Es hat etliche Politiker gegeben, die in den vergangenen Jahren über falsche Doktortitel gestolpert sind. CSU-Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg war der bekannteste, auch Berlins CDU-Fraktionschef Florian Graf wurde sein Titel 2012 aberkannt.

Dass aber eine Politikerin wegen des anmaßenden Umgangs mit dem Titel „Bachelor of Arts“, der niedrigsten akademischen Weihe, plötzlich vor einer völlig ungewissen politischen Zukunft steht, das hat es wohl noch nicht gegeben.

Evrim Sommer, Bürgermeisterkandidatin der Linken in Lichtenberg, sollte am Donnerstagabend eigentlich von der BVV an die Spitze des Bezirksamts gewählt werden. Doch während der Sitzung wurde bekannt, dass sie nach Recherchen der zeitgleich ausgestrahlten RBB-Abendschau unklare Angaben zu ihrem Uniabschluss gemacht hat. So bezeichnete sie sich als Historikerin und machte in offiziellem Zusammenhang Angaben, die nahelegen, dass sie das dreijährige Studium abgeschlossen hat.

Tatsächlich jedoch hat Sommer ihre Abschlussarbeit erst am Mittwoch verteidigt. Sie hat also über längere Zeit und während des Wahlkampfs einen Studienabschluss vorgetäuscht. Die Wahl wurde nach zwei Wahlgängen ohne Mehrheit für Sommer abgebrochen. Ob sie wiederholt wird, ist ungewiss.

Sommers Bewerbung für das Amt war von Anfang an ein Wagnis. Nicht nur, weil sie kaum Verwaltungserfahrung mitbringt – dies gilt als wichtige Anforderung für Stadträte und Bürgermeister. Dieses Manko war einer der Gründe, weshalb Sommer es als Kandidatin auch in der eigenen Partei schwer hatte. Mit nicht einmal zwei Dritteln der Stimmen setzte sie sich gegen ihren Herausforderer Michael Grunst durch.

Juristische Folgen nicht ausgeschlossen

Die 45-Jährige nahm das als Ansporn. Sie wollte beweisen, dass sie an die Spitze gelangen kann als Migrantin im Osten der Stadt. Sie wollte wohl auch nach 17 Jahren als einfache Abgeordnete ein politisches Amt. Und sie schaffte ein ordentliches Wahlergebnis. 29,8 Prozent der Stimmen erlangte die Linke. Der Verlust von 4,4 Prozent hielt sich angesichts der AfD-Konkurrenz in Grenzen.

Ob Sommer davon etwas haben wird, ist zweifelhaft. Ihre parteiinternen Rivalen dürften alles daran setzen, eine erneute Wahl zu verhindern. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass der geschönte Lebenslauf juristische Folgen hat. Mit ihrer lächerlichen Schummelei hat Sommer maximalen politischen Flurschaden angerichtet. Die Sitzung der Lichtenberger BVV verließ sie beinahe fluchtartig.