Berlin - Zwei Tage nach dem Unglück in Tegel hat es bei der Berliner S-Bahn erneut einen Unfall gegeben. Am Donnerstag prallte ein Zug der Linie S 7 zwischen Grunewald und Westkreuz gegen einen abgebrochenen Ast. Auf der stark genutzten Strecke haben sich schon mehrere Baumunfälle ereignet.

Es geschah in einer Kurve. Der S-Bahn-Zug war mit 261 Fahrgästen in Richtung Ahrensfelde unterwegs, als plötzlich ein größerer Ast in den Fahrweg hineinragte. Obwohl der Fahrer eine Schnellbremsung einleitete, ließ sich die Kollision nicht mehr verhindern. „Die Frontscheibe bekam einen Sprung“, sagte ein Sprecher. Dann verfing sich der Ast im Drehgestell. Gegen 10.20 Uhr war die Fahrt erst einmal zu Ende.

Nicht die erste Kollision mit Baum

„Massenanfall von Verletzten“ – so lautete das Stichwort, unter dem die Feuerwehr Großalarm auslöste. Sie rückte mit einem Notarzt- und drei Rettungswagen an. Doch der Unfall war glimpflich verlaufen. Zwar hatte der Fahrer einen Schock, aber die Fahrgäste waren wohlauf. Zwei von ihnen ließen sich aber später von einem Notarzt betreuen. Mit der Räumung der Unglücksstelle kurz vor Westkreuz hatte die Feuerwehr länger zu tun. Erst nach anderthalb Stunden fuhr die S-Bahn weiter.

Auf der S-Bahn-Strecke, die kilometerweit durch den Grunewald und den Forst Düppel führt, hatte es zuletzt im Juli und November 2011 sowie im Mai 2012 Baumunfälle gegeben. Fahrgäste wurden nicht verletzt. Doch stets waren Schäden am Zug und Betriebs-Unterbrechungen die Folgen. „DB Netz kontrolliert die Strecke einmal im Jahr“, sagte der Bahnsprecher. Vorgabe sei, dass auf Sechs-Meter-Streifen beiderseits der Böschung keine Bäume stehen dürfen. Auch die Waldränder würden kontrolliert. Ganz auszuschließen wäre es jedoch nicht, dass Äste abbrechen oder Bäume umfallen.

Ebenfalls am Donnerstag gingen die Nachforschungen zum S-Bahn-Unfall in Tegel weiter. Am Dienstag wurden sechs Menschen verletzt, weil unter einem fahrenden Zug der S 25 nach Hennigsdorf plötzlich eine Weiche umgestellt wurde. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Berlin Ermittlungen aufgenommen, sagte Justizsprecher Martin Steltner auf Anfrage. Dabei gehe es um einen möglichen „gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr“, teilte er mit.

„Der Fokus der Ermittlungen liegt derzeit auf den betrieblichen Abläufen“, sagte Moritz Huckebrink vom Eisenbahn-Bundesamt. Wie berichtet gibt es Anhaltspunkte dafür, dass das Stellwerkspersonal in Tegel die Weiche umgestellt hatte.

„Es war die organisierte Überforderung“, sagte der Berliner Fachautor Erich Preuß. Nach einem Blitzeinschlag am Montag waren in Tegel die Steuerung eines Bahnübergangs und ein Teil der Sicherungstechnik ausgefallen. Der 54-jährige Fahrdienstleiter musste viele zusätzliche Handlungen ausführen, die ihm bislang von der Technik abgenommen worden waren, und dann noch eine neue Kollegin in die Anlagen sowie in die Vorschriften einweisen.

Als das Personal den Zug in Richtung Hennigsdorf abfahren ließ, hätte es sich vergewissern müssen, dass das Gleis frei war, bevor es die Weiche umstellte, so ein S-Bahner.

Vorschriften missachtet

Nach Informationen der Berliner Zeitung soll der Tegeler S-Bahn-Unfall auch im Mutterkonzern Deutsche Bahn (DB) aufgearbeitet werden. In jüngster Zeit seien Vorschriften für einen sicheren S-Bahn-Betrieb nicht immer beachtet worden, wird berichtet. „Vor allem dann, wenn vom Regelbetrieb abgewichen werden muss, kommt es zu Unregelmäßigkeiten, die ein Gefahrenpotenzial haben können“, sagte ein Bahnexperte. So durften sich jüngst auf einem Streckenabschnitt im Nordosten Berlins mehrere S-Bahnen gleichzeitig bewegen, was offiziell nicht bestätigt wurde. Nun sollen sich dem Vernehmen nach Betriebseisenbahner kommende Woche bei DB Netz einfinden – zu einer Belehrung, wie es intern hieß.