Ungewöhnlicher Weltkongress: Tagung über die dringendsten Fragen der Zukunft

Berlin - Die Teilnehmerliste kann sich sehen lassen: Prominente Wissenschaftler aus aller Welt werden erwartet, Künstler und Politakteure, etwa Ayesha Khanna, die sich mit künstlicher Intelligenz befasst, Luciano Floridi, Professor für Philosophie und Informationsethik in Oxford oder Hlomela Bucwa, die mit 24 Jahren jüngste Politikerin des südafrikanischen Parlaments.

Im Oktober veranstaltet der Berliner Konferenz- und Tourismusvermarkter "Visit Berlin" erstmals selbst eine eigene Konferenz. Es wird eine international neuartige Tagung sein, wie es sie in Berlin so noch nicht gegeben hat, verspricht Burkhard Kieker, Geschäftsführer von Visit Berlin der Tourismusgesellschaft für die Hauptstadt.

Weltniveau bei Tagungen aller Art

Berlin ist weltweit führend, wenn es um internationale Kongresse geht. Laut Visit Berlin gibt es jedes Jahr etwa 137.000 Veranstaltungen, Kongresse jeder Art oder wissenschaftliche Tagungen mit 11,6 Millionen Teilnehmern. "Doch oft erleben die Leute nicht mehr als ihren Konferenzsaal", sagt Burkhard Kieker. Und die Berliner bekämen auch nichts davon mit.

"Q Berlin Questions" heißt die Konferenz. Seit mehr als einem Jahr laufen die Vorbereitungen, etwa 400 internationale Gäste sind eingeladen und werden sich am 19. und 20. Oktober im Schillertheater treffen.

Die Konferenz solle, sagt Kieker, "keine wissenschaftliche Fachkonferenz" sein, vielmehr eine Tagung, "auf der die wesentlichen Fragen der Welt allgemeinverständlich diskutiert werden". Dabei geht es um fünf Themen: die Zukunft der Arbeit, die beste Form des Regierens, um kulturelle Identität, um soziale Gerechtigkeit und Urbanisierung.

Keine langen Vorträge

Der Berliner Weltkongress wird schon von seiner Gestaltung her von allen bisher gewohnten Tagungsformen abweichen. Niemand der geladenen Redner steht vor hunderten Zuhörern am Pult, lange Einzelvorträge sind nicht eingeplant. Vielmehr soll es im Schillertheater Diskussionsrunden nach dem Vorbild einer Agora geben.

Das waren öffentliche und gleichberechtigte Versammlungsorte im antiken Griechen, etwa auf dem Marktplatz. Dort konnte jeder mitreden. "Bei unserem Kongress wird es keine Frontalsituation wie in einer Fernsehtalkshow geben", sagt Kieker. Vielmehr säßen Zuschauer mit auf der Bühne. Und reden mit.

Deko aus gebrauchten Materialien

Die indische Architektin Anupama Kundoo wird für das Schillertheater als Kongressort ein Bühnenbild entwerfen. Sie ist bekannt für ihre Werke aus gebrauchten Materialien, hat schon ein Haus aus Altpapier gebaut. Für die Gestaltung des Schillertheaters arbeitet sie mit der Berliner Müllabfuhr zusammen.

Der Autor, Filmemacher und Kulturforscher Michael Schindhelm kümmert sich um die inhaltliche Ausrichtung des Kongresses. "Wir stellen Fragen und wir haben nicht die ultimativen Antworten." Er erlebe angesichts der weltweiten Ereignisse "eine gewisse Nachdenklichkeit, Vorsicht und Skepsis". Umso wichtiger sei der Austausch der Generationen zu den Fragen nach gesellschaftlichen Konzepten.

Exkursionen durch die Stadt

Genügend Möglichkeiten dafür wollen die Veranstalter schaffen. So werden die Teilnehmer zu privaten Abendessen eingeladen. Bei Familien oder Persönlichkeiten und Institutionen. Auf zehn Exkursionen lernen die Gäste die sozialen Brennpunkte der Stadt kennen, in Moabit, Mitte, Schöneberg oder Neukölln. Besuche bei Nichtregierungsorganisationen und wissenschaftlichen Einrichtungen sind geplant.

Bei der Veranstaltung mit dem Namen Marathon am 20. Oktober treffen sich um 18 Uhr der Regierende Bürgermeister Michael Müller und der berühmte Architekt Rem Koolhaas, später wird es im Schillertheater bis nach Mitternacht ein Live-Programm mit Vorträgen, Diskussionen, Performance und Musik geben. Bis zu 700 Berliner und Berlin-Besucher können daran teilnehmen. Der Kartenverkauf beginnt im späten Sommer.

"Die Welt traut uns so etwas zu"

Mit einem sechsstelligen Betrag finanziert Visit Berlin die Konferenz. Das Geld sei eine "Investition in die Marke Berlin", sagt Visit Berlin-Chef Kieker. Berlin sei zwar führend im Kongressgewerbe, doch die thematische Vielfalt der Tagungen erinnere an einen "fröhlichen Gemischtwarenladen", sagt Kieker.

Das soll sich ändern. Die Veranstalter sehen die Konferenz als Experiment, das sehr gut zur Stadt passe. "Berlin ist der Ort, an dem über die wesentlichen Themen der Gegenwart und Zukunft nachgedacht wird", sagt Kieker. Bei den Vorbereitungen habe er häufig gespürt: "Die Welt traut uns so etwas zu. Trotz BER."