.“ Ich nickte. Kein Wunder, dass ich dachte: „Traue keiner Rostlaube mehr.“